Jüdisches Leben
in Bayern

1364-1366: Schuldbriefe aus Burghausen

Schuldbriefe der Burghauser Bürger Ulrich Schreiber, Heinrich Gnadler und Christian Messerer an den jüdischen Bankier Veiflein in Landshut, 25. November 1364 / 16. Februar 1365 / 25. Juni 1366. Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kurbayern Urkunde 34 917, früher Gerichtsurkunde Burghausen 12 / Kurbayern Urkunde 18 610, früher Gerichtsurkunde Burghausen 11 / Kurbayern Urkunde 6196, früher Gerichtsurkunde Burghausen 13. Edition aus: Johann Dorner / Stadt Burghausen - Stadtarchiv (Hg.): Burghauser Urkundenbuch 1025-1503. Burghausen 2006 (= Burghauser Geschichtsblätter 54), Nr. 69-71.

Vorbemerkung

Burghausen erlebte vom 13. bis 16. Jahrhundert politisch und wirtschaftlich seine Glanzzeit. Mit dem Salzhandel wurde die Stadt reich: Durch ein Privileg des römisch-deutschen Kaisers Ludwig IV. des Bayern (reg. 1314–1347) wurde das für Bayern bestimmte Salz aus den Minen von Hallein auf der Salzach bis nach Burghausen verschifft, dort verzollt und von sogenannten Salzfertigern weiterverkauft.

Die "reichen" Herzöge von Bayern-Landshut (Niederbayern) erweiterten die Burghauser Burg zur heute längsten Burganlage der Welt: Gleichzeitig ein Bollwerk gegen die Osmanen, Schatzkammer, Familiensitz, Nebenresidenz und Luxusgefängnis für Adelige. Burghausen selbst war seit 1397 ein Vitztumsamt bzw. ab 1507 ein Rentamt.

In Landshut, dem Regierungssitz des bayerischen Teilherzogtums, existierte in den 1360er Jahren eine kleine, doch rasant wachsende und anscheinend wohlhabende jüdische Gemeinde (Kehillah). Vielleicht ist der in den Schuldbriefen erwähnte Bankier Veiflein mit dem "Judenkönig" gleichen Namens identisch – einem Gemeindevorstand (Barnos) oder Rabbiner – der zwischen 1360 und 1375 nachweislich in Landshut ansässig war.

In Burghausen bleibt die Einordnung hingegen schwierig: Bauliche Spuren eines Ritualbads oder einer Synagoge gibt es nicht, vor den Pestverfolgungen 1348/49 soll es lediglich eine Gemeinschaft (Jischuw) gegeben haben. Nur vereinzelt wurden später jüdische Geschäftsleute im Zusammenhang mit Burghausen aktenkundig. Als 1450 alle Juden das Herzogtum Niederbayern verlassen mussten, unterzeichnete auch ein "Jakob [...] aus Burghausen" die Urfehde.

Die Begriffe "Pfennig" und "Pfund" benötigen eine kurze Einordnung: Die Münzherstellung war ursprünglich ein königliches Regal (Privileg), das durch formelle Übertragung oder Bestätigung verliehen oder vermietet wurde. Im Heiligen Römischen Reich bestanden dutzende verschiedene Währungen nebeneinander, denn alle souveränen (reichsunmittelbaren) Fürsten konnten in ihren Herrschaften eigenes Geld ausgeben: Herzöge und Grafen, freie Städte, auch Reichsabteien und Fürstbischöfe.

Seit der Zeit Karls des Großen bis in das ausgehende Mittelalter war der silberne Pfennig die gängigste Münze im Heiligen Römischen Reich. Bedeutende süddeutsche Prägestätten lagen in Regensburg, Wien und Schwäbisch Hall. Noch im 15. Jahrhundert zählte man größere Geldbeträge in der Regel als gewogene Mengen von Pfennigmünzen. Das in den Archivalien erwähnte Pfund setzte sich aus 240 Pfennigen beziehungsweise 20 Schillingen zusammen. Diese traditionelle Aufteilung blieb zuletzt in Großbritannien bis zur Einführung des kontinentalen Dezimalsystems 1971 gültig.

Quellentext

Ich Ülr[ich] der Schreibär, purger cze Purchausen, mein hausfrawe und alle unser erben verjechen und tün chund offenleich mit dem brief, daz wier schuldich worden sein und gelten sullen Veifanten dem Juden, seiner haüsfraw und allen iern erben, vierczechen pfunt Rengspurger pfenning, und davon wir den vorgenanten Juden wochenleichen geben sullen ze gesüch je ainem pfunt drey gut Regens[purger], als lang und si gestent unabgericht dacz in. Si habent auch vollen gewalt, wan si wellent uns cze monen. Und ze hant nach ierr monung sullen wir antwurtten güteu voligundeu pfant, damit si ires geltz, haupgücz und schadens, davon bechomen mügen. Täten wir dez nicht und in nicht pfant antwurten ze han nach ierr monung, swittan schaden si dez naemen, den ir ains gesprechen mocht pei seinen trewn, an ayd, denselben schaden mitsampt dem hauptguet sullen wir in abtuen und widerchern, und sullen auch haupgüt und schaden haben dacz uns, unsern trewen, darzü auf aller unser hab, swo wir die haben, inner lancz oder auzzer lancz, vor allen anderen läuten und unsern geltern voraüz. Wir verjechen auch, ob wir mit den egenanten Juden ze recht oder ze chrieg chämen, diselben recht und chrieg sullen si allezeit hincz uns behabt haben und wir verlorn. Swer auch den brief innehat mit ierm guten willen und uns damit mont, derhat alle di recht in aller der mazz, als in selben oben ist verschriben. Und daruber ze einem urchunde heben wir in den brief, ich Ulr[ich] der Schriebär, mit meinem aygem anhangendem insigel versigelten, darunder sich zesamt mir verpindet mein haüsfraw und alle unser erben mit irn trewn, allez daz stat ze haben und cze volfürn, daz oben ist verschriben. Der brief ist geben, do man zalt von Christi gepurt dreuczechenhundert jar, darnach in dem vierundsechczigsten jar, an sand Katrein tag.

Ich, Ulrich der Schreiber, Bürger zu Burghausen, meine Ehefrau und alle unsere Erben bekennen und machen mit dieser Urkunde öffentlich bekannt, dass wir Veifant [eig. Veiflein], dem Juden, seiner Ehefrau und allen ihren Erben vierzehn Pfund Regensburger Pfennige schulden und diese zu bezahlen haben. Von dieser Schuld verpflichten wir uns, dem genannten Juden wöchentlich für jedes Pfund drei gute Regensburger Pfennige als Zins zu entrichten, solange die Schuld unbezahlt bleibt. Sie [die Gläubiger] haben jederzeit das Recht, uns zur Zahlung aufzufordern. Unmittelbar nach einer solchen Mahnung sind wir verpflichtet, ihnen ausreichende und werthaltige Pfänder zu übergeben, damit sie daraus ihr Geld, das Hauptgut [das entliehene Kapital] als auch die entstandenen Schäden [d.h. Verzugs-, Reise- und Prozesskosten] decken können. Sollten wir dieser Verpflichtung nicht nachkommen und ihnen nach der Mahnung keine Pfänder übergeben, so haben wir ihnen mitsamt der Hauptschuld jeden Schaden vollständig zu ersetzen, den sie dadurch erleiden. Zur Feststellung genügt die Erklärung eines von ihnen auf seine Treue hin, ohne Eidesleistung. Für Hauptschuld und Schaden haften wir persönlich mit unserem Wort sowie mit unserem gesamten Vermögen, gleichgültig, ob es sich innerhalb oder außerhalb des Landes befindet. Die Forderung der genannten Juden soll dabei Vorrang vor allen anderen Gläubigern haben. Ferner bekennen wir, dass wir, falls es zwischen uns und den genannten Juden zu einem Gerichtsverfahren oder einer anderen Auseinandersetzung kommen sollte, so sollen sie uns gegenüber stets Recht behalten und wir verlieren. Wer diese Urkunde mit ihrem guten Willen [d.h. mit Zustimmung der Gläubiger] besitzt und uns auf ihrer Grundlage zur Zahlung auffordert, soll dieselben Rechte haben, wie sie den Juden selbst nach dem Inhalt dieser Urkunde zustehen. Zum Beweis dessen habe ich, Ulrich der Schreiber, diese Urkunde mit meinem eigenen anhängenden Siegel besiegelt. Unter diesem Siegel verpflichten sich zugleich meine Ehefrau und alle unsere Erben auf Treu und Glauben, alles einzuhalten und zu erfüllen, was in dieser Urkunde festgelegt ist. Gegeben im Jahr 1364 nach der Geburt Christi, am Tag der heiligen Katharina [25. November].

Ich Hainr(ich) der Gnadläer, purger ze Purchauß(en), mein haüsfrawe und alle unser erben verjechen und tün chunt offenbar mit dem brief, daz wir schuldich worden sein und gelten sullen, Veiflein dem Juden, seiner haüsfrawen und allen irn erben fümpf pfunt Rengspurger pfenning, und davon wir den egenanten Juden wochenleichen gelten sullen je auf ein pfunt Rengs[purger] pfenning drey Rengs[purger] pfenning, als lang und si gestent unabgericht dacz egenanten Juden. Wir verjechen auch, wan die egenant Juden ires gelcz nicht lenger geraten wellent, so habent si vollen gewalt, uns darum ze monen. Und ze hant nach irer monung sullen wir in antwurtten huteu voligundeu pfant, damit si ires gelcz, haupgücz und gesüchs, davon bechomen mügen. Täten wir dez nicht und in nach irr monung nicht pfant antwurtten, swittan schaden si dez nämen, denselben schaden sullen wir in abtün, unberet und unberecht iern worten darumb ze gelauben, an ayd, und sullen auch haupgüt und schaden haben dacz uns, unsern trewen, darzü auf aller unser hab, swo wir di haben, besucht und unbesücht, vor allen andern laüten und unsern geltern. Und ob auch wir mit den egenanten Juden ze recht oder ze chrieg chämen, diselben recht und chrieg sullen si alle zeit hincz uns behabt haben und wir verlorn. Swer auch den brief innehat mit irm gütem willen und uns damit mont, der hat alle di recht in den brief mit dez erbern herrn Frid[ichen] dez Nagnekker, purger cze Purch(ausen), anhangendem insigel versigelten, der uns daz daran gelegt hat durich unsrer fleizzigen pet willen, im und allen seinen erben an allen schaden, darunder wor uns verpinden, als wir oben benant sein, mit unsern trwen, allez daz stät ze haben, daz oben ist beschriben. Dez sind zeugenb: Chun[rad] Goldsmid, Hein[rich] WIdmär und Frir[ich] der Widmär. Der geben ist dez nachsten suntags nach Scolastice virginis, millesimo CCCmo sexagesimo quinto.

Ich, Heinrich der Gnadler, Bürger zu Burghausen, meine Ehefrau und alle unsere Erben bekennen und machen mit diesem Brief öffentlich bekannt, dass wir Veiflein dem Juden, seiner Ehefrau und allen ihren Erben fünf Pfund Regensburger Pfennige schulden und diese zu bezahlen haben. Von dieser Schuld verpflichten wir uns, dem genannten Juden wöchentlich für jedes Pfund drei Regensburger Pfennige als Zins zu entrichten, solange die Schuld unbezahlt bleibt. Wir erklären ferner: Wenn die vorgenannten Juden nicht länger auf ihr Geld warten wollen, haben sie das volle Recht, uns zur Zahlung aufzufordern. Unmittelbar nach einer solchen Mahnung sind wir verpflichtet, ihnen ausreichende und werthaltige Pfänder zu übergeben, damit sie daraus ihr Geld, nämlich das Hauptgut als auch die entstandenen Zinsen decken können. Sollten wir dieser Verpflichtung nicht nachkommen und ihnen nach der Mahnung keine Pfänder übergeben, so haben wir ihnen jeden Schaden vollständig zu ersetzen, den sie dadurch erleiden. Dabei ist ihren Angaben über die Höhe des Schadens ohne weitere Einrede und ohne gerichtliche Feststellung Glauben zu schenken, ohne Eidesleistung. Für Hauptschuld und Schaden haften wir persönlich mit unserem Wort sowie mit unserem gesamten Vermögen, wo immer sich dieses befindet, gleichgültig ob bewegliches oder unbewegliches Gut, und zwar mit Vorrang vor allen anderen Personen und unseren übrigen Gläubigern. Und sollte es zwischen uns und den vorgenannten Juden zu einem Rechtsstreit oder einer anderen Auseinandersetzung kommen, so sollen sie uns gegenüber stets Recht behalten und wir verlieren. Wer diese Urkunde mit ihrem guten Willen besitzt und uns auf ihrer Grundlage zur Zahlung auffordert, der besitzt in vollem Umfang alle in diesem Brief festgelegten Rechte. Dieser Brief ist mit dem anhängenden Siegel des ehrbaren Herrn Friedrich Nagenecker, Bürger zu Burghausen, besiegelt. Er hat auf unsere eindringliche Bitte hin sein Siegel daran angebracht, ohne dass ihm oder seinen Erben daraus irgendein Schaden entstehen soll. Wir, die oben Genannten, verpflichten uns bei unserer Treue, alles, was oben niedergeschrieben ist, unverbrüchlich einzuhalten. Dessen sind Zeugen: Konrad der Goldschmied, Heinrich Wimmer und Friedrich Wimmer. Gegeben am Sonntag nach dem Fest der heiligen Jungfrau Scholastika [16. Februar] im Jahr 1365.

Ich Heinr[ich] der Gn dl är und ich Christan der Mezzer r, paid purger ze Purch[ausen], unser hausfrawen und alle unser erben verjechen vnd tün chund offenleich an dem brief, daz wir unuerschaidenleichen miteinander schuldich worden sein und gelten sullen Veiflen dem Juden, seiner hausfrawen und allen irn erben, dreu pfunt sechs schilling und vierzechen pfenning, alles Wienn är pfenning, der wir si wern und richten sullen auf sand Jacobs tag, der nü schierst chumpt, und die ungemont und an schaden auf dem vorgenanten sand jacobs tag gesten sullen. Hinnach so get je auf ein pfunt Wienner pfening drey Wienner pfenning, als lang und si gestent unabgericht. Wär aber, daz di egenanten Juden ires geltz nicht lenger geraten wolden, so habent si vollen gewalt,uns darumb ze monen, und ze hand nach irrer monung sullen wir in anttwurten guter voligunder pfant, damit si ieres vorgenanten gelcz, haupgücz und gesüchs, gar und gancz verricht und gewertet werden. Und sullen auch haupgüt und gesüch haben dacz uns, unser trewn, darzu auf aller unsrer hab, swo wir di haben, besucht und unbesucht, vor allen andern laüten und unsern geltern. Swer auch den brief innehat mit irm gutem willen, der hat alleu di recht in aller der mazz, als in selben oben ist verschriben. Und daruber ze einem urchunde geben wir in den brief dez erbern hern Marcharcz dez Sniczer, ze den zeiten richter ze Purch[ausen], anhangendem insigel versigelten, der uns daz daran gelegt hat durich unsrer fleizzigen pet willen, iem und allen seinen erben an schaden, darunder wir uns verpinden, als wir oben benant sein, mit unsern trewn, alles daz stät ze haben und ze volfüern, daz oben ist verschriben. Dez sind zeugen: Fridr[ich] von Tessling, Friedr[ich] Placzenperger und Albel Püsingär. Der brief ist geben, do man zalt von Christi gepurt dreuzechenhundert jar, darnach in dem sechsundsechzigisten jar, dez pfingcztags nach sand Johans tag ze Sunbenten.

Ich, Heinrich der Gnadler, und ich, Christian der Messerer, beide Bürger zu Burghausen, unsere Ehefrauen und alle unsere Erben bekennen und machen mit dieser Urkunde öffentlich bekannt, dass wir gemeinsam und ungeteilt [d.h. gesamtschuldnerisch] Veiflein, dem Juden, seiner Ehefrau und allen ihren Erben drei Pfund, sechs Schilling und vierzehn Pfennige, alles Wiener Pfennige, schulden und diese zu bezahlen haben. Diese Schuld verpflichten wir uns am kommenden Tag des heiligen Jakobus [25. Juli] zu begleichen. Bis zu diesem Tag soll die Schuld ohne Mahnung und ohne zusätzliche Kosten bestehen bleiben. Danach verpflichten wir uns, für jedes Pfund Wiener Pfennige drei Wiener Pfennige [wöchentlich?] als Zins zu entrichten, solange die Schuld unbezahlt bleibt. Wenn aber die genannten Juden nicht länger auf ihr Geld warten wollen, haben sie das volle Recht, uns zur Zahlung aufzufordern. Unmittelbar nach einer solchen Mahnung sind wir verpflichtet, ihnen ausreichende und werthaltige Pfänder zu übergeben, damit sie daraus ihr genanntes Geld, das Hauptgut als auch die entstandenen Schäden vollständig erhalten und entschädigt werden können. Für Hauptschuld und Schaden haften wir persönlich mit unserem Wort sowie mit unserem gesamten Vermögen, gleichgültig, ob es sich innerhalb oder außerhalb des Landes befindet. Die Forderung der genannten Juden soll dabei Vorrang vor allen anderen Personen und unseren übrigen Gläubigern haben. Wer diese Urkunde mit ihrem guten Willen besitzt, soll in jeder Hinsicht dieselben Rechte haben, wie sie ihnen selbst oben in dieser Urkunde zugesprochen worden sind. Zum Beweis dessen übergeben wir ihnen diese Urkunde, die mit dem anhängenden Siegel des ehrbaren Herrn Marquard Schnitzer besiegelt ist, zu dieser Zeit Richter zu Burghausen. Er hat auf unsere eindringliche Bitte hin sein Siegel daran angebracht, ohne dass ihm oder seinen Erben daraus irgendein Schaden entstehen soll. Unter diesem Siegel verpflichten wir, die oben Genannten, bei unserer Treue, alles einzuhalten und zu erfüllen, was oben in dieser Urkunde festgelegt ist. Dessen sind Zeugen: Friedrich von Döstling, Friedrich Platzenberger und Albel Pusinger. Gegeben im Jahr 1366 nach Christi Geburt, am Donnerstag nach dem Tag des heiligen Johannes zur Sonnwende [24. Juni].

(Vorbemerkung und Transkription von Patrick Charell)