Nach seiner erfolgreichen Promotion führte Dr. jur. Michael Siegel gemeinsam mit seinem Cousin Dr. Julius Siegel (1885-1951) eine erfolgreiche Anwaltskanzlei in München, welche zu den besten der Stadt gezählt wurde. Für seinen Mandanten Max Uhlfelder erstattete er am 10. März 1933 Anzeige gegen SS-Leute, weil diese im Kaufhaus Uhlfelder Schaufensterscheiben zertrümmert hatten. Auf der Polizeiwache wurde Dr. Siegel brutal misshandelt und danach öffentlich gedemütigt: Barfuß, mit abgeschnittenen Hosenbeinen und mit einem Schild um den Hals trieb man ihn über den Karlsplatz. Ein zufällig anwesender Fotograf machte mehrere Aufnahmen, die international für Aufsehen sorgten und bis heute in fast jedem Geschichtsbuch abgedruckt sind. So wurde Michael Siegel zu einem Symbol der NS-Gräuel. Sein Neffe Uri Siegel ist ein Zeitzeuge. Michael Siegel konnte mit seiner Familie nach Peru fliehen. Er wurde nach 1945 Vertrauensanwalt der Bundesrepublik Deutschland und erhielt 1971 das Großkreuz des Bundesverdienstordens.
Michael Siegel machte in Schweinfurt Abitur und zog dann nach München. Er studierte Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität und promovierte 1907. Anschließend arbeitete ab 1910 in einer erfolgreichen Anwaltskanzlei in der Weinstraße 11, die er gemeinsam mit seinem Vetter Dr. Julius Siegel (1885-1951) leitete. Er heiratete die gebürtige Münchnerin Mathilde geb. Waldner (1893-1970), aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.
Michael Siegel erstattete für seinen Mandanten Max Uhlfelder, Inhaber vom großen Kaufhaus Uhlfelder, im festen Glauben an den deutschen Rechtsstaat eine Anzeige gegen die Münchner SS, weil diese am Vorabend die Fensterscheiben am Kaufhaus eingeschlagen hatte. Auf der Polizeiwache wurde er von SS-Leuten, die im NS-Staat den Rang von Hilfspolizisten einnahmen, brutal misshandelt. Anschließend trieb man ihn barfuß, mit abgeschnittenen Hosenbeinen und mit einem Schild um den Hals über den Karlsplatz: "Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren". Ein zufällig anwesender Fotograf hielt den Vorgang in zwei später teilweise retuschierten Bildern fest. Am 23. März 1933 wurden die Fotos auf der Titelseite der "Washington Post" publiziert. Sie dienen auch heute noch als bedeuten Quelle für die antisemitische Politik der Nationalsozialisten und spielen in der Erinnerungskultur eine wichtige Rolle.
Im August 1940 konnte Dr. Siegel und seine Frau Mathilde geb. Wagner (1893-1970) von Berlin über Moskau, Novosibirsk, Omsk, Harbin, Korea und Japan nach Los Angeles und von dort nach Peru lebend entkommen. Die beiden Kinder Kinder Hans-Peter (1921–2010) und Maria Beate (*1925) hatten sie bereits 1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit gebracht. Das Visa für Peru bekamen sie nur, weil Mathildes Spanischlehrer, den sie zur Vorbereitung der Emigration aufsuchten, der Neffe des peruanischen Innenministers war. Dr. Michael Siegel erhielt 1971 das Großkreuz des Bundesverdienstordens.
Nach der Ankunft in Lima arbeitete Siegel zuerst in einer Buchhandlung und war nach dem 2. Weltkrieg als Rabbiner der deutsch-jüdischen Gemeinde in der Hauptstadt Perus tätig. Nachdem der Jurist 1953 wieder in Deutschland als Rechtsanwalt zugelassen war, engagierte er sich für die Entschädigung zahlreicher jüdischer Emigranten und arbeitete bis zu seinem Tod als Vertrauensanwalt der Bundesrepublik Deutschland. 1971 erhielt Siegel zum 89. Geburtstag das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Sein Sohn, der seinen Namen in den USA als Peter Sinclair anglifiziert hatte, stellte sich dem Zeitzeugenprogramm des Hauses der Bayerischen Geschichte zur Verfügung.
(Stefan W. Römmelt)
Literatur
- Martin Schumacher: Ausgebürgert unter dem Hakenkreuz. Rassisch und politisch verfolgte Rechtsanwälte. Aschendorff. Münster 2021, S. 312f.
- Anja Salewsky: "Der olle Hitler soll sterben!". Erinnerungen an den jüdischen Kindertransport nach England. München 2002.
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Quellen
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