Biografien
Menschen aus Bayern

Erich Mühsam Schriftsteller, Revolutionsführer der Münchner Räterepublik

geboren: 06.04.1878, Berlin
gestorben: 10.07.1934, Oranienburg

Wirkungsort: Berlin | München

Erich Mühsam wuchs in Lübeck auf und wurde aufgrund sozialistischer Äußerungen vom Gymnasium ausgeschlossen. Nach einer pharmazeutischen Ausbildung zog Mühsam nach Berlin und wurde freier Schriftsteller, der bis zuletzt enorm produktiv blieb und zahlreiche Gedichte, Prosatexte und Theaterstücke veröffentlichte. Von 1904 bis 1907 reiste Mühsam durch Europa, pflegte dabei Kontakte zu Literaten und anarchistisch-sozialistischen Kreisen. Schließlich ließ er sich in München nieder, wo er zu einer führenden Figur der künstlerischen Bohème in Schwabing wurde. 1909 gründete er die sozialistische "Gruppe Tat" und stand daher vor Gericht, wurde jedoch freigesprochen. Nach dem Ersten Weltkrieg trat der Spartakus-Gruppe bei und wurde Mitglied des Zentralrats der Räterepublik Bayern. Nach deren Niederschlagung wurde er zu 15 Jahren Haft verurteilt, jedoch vorzeitig begnadigt und zog nach Berlin. Mühsam kämpfte in Berlin gegen den erstarkenden Nationalsozialismus. 1934 wurde Erich Mühsam verhaftet und im KZ Oranienburg ermordet. Seit 1915 war er mit Kreszentia "Zenzl" Elfinger (1884-1962) verheiratet, die Ehe blieb kinderlos.

Erich Mühsam kam in Berlin als Sohn des jüdischen Apothekers Siegfried Seligmann und dessen Frau Rosalie (geb. Cohn) zur Welt. Die Familie zog 1879 nach Lübeck, wo Erich Mühsam mit seinen drei Geschwistern aufwuchs und die Schule besuchte. 1896 veröffentlichte er 1896 eine Glosse über den Direktor seines Humanistischen Gymnasiums (Katharineum) im sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten" und wurde er vom wegen "sozialistischer Umtriebe" ausgeschlossen. Daher musste er sein Abitur in der Stadt Parchim südwestlich von Schwerin machen. Anschließend begann er eine pharmazeutische Ausbildung zum Apotheker und veröffentlichte 1898 erste Aufsätze sowie Gedichte. 1899 starb seine Mutter. Mühsam arbeitete auf Drängen des Vaters als Apothekergehilfe zunächst in Lübeck, später in Blomberg/Lippe. Im Jahr 1900 jedoch zog er nach Berlin und suchte Anschluss an die sozialistisch-künstlerische Boheme.

Mühsam wird freier Schriftsteller und freundet sich mit Gustav Landauer (1870-1919) an. Er nahm 1902 in Friedrichshagen bei Berlin Quartier und wurde Redakteur des "Armen Teufels". Es folgten Auftritte als Kabarettist in Berlin, wo er auch erste Kontakte zu anarchistischen Gruppen knüpfte. 1903 lebte Mühsam in Charlottenburg, wo ihn die Berliner Polizei wegen seiner politischen Agitation überwachte. Ein Jahr später wurde er Redakteur des "Weckruf". 1903 veröffentlichte er auch sein Traktat "Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit" im Singer Verlag Berlin. Zwar vertrat er darin die Position, dass Homosexualität angeboren und daher natürlich sei, dass sie jedoch Ausdruck einer dekadenten Gesellschaft sei. Er distanzierte sich noch vor der Drucklegung von seinem Werk, in dem jedoch sei stark unkonventionelles, bohèmienhaftes Denkens im Sinne der freien Entscheidung des Individuums über sein Leben deutlich wird.

1904 reiste er mit dem Schriftsteller Johannes Nohl (1882-1963) in die Schweiz, durch Norditalien, Frankreich und Österreich. Hier traf er mit anarchistischen Gruppen zusammen und schrieb sowohl Gedichte wie auch Prosawerke. Literarisch stand er dem Naturalismus nahe; Lyrik und Prosa waren für ihn Medium der Zeitkritik. Seine Bekanntschaften mit Literaten sind deshalb auch weniger im expressionistischern Mileu zu finden: 1905 reiste Mühsam nach Wien und machte dort die Bekanntschaft mit Karl Kraus (1874-1936). Er war in Berlin wegen der Verbreitung eines Flugblattes zu 500 Mark Strafe verurteilt worden; deshalb hatte er sich aus der Reichshauptstadt zurückgezogen. Sein Stück "Die Hochstapler. Lustspiel in vier Aufzügen" erschien bei Piper in München. 1907 folgten Aufenthalte in Paris, München, in Italien und der Schweiz. Möglich waren dem nicht begüterten Mühsam diese Reisen nur durch Einladungen befreundeter Schriftsteller.

Ab November 1908 wählte er München als ständigen Wohnsitz. Hier pflegte er unter anderem Kontakte zu Frank Wedekind (1864-1918) und wurde ein Stammgast der Schwabinger Bohème-Kneipen. Im "Simplicissimus" (Türkenstraße 57) trug er 1907 zum ersten mal sein wohl berühmtestes Gedicht vor: "War ein Revoluzzer". Joachim Ringelnatz (1883-1934) erinnerte sich: "Auf einem dieser Tische stand ein schmächtiger Mann mit wildem Vollbart, stechenden Augen und feinen Händen. Der trug ein Gedicht vor. 'War einmal Revoluzzer'. Ich fragte einen neben mir stehenden Studenten, wer der Vortragende sei. 'Das wissen Sie nicht? Sie sollten sich schämen!' Ich schämte mich wirklich. Ein herumgehendes sehr ältliches Blumenmädchen klärte mich auf. Der Herr auf dem Tische war der Edelanarchist Erich Mühsam".

Mühsam publizierte zu dieser Zeit in "Der Sozialist", "Schaubühne", dem "Simplicissimus" und "Die Zukunft". In München kam es zur 1909 Gründung der "Gruppe Tat" zur "Agitation des Subproletariats". 1910 wurde der Autor unter Anklage wegen Geheimbündelei gestellt, aber freigesprochen. 1911 wurde er Herausgeber, Redakteur und Autor der kulturpolitisch-literarischen, später anarchistischen Monatsschrift "Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit", die im Selbstverlag (Kain-Verlag) in München monatlich von April 1911 bis Juli 1914 erschien. Im zweiten Kriegsjahr 1915 nahm Mühsam Kontakte zu Pazifisten und linken Sozialdemokraten auf, um einen Aktionsbund gegen den Krieg zu gründen. Am 15. September 1915 heiratete er die Anarchistin Kreszentia "Zenzl" Elfinger (1884-1962), die Ehe blieb kinderlos. Im Juli starb sein Vater, im September heiratete er Kreszentia Elfinger. Politisch näherte er sich der Spartakus-Gruppe an. Im Gesprächskreis Kurt Eisner (USPD) trat er für die revolutionäre Beendigung des Krieges ein. Nach Kriegsverweigerung im "Vaterländischen Hilfsdienst" 1918 war er für mehrere Monate in Traunstein inhaftiert. Nach dem 7. November und der Ausrufung der Revolution in München durch Eisner wirkte er im im Revolutionären Arbeiterrat (RAR) mit. 1919 wurde er Mitglied des Zentralrats der Räterepublik Bayern und gründete die Vereinigung Revolutionärer Internationalisten (VRI), die zur Radikalisierung der Rätebewegung beitragen sollte. Nach der Niederschlagung der Zweiten Räterepublik wurde Erich Mühsam zu 15 Jahren Festungshaft in Ansbach verurteilt, die er zusammen mit weiteren Revolutionsführern wie Ernst Toller verbüßte. In der Haft entstand u.a. sein Drama "Judas. Ein Arbeiterdrama" und "1919. Dem Andenken Gustav Landauers" (beides 1921).

1924 wurde Erich Mühsam vorzeitig begnadigt und zog wieder nach Berlin-Charlottenburg. Zwar engagierte er sich nicht mehr als Mitglied für die KPD, arbeitete jedoch in vielem mit dieser Partei zusammen. So war er seit 1925 in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD), einer Organisation der KPD, tätig. Die "Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands" (FKAD) schloss Mühsam wegen seiner Zusammenarbeit mit der KPD aus ihren Reihen aus. Der Autor wurde danach Wortführer der "Anarchistischen Vereinigung Berlin" und trat 1927 dem künstlerischen Beirat der Piscator-Bühne bei, wo 1928 sein Arbeiter-Drama "Judas" uraufgeführt wurde.

Mühsam kämpfte in seinen Schriften und als Redner gegen den erstarkenden Nationalsozialismus. Deshalb wurde 1931 kurzfristig seine Zeitschrift "Fanal" verboten. Sein Engagement brachte ihm den Ausschluss aus dem Verband deutscher Schriftsteller ein. 1933 erschien die Programmschrift "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat" als Fanal-Sonderheft. Am 28. Februar wurde er durch die SA verhaftet und kam ins Gefängnis Lehrter Straße, danach ins KZ Sonnenburg, Gefängnis Plötzensee, Zuchthaus Brandenburg. In Plötzensee entstanden "Verse und Bilder für Zenzl". Am 2. Februar 1934 wurde Erich Mühsam ins KZ Oranienburg überstellt und hier in der Nacht zum 10. Juli von SS-Bewachern ermordet. Seine Beisetzung fand am 16. Juli auf dem Waldfriedhof Berlin-Dahlem statt.

An Erich Mühsam erinnern unter anderem ein Stolperstein vor dem Buddenbrooks-Haus in Lübeck, eine Gedenktafel in Berlin und ein Denkmal in der KZ-Gedenkstätte Oranienburg.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Ida Karl (Hg.): München. Eine Lese-Verführung. Frankfurt a.M. 2010, hier S. 143.
  • Chris Hirte: Erich Mühsam. Eine Biographie. Freiburg im Breisgau 2009.
  • Franz Menges: Vom Freistaat zur Reichsprovinz (1918-1933). Revolution und Räterepublik. In: Manfred Treml (Hg.): Geschichte des modernen Bayern. Königreich und Freistaat. 3. neu bearb. Auflage. München 2006, S. 166-192.

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