"Quoniam ex iniuncto" (sog. Judendekret) des Kardinals Nikolaus von Kues (1401–1464), anlässlich seiner Legationsreise 1451/52 auf der Bamberger Synode am 30. April 1451 verlesen. Aus: Erich Meuthen (Hg.): Acta Cusana. Quellen zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues 1/3a (1451 Januar-September 5), Hamburg 1996, S. 852-854, Nr. 1251.
Vorbemerkung
Am 23. März 1450 wurde der bedeutende humanistische Universalgelehrte Nikolaus von Kues (lat. Nicolaus Cusanus) zum Bischof von Brixen ernannt. Sein Familienname war eigentlich Cryftz, was im Dialekt seiner Heimat – er stammte aus dem heutigen Bernkastel-Kues an der Mosel – "Krebs" bedeutete. Bevor er sein Amt in Tirol antrat, unternahm Nikolaus bis 1452 als päpstlicher Legat (Botschafter des Heiligen Stuhls) eine ausgedehnte Reise durch das Heilige Römische Reich, ausgestattet mit weitgehenden Vollmachten zur Kirchen- und Klosterreform.
Auf einer Synode in Bamberg veröffentlichte Nikolaus von Kues am 30. April 1451 das von ihm selbst ausgearbeitete Judendekret "Quoniam ex iniuncto". Unter anderem erneuerte und verschärfte es die Verpflichtung, dass Juden sich durch spezielle, an der Kleidung befestigte Zeichen offenkundig von den Christen zu unterscheiden haben. Später wurde das Dekret auf die Bistümer Würzburg, Magdeburg, Mainz und Köln ausgedehnt, wodurch es sich mehr oder weniger im ganzen Heiligen Römischen Reich durchsetzte.
In weiten Teilen des Reiches hatte sich bereits der Judenhut als Zwangskennzeichen etabliert. Nikolaus von Kues folgte nun einem "wissenschaftlicheren" Ansatz und nahm das bereits vom IV. Laterankonzil 1215 angeführte 4. Buch Moses (15,38) als Grundlage: "Rede zu den Israeliten und sag zu ihnen, sie sollen sich Quasten an ihre Kleiderzipfel nähen, von Generation zu Generation, und sollen an den Quasten eine violette Purpurschnur anbringen". Gemeint sind die langen Troddeln (Zizith) am Kleinen Gebetsmantel (Tallit Katan), den fromme Juden unter ihrer Oberkleidung tragen. Während der hebräische Text also eindeutig eine blaue Farbe vorschreibt, kann die griechische Version blau-violett oder gelb bedeuten. Martin Luther hatte sich in seiner deutschen Bibelübersetzung für gelb entschieden, während Nikolaus von Kues nun beide Farben gleichzeitig verwendete: Als neue Zwangskennzeichen führte er den Gelben Ring für Männer und blaue Bänder für die Kopftücher oder Schleier der Frauen ein.
Der Gelbe Ring sollte nicht kleiner sein als die Länge eines gewöhnlichen Fingers ("cuius diameter communis hominis digito minor non sit"). Die Farbe Gelb wurde nicht zufällig ausgewählt: Gelbe Abzeichen brandmarkten diskriminierte Randgruppen der Gesellschaft. In der christlichen Kunst des Mittelalters war ein fahles, fast grünliches Gelb (im Gegensatz zu Gold) das Symbol für Gottesfeindschaft und Sünde, Wollust, Neid, Ketzerei und Krankheit.
Hielten sich Juden nach Ablauf der eingeräumten Frist von drei Monaten nicht an diese Vorschrift, so würde über jene Pfarrei, in der sich diese Juden aufhielten, das [Lokal-]Interdikt verhängt und zwar so lange, bis die Säumigen vertrieben seien. Dies galt auch für später zugezogene Juden, denen jeweils zehn Tage Zeit zugestanden wurde. Die Entscheidung beruhte auf dem kanonischen Recht (Kirchenrecht) und zielte darauf ab, die christliche Bevölkerung zur Durchsetzung dieser Regeln bei den Juden zu zwingen.
Die sog. Neubauer Chronik aus Nürnberg schreibt dazu: "Anno 1451 Jar haben die Juden angefangen, die gelben Ringlein an den Kleidern zu tragen und die Weiber die blaben Stramen auf den Schlaren, das man sie darbey kendt". Der Gelbe Ring wurde am 1. August 1551 durch ein Mandat Kaiser Ferdinands I. bestätigt und blieb bis in das späte 18. Jahrhundert gültig (Österreichisches Staatsarchiv, HHStA StK Patente 2-111).
Quellentext
Quoniam ex iniuncto officio nobis incumbit, ut, quantum nostrarum est virium, sacrorum canonum, in quibus de ludeis inter alia reperitur, quod ludei in vestitu a christianis discerni et non solum usurariam non exercere pravitatem, sed eciam ad usurarum restitucionem cogi debeant, observanciam inducamus, hinc est, quod nos volentes eam humanitatem in Bambergensi diocesi, que apostolice sedi inmediate subiecta est, ludeis ipsis exhiberi, que in Romana urbe christianitatis primatum obtinente ludeis exhibetur, sacro Bambergensi diocesano concilio, cui auctoritate apostolica presidemus, concorditer approbante statuimus et ordinamus, quod inantea a festo sancti Petri ad vincula proxime iam futuro inchoando omnes et singuli ludei in ipsa Bambergensi diocesi existentes circulum, cuius diameter communis hominis digito minor non sit, ante pectus in eorum veste aut mantello palam et publice, ita quod omnium eos intuencium oculis appareat, de croceis filis visibiliter consutum in signum differende, ut a christianis discernantur, deferre debeant et teneantur, quodque Iudee mulieres in earum peplo, quem publice portare sint astricte, duas blaveas rigas visibiliter apparentes deferant, ac eciam quod a dicto tempore deinceps ab omni usuraria pravitate quo ad christianos abstineant omnino et, si hec fecerint, tune, nisi in fidem nostram orthodoxam machinentur, in eis per ecclesiam catholicam permissis poterunt tollerari.
Weil es nun Unserer auferlegten Pflicht zufällt, dass Wir, soweit es Uns möglich ist, die Einhaltung der heiligen Gebote herbeiführen sollen, in denen Wir unter anderem in Bezug auf die Juden beschließen, dass sie sich von den Christen in ihrer Kleidung unterscheiden sollen, und nicht nur keinen [weiteren] widernatürlichen Wucher praktizieren, sondern auch gezwungen sind, den Schaden wieder gut zu machen; daher ist es Unser Wunsch für die Bevölkerung der Diözese Bamberg – welche unmittelbar dem Apostolischen Stuhl untersteht – dass die Juden dasselbe erfahren, was den Juden in der Stadt Rom, dem Haupt der Christenheit, wiederfährt; und in Übereinstimmung mit der heiligen Synode der Diözese Bamberg, der Wir mit apostolischer Autorität vorstehen, beschließen und verordnen Wir, dass zum nahenden Petri Kettenfest [1. August] jeder einzelne in der Diözese Bamberg lebende Jude dazu verpflichtet sein soll, künftig an seinem Gewand oder Mantel auf Brusthöhe einen Ring öffentlich zu tragen, dessen Durchmesser nicht kleiner sei als die Länge eines gewöhnlichen Fingers – damit ihr Erscheinen allen klar vor Augen liegt – hergestellt aus gut sichtbarem gelben Stoff oder Garn, das sollen sie behalten und tragen, damit sie sich von den Christen unterscheiden, und dass die jüdischen Frauen in jenen Schal, den sie auf der Straße zu tragen verpflichtet sind, zwei sichtbare blaue Streifen anbringen. Und wenn sie dies tun und sich nicht in unseren rechten Glauben einmischen, dann kann man sie mit Erlaubnis der katholischen Kirche tolerieren.
Si vero a dicto tempore ultra ab usuris non se abstinuerint et prescripta dinoscencie signa non portaverint manifeste, extunc tota illa parrochia, ubi tazo les Iudei moram traxerint aut fuerint, ecclesiastico ipso facto supposita sit interdicto, quam et nos extunc prout exnunc et exnunc prout extunc in casu prefato dicto sacro approbante concilio ecclesiastico et strictissimo supponimus interdicto illudque ibidem, quamdiu inibi dicti Iudei fuerint, volumus observari, precipientes sub penis iuris in locis interdictis celebrantibus infüctis, ne quovismodo quisquam sacerdos regularis vel secularis eciam apostolice sedi inmediate subiectus infra parrochiam huiusmodi publice divina celebrare presumat tali sie per nos lato interdicto durante.
So sie sich aber nach der genannten Zeit nicht des Wuchers enthalten, und nicht die vorgeschriebene Kennzeichnung ihrer Religion deutlich tragen, so soll rückwirkend und von jenem Zeitpunkt an die gesamte Pfarrgemeinde, in der sich diese Juden zeitlich aufhalten oder leben, im oben genannten Fall durch ihren Geistlichen unter das strengste kirchliche Interdikt gestellt werden – mit Einverständnis der heiligen Kirchensynode – und zwar solange, wie die besagten Juden dort sind. Wir wollen unter Androhung der Strafe der vor Ort geltenden Gesetze beachtet wissen und verordnen, dass in keiner Weise irgendein Ordensgeistlicher oder ein dem apostolischen Stuhl unterstellter Weltpriester es wagen sollte, jedweden öffentlichen Gottesdienst zu feiern, solange der Bann von Unserer Seite aus nicht gelöst wurde.
Exhortamur quoque omnes et singulos christianos, presertim cohercivam habentes potestatem, ne in suarum animarum grave periculum contra premissa huiusmodi ludeos favendo causa sint aut occasio interdicti, sed deo obsequium pocius prestando huic ordinacioni sive statuto synodice, que pro canonum execucione hanc interdicti penam iudicat oportunam, ut tenentur, obediant, ne notari valeant, quod ipsi ob modicum temporale commodum Iudeorum munera cultui preferant divino.
Wir ermahnen auch alle und jeden einzelnen Christen, insbesondere wenn sie über weltliche Macht verfügen: Dass sie sich nicht in eine ernste Gefahr für ihre Seelen begeben und durch die Vorschübe der Juden als Ursache oder Anlass unter den Bann geraten; sondern gegenüber Gott dieser Verordnung und synodalen Satzung Gehorsam zu leisten, welche die besagte Strafe des Interdikts für die Durchsetzung des festgelegten kanonischen Rechts als zweckmäßig erachtet – damit nicht gar aufkomme, dass sie selbst um eines kleinen zeitlichen Vorteils willen das Geld der Juden der Anbetung Gottes vorziehen.
Verum si contingeret, quod in aliquem dicte dyocesis locum, ubi eciam diu prius Iudei non fuerunt, ipsi Iudei advenirent quocumque tempore post iam dictum sancti Petri ad vincula festum, volumus et similiter statuimus, quod tune max, postquam ludei se inibi ad residenciam firmaverint, plebanus ecclesie parrochialis ibidem palam teneatur populo in ecclesia insinuare, quod, nisi infra decem dies ab huiusmodi insinuatione proximo venturos Iudei ipsi prefata dinoscencie signa portaverint et ab omni usura cessaverint, ut prefertur, quod tune, quamdiu in parrochia illa fuerint, parrochiam ipsam ecclesiastico suppositam sciant interdicto, quam et nos exnunc prout extunc in tum predictum ecclesiastico et strictissimo supponimus interdicto, inhibentes ne in locis interdictis huiusmodi alia fiant ipso durante interdicto nisi ea, que de iure in talibus fieri permittuntur.
Sollte es aber vorkommen, dass diese Juden an irgendeinem Zeitpunkt nach dem oben erwähnten Petri Kettenfest an irgendeinen Ort der besagten Diözese kommen, wo es schon lange vorher keine Juden gab, so wollen Wir und ordnen gleichsam an: Sobald sich Juden dort niedergelassen und Wohnstatt genommen haben, soll der Leutpriester der Pfarrei von der Kanzel aus dem Volk offen zu verstehen geben, dass jene Pfarrei dem kirchlichen Interdikt unterliegt, wenn sich die Juden nicht binnen zehn Tagen nach entsprechender Bekanntgabe die Schandzeichen anlegen und des Wuchers enthalten. Ausgehend von jenem oben genannten allerstrengsten Kirchenbann untersagen Wir, dass an dem gebannten Orte rückwirkend und von jenem Zeitpunkt an während seiner Dauer jegliche gottesdienstliche Handlungen getan werden dürfen, außer denen, die in solchen Fällen kirchenrechtlich zulässig sind.
Datum Bamberge in synodo diocesana per nos inibi in choro maioris ecclesie sollemniter celebrata die veneris ultima mensis aprilis.
Gegeben zu Bamberg im Rahmen einer Diözesansynode, die wir dort am letzten Freitag im April im Chor der Hauptkirche feierlich zelebriert haben.
(Vorbemerkung und Übersetzung von Patrick Charell)
- Armin Torggler: Verbotene Farben. Die Rolle von Textil und Kleidung in den Reformbestrebungen des Nicolaus Cusanus. In: Josef Gelmi u.a. (Hg.): Nicolaus Cusanus. Ein unverstandenes Genie in Tirol. Bozen 2016 (= Runkelsteiner Schriften zur Kulturgeschichte 9), S. 105-131.