Mit der Shoah waren die jüdischen Gemeinden in Bayern ausgelöscht worden. Nur wenige ihrer zuletzt verbliebenen Mitglieder hatten die Lager oder in Verstecken überlebt. Die bayerischen Jüdinnen und Juden, die noch rechtzeitig emigrieren konnten, lebten in der ganzen Welt verstreut. In besonderer Weise kämpfte die Augsburger Gemeinde gegen diese Entwurzelung an. Ihr Rabbiner Dr. Ernst Jacob, der nach dem Novemberpogrom 1938 emigriert war, schrieb aus seinem amerikanischen Exil bis 1949 Rundbriefe mit dem Titel "An meine Gemeinde in der Zerstreuung" und hielt den Kontakt zu den Überlebenden aufrecht. Derweil wurde ausgerechnet Bayern – das Zentrum des Aufstiegs des Nationalsozialismus – nach 1945 im Schatten des Holocaust auch zum Zentrum des Wiederaufbaus jüdischen Lebens in Deutschland und zum Lebensmittelpunkt der "Displaced Persons" (DPs), wie die osteuropäischen jüdischen Überlebenden der Shoah genannt wurden.
Etwa 130.000 von ihnen fanden in Bayern ein vorübergehendes Asyl. Es waren Überlebende der sogenannten Todesmärsche und Menschen, die in letzter Minute aus den Vernichtungs- und Konzentrationslagern evakuiert werden konnten. Die Befreiung der Lager Dachau und Flossenbürg mit ihren jeweiligen Außenlagern führte in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs tausende DPs auch in kleine Ortschaften in ganz Bayern. Hinzu kamen auch polnische Jüdinnen und Juden, die während des Kriegs in den asiatischen Teil der Sowjet-Union geflohen und inzwischen nach Polen zurückgekehrt waren, dort aber erneut vor Pogromen fliehen mussten. Nachdem andere Länder sie nicht aufnehmen wollten, landeten auch sie in der amerikanischen Besatzungszone im geteilten Deutschland.
Der jüdische Alltag in der Nachkriegszeit in Bayern hing stark davon ab, wo man sich aufhielt. Das Leben in den mindestens 60 DP-Lagern ermöglichte es den Überlebenden, nach ihrer kollektiven Traumatisierung weitgehend autonom und unter sich zu bleiben, bevor die meisten wieder emigrierten. Anders war das etwa in München, wo sich mitten in der Stadt, insbesondere um die Möhlstraße herum, ein reges jüdisches Leben etablierte, wenn auch für Zehntausende ebenfalls lediglich als Durchgangsstation auf ihrem Weg in einen echten Neuanfang. Dennoch entstand hier nicht nur ein religiöses jüdisches Leben, es wurden auch Sportvereine gegründet, es gab Theateraufführungen und jiddische Zeitungen – die Straßenbahnlinie 12 wurde von den Münchnern "Palestine Express" genannt. Vor allem nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948 und der Lockerung der Einwanderungsgesetze in den USA verließen die meisten DPs Bayern. Die verbliebene Minderheit von ihnen gründete mit den wenigen deutschen Juden, die sich im "Dritten Reich" verstecken konnten oder aus der Emigration zurückgekehrt waren, neue jüdische Gemeinden.
Bereits 1947 war der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden ins Leben gerufen worden, der zunächst zwar auch die DPs, aber insbesondere die kleinere Gruppe der deutschen Überlebenden vertrat. Im Jahr 1962 zählte der Verband schließlich 13 Mitgliedsgemeinden mit insgesamt 3.813 Mitgliedern. In den bayerischen Gemeinden war der Anteil osteuropäischer DPs wesentlich größer als in anderen Teilen Deutschlands – in der britischen Zone etwa bildeten insbesondere Rückkehrer aus dem Exil die neuen Gemeinden. Die Verwurzelung der jüdischen Gemeinden war in Bayern demnach geringer als anderswo, die Führung der Amtsgeschäfte legte man in vielen Fällen dennoch – oder gerade deshalb – eher den kulturell deutsch verwurzelten Mitgliedern in die Hände. Ungeachtet ihrer Herkunft aber war es für alle Jüdinnen und Jüdinnen freilich eine Herausforderung, im Land der Täter ein neues Leben zu beginnen. Dies galt insbesondere für diejenigen, die lange in den DP-Lagern lebten. Das letzte Lager – die Siedlung Föhrenwald im oberbayerischen Wolfratshausen – wurde erst 1957 geschlossen. Nach so langer Zeit war es besonders schwierig, sich nun in eine Stadt- oder Dorfgesellschaft zu integrieren, bei der man nicht wissen konnte, ob der Nachbar am Holocaust beteiligt war. Dennoch plante man für die Zukunft, wovon nicht zuletzt die Synagogenneubauten in den 1960er und 70er Jahren in Regensburg, Würzburg und Nürnberg zeugten.
In dieser Zeit kam es zu einem erneuten Bruch: Die Terroranschläge auf jüdische und israelische Einrichtungen in den 1970er Jahren veränderten den Blick der jüdischen Gemeinden auf Bayern – die heute als so typisch wahrgenommenen Sicherheitsvorkehrungen jüdischer Einrichtungen gehen auf diese Erfahrungen zurück. Auch hier spielte München abermals eine zentrale Rolle: Im Februar 1970 töteten arabische Terroristen am Flughafen Riem einen israelischen Passagier einer El Al-Maschine und verletzten mehrere Personen schwer. Nur drei Tage später starben sieben Jüdinnen und Juden nach einem bis heute nicht aufgeklärten Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde. Kurz darauf wurden Flugzeuge auf dem Weg nach Israel entführt und gesprengt. Im Juni 1970 wurden eine Torarolle und andere Kultgegenstände in der Münchner Hauptsynagoge geschändet. Zwei Jahre später, im September 1972, überfielen Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" während der Olympischen Spiele in München das israelische Team der Herren. Bei dem Anschlag und im Zuge eines missglückten Befreiungsversuchs durch die mangelhaft vorbereitete bayerische Polizei starben elf israelische Sportler und ein Sicherheitsbeamter.
All dies wird dazu beigetragen haben, dass bis tief in die 1970er Jahre hinein immer wieder Jüdinnen und Juden aus Bayern emigrierten, die meisten nach Israel, Amerika und Großbritannien. Manch kleine Gemeinde musste sich wegen geringer Mitgliederzahlen auflösen. Jüdische Migration fand aber auch nach Bayern statt: 1968 aus der Tschechoslowakei und Polen sowie zu Beginn der 1970er Jahre aus der Sowjet-Union. Vereinzelt kamen Menschen aus Israel und den USA hinzu. Die Zuwanderung in den 1990er Jahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjet-Union sorgte schließlich für eine Verdreifachung der Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden in Bayern. Viele dieser Menschen hatten in ihrer kommunistisch-atheistisch geprägten Herkunftsregion keine Möglichkeit, ihre Religion zu leben. Die Kultusgemeinden in Bayern integrierten sie in das jüdische Leben, übernahmen aber auch neue Aufgaben wie etwa eine Hilfestellung bei der Suche nach Arbeit und beim Erlernen der deutschen Sprache. Die Münchner Gemeinde wuchs durch diese Einwanderungswelle auf fast 10.000 Mitglieder an. In den Jahren 2006 und 2007 entstand am St. Jakobs-Platz für die vergrößerte Gemeinde ein neues, sichtbares Zentrum jüdischen Lebens mit Synagoge, Kindergarten und Grundschule. Der Neubeginn in Bayern in dieser Zeit zeigte sich aber auch an anderen Orten. In Bamberg und Regensburg wurden neue Synagogen eingeweiht, in Würzburg das "Shalom Europa", ein neues jüdisches Gemeinde- und Kulturzentrum, gegründet, in Erlangen entstand eine neue Kultusgemeinde. Jüdisches Leben in Bayern spielt sich aber auch abseits der traditionellen Strukturen ab. So gibt es beispielsweise in München die Gemeinde "Beth Schalom", die an das liberal geprägte bayerische Judentum vor der Shoah anknüpft. Ihre Vision ist der Bau einer eigenen liberalen Synagoge, für die der bekannte Architekt Daniel Libeskind bereits einen Entwurf erstellt hat.
Kaum jemand ist nach Zweitem Weltkrieg und Holocaust davon ausgegangen, dass in Deutschland je wieder ein blühendes jüdisches Leben möglich sein würde – eine lebendige jüdische Gemeinschaft in Bayern beweist heute das Gegenteil. Dabei kämpft sie mit verschiedenen Herausforderungen: Die Mitgliedszahlen der Gemeinden sind seit 2006 wieder rückläufig, die Sterberate ist hoch, die Geburtenrate niedrig. Doch nicht nur die Demographie macht dem bayerischen Judentum zu schaffen, fraglos ist der Antisemitismus auch weiterhin präsent, was nicht zuletzt die Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD auch in Bayern zeigen. Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU hat sich die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) auf die Einladung des bayerischen Ministerpräsidenten hin dennoch dafür entschieden, ihren Sitz 2023 von London nach München zu verlegen. Durch die internationale Arbeit des CER, die Ohel-Jakob-Synagoge und das jüdische Zentrum im Herzen der Münchner Altstadt ist Bayern heute trotz aller Herausforderungen ein neuer Kristallisationspunkt für jüdisches Leben in Europa.
(Kristina Milz)
Literatur
Michael Brenner: Landesverband und Großstadtgemeinde. Bayerns jüdische Gemeinden von der Weimarer Republik bis heute (Vortrag im Rahmen einer Veranstaltung der Ad hoc-AG "Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart" der Bayerischen Akademie der Wissenschaften am 07.06.2023). Online unter: https://judentum-in-bayern.badw.de/fileadmin/user_upload/Files/Judentum_in_Bayern/Vortrag_Brenner_Podium.mp3.
Michael Brenner: Jüdisches Leben in München. Vom Testgelände der nationalsozialistischen Bewegung über die Terrorwelle der 1970er Jahre bis zum neuen Gemeindezentrum. Zur Bedeutung Münchens für die jüdische Geschichte. In: Akademie Aktuell 3 (2021), S. 24–27.
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg / Bernward Deneke / Manfred Treml u.a. (Hg.): AK Siehe der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Nürnberg 1988.
Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin u. Boston 2019 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 11), "Neubeginn und Ausblick", S. 560–583.
Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Josef Kirmeier: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988. (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17).
Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18).
Juliane Wetzel: Displaced Persons (DPs), in: Historisches Lexikon Bayerns (26.03.2013).