Jüdisches Leben
in Bayern

Weimarer Republik und NS-Zeit

Ende des Ersten Weltkriegs rückte die bayerische Hauptstadt ins Zentrum des deutschen politischen Geschehens: Die Novemberrevolution 1918, die das Ende der Monarchie einläutete, nahm ihren Ausgang in München. Der aus Berlin stammende Sozialdemokrat Kurt Eisner rief den Freistaat Bayern aus und wurde der erste jüdische Ministerpräsident eines deutschen Staates. Schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt, im Februar 1919, wurde er ermordet – München versank schon bald darauf im Chaos zweier Räterepubliken, die von jüdischen Schriftstellern und Politikern wie Gustav Landauer, Ernst Toller, Erich Mühsam und Eugen Leviné angeführt wurden. Die prominente Rolle jüdischer Figuren in der linken Revolution und Rätezeit wurde von Historikerinnen und Historikern vor dem Hintergrund antisemitischer Instrumentalisierung des Themas lange nur "verschämt" eingeräumt, wie Michael Brenner schreibt. In der Tat darf die auffällige Präsenz von politisch aktiven jüdischen Deutschen im linken Parteienspektrum, in dem allein sie wirklich akzeptiert waren, nicht zur Annahme verleiten, dass die jüdische Gemeinschaft in ihrer Breite besonders revolutionär oder sozialistisch eingestellt war. Im Gegenteil: Die meisten bayerischen Jüdinnen und Juden distanzierten sich vom "linken Experiment". Für Konservative und Bürgerliche in Bayern, auch für jüdische, wurde die Revolution geradezu ein politisches Trauma.

In der rechten Propaganda wurden die als "Novemberverbrecher" betitelten Revolutionäre schnell mit der jüdischen Bevölkerung gleichgesetzt, und der aggressive völkische Antisemitismus glaubte in der Radikalisierung der Rätebewegung endgültig sein Beweismaterial gefunden zu haben. In der Tat radikalisierte sich das Klima in den frühen 1920er Jahren im Zuge der politischen Reaktion noch weiter, und im Herbst 1923 war ein erster judenfeindlicher Höhepunkt erreicht: Der mit diktatorischen Vollmachten agierende Generalstaatskommissar Gustav von Kahr strengte – wie bereits 1920/21 in seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident – im Zeichen der "Ordnungszelle Bayern" eine Ausweisung der "Ostjuden" an. Im November versuchte der Anführer der nationalsozialistischen Bewegung Adolf Hitler einen Putsch, im Zuge dessen Vertreter der jüdischen Gemeinde wie etwa der Rabbiner Leo Baerwald festgehalten, gedemütigt und bedroht wurden. München wurde zum Biotop für Antisemiten und Nationalsozialisten, zur viel zitierten "Hauptstadt der Bewegung". Der alltägliche Antisemitismus äußerte sich in Ausschreitungen zum jüdischen Laubhüttenfest, oder entsprechenden Parolen von Studierenden und Burschenschaftlern. Bei vielen bayerischen Jüdinnen und Juden bildete sich ein tiefes Krisenbewusstsein heraus, was sich in einer verbreiteten orthodoxen oder zionistischen Rückversicherung, einer Rückbesinnung auf jüdische Traditionen, zum Teil geradezu in einer sogenannten Jüdischen Renaissance bemerkbar machte, andererseits aber auch in einem Bevölkerungsrückgang, der nicht zuletzt auf Emigrationswellen zurückzuführen ist.

Das bayerische Judentum kämpfte in dieser Zeit zudem mit strukturellen Problemen wie niedrigen Geburtenraten und einer weiteren Bevölkerungsverschiebung vom Land in die Stadt. Während 1910 in Bayern noch 46.097 jüdische Personen gezählt wurden, war die Zahl bis 1925 auf 41.295 geschrumpft, von denen 60 Prozent allein in den fünf größten Gemeinden (München, Nürnberg, Fürth, Würzburg und Augsburg) lebten; nur mehr ein Viertel war in kleinstädtischen und dörflichen Gemeinden verblieben. Vielerorts konnte der Minjan, die Mindestanzahl der Männer, die per Religionsgesetz für einen Gottesdienst notwendig waren, nicht mehr aufgebracht werden. Gleichzeitig hatte sich mit dem Ende der Monarchie und der Einsetzung der Weimarer Reichsverfassung sowie der neuen Bayerischen Verfassung im August 1919 die rechtliche Stellung der bayerischen Juden wesentlich verbessert: Das Staatsbürgerschaftsrecht sah keinen "Unterschied der Geburt, des Geschlechtes, des Glaubens und des Berufes" mehr vor, es galt das uneingeschränkte Wahlrecht sowie "volle Glaubens- und Gewissensfreiheit". Zudem verfügten die jüdischen Gemeinden bald auch erstmals über einen Dachverband, der den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts sowie das Steuerrecht innehatte. 1921 wurde der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden gegründet, der sich 1926 eine Verfassung gab, die einen Rat und eine Tagung mit Abgeordneten sowie Wahlen vorsah, in denen alle Mitglieder der jüdischen Gemeinden wählen durften. In diesem "jüdischen Parlament" gab es zwar verschiedene Parteien, die jedoch, wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck des immer weiter um sich greifenden Antisemitismus, eng zusammenarbeiteten. Auch grenzte man sich hier dezidiert zu anderen Teilen der Weimarer Republik ab. Es waren insbesondere die bayerischen Juden, die verhinderten, dass eine deutschlandweite Reichsvertretung gegründet wurde.

Gerade die tiefe Verwurzelung der jüdischen Bevölkerung in Bayern war den Antisemiten ein Dorn im Auge. Viele bayerische Traditionen waren mit jüdischen Mitbürgern verbunden. So hatte etwa das Trachtenhaus Wallach für die Verbreitung von Dirndln und Lederhosen gesorgt, und Hermann Schülein exportierte von München aus das Löwenbräu-Bier in die ganze Welt. Auch das für Bayern so typische Bergsteigen war ein besonders beliebter Zeitvertreib bei Jüdinnen und Juden, 1924 jedoch schloss der Alpenverein offiziell jüdische Mitglieder aus. Obwohl die Ära des Ministerpräsidenten Heinrich Held (BVP) die antisemitische Lage vorerst ein wenig beruhigte, zeigte bereits eine 1925 breit gestreute Kampagne gegen das Schächten, wie gefährdet das neue Prinzip der Religionsfreiheit war: 1930 beschloss der Bayerische Landtag trotz energischer Proteste der jüdischen Organisationen schließlich sogar ein Schächtverbot.

Auch die Justiz in Bayern war gefährdet, dem rechten Klima nachzugeben, was bedeutende Gerichtsprozesse der 1920er Jahre verdeutlichen. In München wurde Ende 1925 der "Dolchstoßprozess" verhandelt, in Nürnberg kämpfte der SPD-Politiker und Anwalt Max Süßheim – bis heute der letzte jüdische Landtagsabgeordnete in Bayern – in mehreren aufsehenerregenden Verleumdungsprozessen gegen die dortige nationalsozialistische Bewegung unter dem späteren "Frankenführer"und "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher. Der Nationalsozialismus warf in ganz Bayern durch Freisprüche und milde Urteile gegenüber den antisemitischen Scharfmachern seine Schatten voraus. Mit der Weltwirtschaftskrise verschärfte sich die Stimmung gegenüber der jüdischen Bevölkerung. So kam es verstärkt zu Friedhofsschändungen und Ritualmord-Beschuldigungen, letzteres etwa in Nürnberg sowie im unterfränkischen Manau bei Hofheim. Im sogenannten "Habima-Skandal" in Würzburg 1930/31 kam es wegen eines Auftritts einer hebräisch-sprachigen Gruppe im Stadttheater sogar zu Ausschreitungen. In all diesen Fällen versuchten die Ortsstellen des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" vergeblich, durch ein Aufklärungsprogramm entgegenzuwirken. Bis zuletzt hofften viele Jüdinnen und Juden, dem Antisemitismus rational begegnen zu können, andere beeilten sich, das Land zu verlassen. 1933 war die jüdische Bevölkerung in Bayern bereits auf 35.452 Personen geschrumpft.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellte sich schnell heraus, dass die Juden in Bayern weniger stark in die Gesellschaft integriert waren, als viele von ihnen dachten. Nachdem der FC Bayern mit seinem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer und dem jüdischen Trainer Richard Dombi 1932 noch die erste deutsche Meisterschaft gewann, fand sich letzterer bereits ein Jahr später im Exil in der Schweiz wieder, wohin Landauer ihm nach seiner Haft im Konzentrationslager Dachau folgte. Als sich der bekannte Rechtsanwalt Michael Siegel im März 1933 über eingeworfene Fensterscheiben des Kaufhauses Uhlfelder beschwerte, wurde er von der SS mit abgeschnittenen Hosenbeinen barfuß durch die Stadt getrieben. Das Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung war in Bayern ungleich brutaler als in anderen Teilen des "Dritten Reichs". Unter dem Druck der Verhältnisse stimmten schließlich auch die bayerischen Juden 1933 der Gründung einer Reichsvertretung zu, ohne traditionelle Kompetenzen abzugeben.

Die ersten antijüdischen gesetzgeberischen Maßnahmen der Nationalsozialisten hatten schon wenige Tage nach dem "Ermächtigungsgesetz" im März 1933 eingesetzt. Diese Entrechtung wurde in der Folge stetig erweitert und schließlich bis zu einer völligen Ausschaltung der Rechte der jüdischen Bevölkerung vorangetrieben, deren eigener Handlungsspielraum immer kleiner wurde. Die Maßnahmen betrafen die Verdrängung aus öffentlichen Positionen, den Ausschluss aus vielen Berufsfeldern und dem kulturellen Leben. Sie wurden zwar auf Reichsebene initiiert, ihr Vollzug aber war regional recht unterschiedlich gestaltet – München und auch Nürnberg, von wo aus der Gauleiter von Franken, Julius Streicher, sein Unwesen trieb, taten sich nicht selten als Vorreiter hervor. So ist es kein Zufall, dass die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden aus der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" in Bayern beschlossen wurde: Die sogenannten "Nürnberger Gesetze" von 1935 schufen die Voraussetzungen für eine systematische Verfolgung.

1938 wurde dabei ein schrecklicher Höhepunkt erreicht. In diesem Jahr wurde dem Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden ihr öffentlich-rechtlicher Status wieder entzogen. Im Sommer wurde auf persönliche Entscheidung Adolf Hitlers hin zuerst die Münchner Hauptsynagoge abgerissen, wenige Monate später fiel im Alten Rathaus die Entscheidung, alle Synagogen im Reich durch Brandstiftung zu zerstören. In der Nacht des Pogroms vom 9. auf den 10. November wurden schließlich, wie in ganz Deutschland, so auch an zahlreichen bayerischen Orten die jüdischen Gotteshäuser in Brand gesetzt. Im Zuge des Novemberpogroms wurden nicht nur jüdisch geführte Geschäfte verwüstet und geplündert, sondern auch viele bayerische Juden misshandelt und ins Konzentrationslager Dachau (übrigens das erste als Dauereinrichtung gebaute nationalsozialistische Konzentrationslager überhaupt) verschleppt. Die Nationalsozialisten, die die systematische Vernichtung der europäischen Juden zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen hatten, erhöhten den Druck zur Auswanderung, indem sie beispielsweise jüdische Lager-Häftlinge nur gegen ein Emigrations-Versprechen wieder entließen.

Boykottmaßnahmen, die "Arisierung" der Wirtschaft mit ihrer Enteignung jüdischer Geschäftsinhaber und die "Judenvermögensabgaben" taten ihr Übriges; die meisten bayerischen Jüdinnen und Juden verloren ihre Existenzgrundlage. Die jüdischen Gemeinden konnten hier angesichts des Ausmaßes und in ihrer eingeschränkten Handlungsfähigkeit kaum Abhilfe schaffen. Bis 1937 war der jüdische Bevölkerungsanteil bereits auf fast die Hälfte zurückgegangen – am stärksten war die Abwanderung in Mittelfranken, wo das Landjudentum gänzlich verschwand, am geringsten in Schwaben. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in Bayern schließlich nur noch etwa 10.000 Juden. Die Mehrheit war inzwischen ausgewandert, nach Jerusalem, New York, Buenos Aires oder London, zum Teil auch in weniger bekannte Exilstädte wie Istanbul. Ab 1939 raubte das "Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden" den tausenden noch in Bayern Verbliebenen ihre Wohnungen; sie mussten in "Judenhäuser" umziehen. Im Frühjahr wurde in München-Milbertshofen von jüdischen Zwangsarbeitern eine erste Barackensiedlung als Internierungslager errichtet, auch in anderen bayerischen Städten folgten entsprechende Massenquartiere.

Wenigen jüdischen Bayern gelang in dieser Zeit noch die Flucht, andere nahmen sich in ihrer Verzweiflung das Leben. Zwischen 1941 und 1943 wurden die mehr als 8.000 verbliebenen bayerischen Jüdinnen und Juden in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Nürnberg fungierte hier als Sammelzentrum für ganz Franken. In München, wohin die Jüdinnen und Juden aus Südbayern gebracht wurden, erfolgte die Deportation von den Sammellagern Milbertshofen und Berg am Laim aus. Bereits der erste Transport im November 1941 von etwa 1.000 Menschen nach Kaunas in Litauen endete in einer Massenerschießung; der letzte im Februar 1945 führte 31 Männer, Frauen und Kinder aus sogenannten "Mischehen", die bis dahin noch unbehelligt geblieben waren, in den Tod.

(Kristina Milz)


Literatur

Michael Brenner: Landesverband und Großstadtgemeinde. Bayerns jüdische Gemeinden von der Weimarer Republik bis heute (Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung der Ad hoc-AG „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am 07.06.2023). Online unter: https://judentum-in-bayern.badw.de/fileadmin/user_upload/Files/Judentum_in_Bayern/Vortrag_Brenner_Podium.mp3.

Michael Brenner: Jüdisches Leben in München. Vom Testgelände der nationalsozialistischen Bewegung über die Terrorwelle der 1970er Jahre bis zum neuen Gemeindezentrum. Zur Bedeutung Münchens für die jüdische Geschichte. In: Akademie Aktuell 3 (2021), S. 24–27.

Michael Brenner: Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918–1923. Berlin 2019.

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (Hg.) / Bernward Deneke / Manfred Treml u.a.: AK Siehe der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Nürnberg 1988.

Andreas Heusler / Andrea Sinn (Hg.): Die Erfahrung des Exils. Vertreibung, Emigration und Neuanfang. Ein Münchner Lesebuch. Berlin u. Boston 2015 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 10).

Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin u. Boston 2019 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 11), „Entfremdung und Rückbesinnung in der Weimarer Republik“, S. 487–508; „Ausgrenzung und Verfolgung im NS-System“, S. 509–529; „Stufen der Entrechtung auf dem Weg zur Schoa“, S. 530–555.

Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Josef Kirmeier: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988. (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17).

Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18).