Landauer wuchs unter dem Eindruck der Schriften Schopenhauers und Nietzsches auf und beschäftigte sich unter dem Eindruck der Bismarck'schen Politik schon früh mit der Arbeiterfrage. Kurz vor der Jahrhundertwende bricht Landauer in Berlin sein Studium ab und betätigt sich als Schriftsteller und Übersetzer. Bekannt wurde Landauer als Vertreter eines anarchistischen, antiautoritären Sozialismus. Der Erste Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur in seinem Leben. Nach der Novemberrevolution von 1918 in München beteiligte er sich auf Einladung von Kurt Eisner im provisorischen Nationalrat am Aufbau der Räterepublik. Nach deren Niederschlagung 1919 wurde Landauer verhaftet und hingerichtet. Er hinterließ drei Töchter. Seine Frau Hedwig Lachmann (1865-1918) war eine bekannte Schriftstellerin und Übersetzerin englischer Klassiker. Sie starb bereits 1918 an der Spanischen Grippe in Krumbach.
Gustav Landauer wurde 1870 als zweites Kind des jüdischen Schuhhändlers Hermann Landauer und dessen Frau Rose, geb. Neuburger, in Karlsruhe geboren. Nach dem Abitur am dortigen Bismarck-Gymnasium studierte Gustav an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und der Universität Straßburg Germanistik und Philosophie. Starken Einfluss auf Landauer übten die Schriften Johann Wolfgang von Goethes, Lew Tolstois und der später von ihm kritisch betrachtete Friedrich Nietzsche, aber auch der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon und der Anarchist Michail Bakunin aus.
Auf dem Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress, der 1893 in Zürich stattfand, plädierte Landauer als Delegierter der Berliner Anarchisten erfolglos für einen "anarchistischen Sozialismus", da sich die Mehrheit der Delegierten für die Teilnahme an Wahlen und Mitarbeit in den Parlamenten entschied. Auch in der Folgezeit scheiterten Landauers Versuche, eine breitere Öffentlichkeit für eine anarchistisch-reformistische Lebensweise zu gewinnen. Bedeutsam für die Berliner Genossenschaftsbewegung wurde hingegen die 1895 gegründete Konsumgenossenschaft "Befreiung", für die sich Landauer ebenfalls engagierte. Sein im Jahr 1911 publizierter "Aufruf zum Sozialismus" findet in weiten Kreisen Beachtung und wird zu einem Hauptwerk des Anarchismus.
Den Ersten Weltkrieg lehnte der Anarchist und Pazifist ab. Nach dem Beginn der Novemberrevolution lud der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner Landauer mit einem am 14. November 1918 verfassten Brief ein, sich als Volksredner an der Revolution und der "Umbildung der Seelen" in Bayern zu beteiligen. Nachdem Eisner am 21. Februar 1919 von dem rechtsextremen Monarchisten Anton Graf von Arco auf Valley ermordet worden war, radikalisierte sich die Revolution, in deren Verlauf sich Landauer gegen die gewählte Regierung des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann auf die Seite der Räterepublik stellte. Nachdem Landauer zum "Beauftragten für Volksaufklärung" ernannt worden war, verfügte er als erste Amtshandlung die Abschaffung der Prügelstrafe an den bayerischen Schulen. Als KPD-Funktionäre um Eugen Leviné und Max Levien die anfänglich dominierenden, unabhängigen Sozialisten und Pazifisten aus der Räteregierung verdrängt hatten, trat Landauer am 16. April 1919 als "Beauftragter für Volksaufklärung" zurück und gab sämtliche Funktionen in der Räterepublik auf.
Trotz seines Rückzugs aus der Räteregierung wurde Landauer nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik durch rechte Freikorps am 1. Mai 1919 in Kurt Eisners Haus in Großhadern verhaftet und am 2. Mai in das Zuchthaus Stadelheim transportiert. Dort wurde er von Freikorpsmitgliedern brutal misshandelt und erschossen. Zwei der an der Misshandlung und Ermordung Landauers Beteiligten wurden später zu einer geringen Geldstrafe bzw. einem fünfwöchigen Gefängnisaufenthalt verurteilt. Der 1925 von Mitgliedern der "Freien Arbeiter-Union" auf dem Münchner Waldfriedhof errichtete Obelisk mit der Urne Landauers wurde 1933 zerstört. Die Urne wurde in einem Gemeinschaftsgrab mit Kurt Eisner auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt. Das heutige, 1946 eingerichtete Grab geht auf die Initiative von Eisners Tochter Gudula zurück. Martin Buber, Landauers Nachlassverwalter, veröffentlichte posthum Vorträge und Aufsätze des Freundes, darunter das zweibändige Werk, "Shakespeare. Dargestellt in Vorträgen." (1920). Einen überragenden Einblick in Landauers Weg und Denken gibt die inzwischen zum antiquarischen Geheimtipp avancierte zweibändige Briefsammlung "Sein Lebensgang in Briefen. Unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer herausgegeben von Martin Buber" (1929).
Seit 2017 erinnert eine Gustav-Landauer-Stele an der Stelle des zerstörten Obelisken im Münchner Waldfriedhof an den Anarchisten und Pazifisten. Die Erinnerung an Gustav Landauer hält auch die Gustav Landauer Initiative wach.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Literatur
- Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden. Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen. München 2024, S. 116-119.
- Mathias Lindenau: Ad Gustav Landauer. Homme de lettres und Edelanarchist. Hamburg 2023.
- Sebastian Kunze: Gustav Landauer. Zwischen Anarchismus und Tradition. Berlin/Leipzig 2020 (= Jüdische Miniaturen 253).
- Rita Steininger: Gustav Landauer. Ein Kämpfer für Freiheit und Menschlichkeit. München 2020.
- Rainer Brüning: Die Ermordung von Gustav Landauer am 2. Mai 1919 in München. Ein Aktenfund im Generallandesarchiv Karlsruhe. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Jg. 167 (2019), S. 213–249.
- Michael Lausberg: Landauers Philosophie des libertären Sozialismus. Münster 2018.
- Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Köln 2017.
- Franz Menges: Vom Freistaat zur Reichsprovinz (1918-1933). Revolution und Räterepublik. In: Manfred Treml (Hg.): Geschichte des modernen Bayern. Königreich und Freistaat. 3. neu bearb. Auflage. München 2006, S. 166-192.
- Walter Fähnders: Sprachkritik und Wortkunst, Mystik und Aktion bei Gustav Landauer. In: Jaap Grave, Peter Sprengel, Hans Vandevoorde (Hg.): Anarchismus und Utopie in der Literatur um 1900. Deutschland, Flandern und die Niederlande. Würzburg 2005, S. 139–149.
- Frank Pfeiffer: „Mir leben die Toten…“. Gustav Landauers Programm des libertären Sozialismus. Hamburg 2005.
- Joachim Willems: Religiöser Gehalt des Anarchismus und anarchistischer Gehalt der Religion? Die jüdisch-christlich-atheistische Mystik Gustav Landauers zwischen Meister Eckhart und Martin Buber. Albeck bei Ulm 2001.
- Thorsten Hinz: Mystik und Anarchie. Meister Eckhart und seine Bedeutung im Denken Gustav Landauers. Berlin 2000.
- Hanna Delf / Gert Mattenklott (Hg.): Gustav Landauer im Gespräch. Symposium zum 125. Geburtstag. Tübingen 1997.
- Siegbert Wolf: Gustav Landauer - Bibliographie. Grafenau 1992.
- Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf / Michael Matzigkeit (Hg.): „… die beste Sensation ist das Ewige…“ Gustav Landauer – Leben, Werk und Wirkung. 2. Auflage 1997.
- Bernhard Braun: Die Utopie des Geistes. Zur Funktion der Utopie in der politischen Theorie Gustav Landauers. Idstein 1991.
- Siegbert Wolf: Gustav Landauer zur Einführung. Hamburg 1988.
- Norbert Altenhofer: Landauer, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Bd. 13. Berlin 1982, S. 491–493.
- Wolf Kalz: Gustav Landauer. Kultursozialist und Anarchist. Meisenheim am Glan 1967.
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