Biografien
Menschen aus Bayern

Julius Wallach Textilkaufmann und Modeschöpfer, Erfinder der "Bayerischen Tracht"

geboren: 07.09.1874, Bielefeld
gestorben: 24.08.1965, Neubeuern

Wirkungsort: München

Das Volkskunsthaus Wallach war von seiner Gründung im Jahr 1900 bis zur "Arisierung" 1938 das wichtigste Geschäft für Trachtenmoden in München. Julius Wallach erfand eine modernisierte Version der bayerischen Tracht und machte sie salonfähig. Als begeisterter Trachtler und Bergsteiger legte er eine Sammlung historischer Volkstrachten an, die er in seinen Geschäftsräumen ausstellte. Zusammen mit seinem Bruder und Juniorpartner Moritz Wallach kleidete er Teile des Festumzugs zum 100. Oktoberfestjubiläum 1910 ein und erhielt zum Dank den Titel eines königlichen Hoflieferanten. Unter dem Traditionsnamen "Wallach" wurde das restituierte Geschäft von 1985 bis 2004 von der Firma Lodenfrey fortgeführt.

Julius Wallach wurde in die kinderreiche Familie des Bielefelder Getreidehändlers Heinemann Wallach (1842-1899) geboren, seine Mutter war Julie geb. Zunsheim (1850-1938). Im Jahr 1895 zog Julius mit seinem jüngeren Bruder Moritz Wallach (1879-1963) nach München. Am 9. November [!] 1900 gründete Julius Wallach in der Lindwurmstraße 11 das "Fachgeschäft für Landestrachten". Julius Wallach war auch privat ein leidenschaftlicher Trachtler und aktives Mitglied im Alpenverein. Auf ausgedehnten Reisen durch das Oberland sammelte Wallach historische Trachten und andere Volkskunstgegenstände. Am 27. Oktober 1903 heiratete er Emma Koschland (1878-1941), deren Familie aus Ichenhausen stammte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Hildegard (1904), Helmuth (1907) und Gertrud (1908). Am 28. Mai 1927 wurde seine Ehe geschieden, wobei sich Julius nach eigener Aussage verpflichtete, "in nobelster Form finanzielle Opfer [zu bringen], die es Frau Emma ermöglichten, auch weiterhin ein Leben nach ihrer Fasson zu führen". In zweiter Ehe heiratete er Johanna Einstein (1880-1954), die Schwester des Physikers Prof. Albert Einstein (Nobelpreisträger für seine Relativitätstheorie).

Julius Bruder Moritz Wallach hatte im Frühjahr 1899 eine Stelle im Münchner Hutmodenhaus Rothschild angetreten, ehe er 1905 in das Geschäft seines Bruders Julius einstieg und dort den Webwarenverkauf organisierte. Das gut gehende Geschäft übersiedelte noch im gleichen Jahr ins Herz der Altstadt (Petersberg 9). Dank seiner authentischen Materialsammlung konnte Julius Wallach neue Kleidungsstücke für ein eher städtisches Publikum entwerfen: Die neue, abgewandelte Tracht wurde salonfähig. Das Haus Wallach wird zum führenden Münchner Geschäft für Trachtenmode, die Brüder beliefern Kunden im In- und Ausland, außerdem stellen sie nach historischen Vorbildern volkstümliche Stoffe her und beliefern Modeschöpfer in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. Im Jahr 1910 zog das Trachtengeschäft in die Residenzstraße/ Ecke Perugastraße, dann in die renommierte Adresse Residenzstraße 3 (Falkeneck). Zur Erweiterung des florierenden Unternehmens mieteten die beiden Kaufleute weitere Räume in der Residenzstraße 6, 7 und 10 und gewinnen damit Platz für Ausstellungen sowie einer Maler- und Schreinerwerkstatt, in der neue Möbel im Volkskunststil bemalt und alte zum Verkauf hergerichtet wurden. Zum 100-jährigen Jubiläum des Oktoberfestes 1910 kostümierten die Wallachs unentgeltlich einige Gruppen im historischen Landestrachtenzug aus; dieser Umzug begründete die Tradition der Trachtenumzüge am Eröffnungssonntag der Wiesn. Prinzregent Luitpold zeichnete das Modehaus Wallach vermutlich am 17. Januar 1914 mit dem Titel eines Königlich-Bayerischen Hoflieferanten aus.

Im Ersten Weltkrieg wurde Julius Wallach eingezogen. Moritz übernahm die Firmenleitung und konnte trotz der schwierigen Lage neue Großkunden gewinnen. Er ist Mitbegründer des "Wirtschaftsverbandes des bayerischen Kunstgewerbler" und organisierte eine große Exportschau in der Residenz. Ende 1918 kehrte Julius Wallach aus dem Krieg zurück. Die Brüder Wallach erwarben 1919 das ehemalige Palais Ludwigstraße 7 und bauten es zu einer »Volkskunst-Zentrale« um. In Dachau erwarben die Brüder Julius, Moritz und Max Wallach eine große Handweberei, Färberei und Textildruckerei, die von Max Wallach in Eigenregie geleitet wurde. Der Baedeker empfahl das Handelshaus Wallach als neue Touristenattraktion, jedoch macht sich die wirtschaftliche Rezession der 1920er-Jahre auch hier dramatisch bemerkbar: 1926 wurde das Palais samt dem Großteil der Volkskunstsammlung versteigert. Julius Wallach zog sich mit seiner Familie an den Bodensee zurück und betrieb dort ein kleines Volkskunstgeschäft. Moritz Wallach öffnete im Eckgebäude Residenzstraße 3 / Hofgrabenstraße ein neues "Haus für Volkskunst und Landestrachten". Als Erik Charell 1930 seine alpenländische Operette "Das weiße Rössl" auf die Bühne brachte, trugen die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Trachtenmode von Wallach und verbreiteten das Bild "authentischer" Trachtenmode in der ganzen Welt.

Die Machtübernahme durch die NSDAP 1933 machte sich für die Firma Wallach zunächst nicht negativ bemerkbar, passte ihre Mode doch „zur Kostümierung der nationalsozialistischen Heimatidee“, wie die Jüdische Allgemeine es formulierte. Die Inhaber waren jedoch zunehmend antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Bei öffentlichen NS-Veranstaltungen hatten sie ihre Schaufenster zu verhüllen. Im Novemberpogrom 1938 wurde das Modehaus verwüstet, sechs Tage später beschlagnahmen Vertreter der Gestapo privaten Kunstbesitz. Im Zuge der zwangsweisen „Arisierung“ jüdischer Geschäfte übernahm 1938 Otto Witte das Unternehmen, ein gescheiterter Kunsthändler und Mitglied der NSDAP. Er zahlte nur einen Spottpreis für das voll ausgestattete Geschäft in bester Lage. Mit einem Visum für Siam begann Julius Wallach im Juli 1939 mit seiner Familie die Flucht zunächst per Schiff über Antwerpen nach Melilla (Marokko). Über Mallorca gelangen sie nach Ibiza, wo Sohn Helmut bereits als Pächter eines Bauernhofes lebte. Nach einer Ausweisung durch den dortigen deutschen Stützpunktleiter verschaffte ihnen der italienische Konsul in Mallorca (ein ehemaliger Kunde) ein dreimonatiges Visum für Rom. Aus diesen drei Monaten wurden vier Jahre, in denen Julius Wallach als privater Deutschlehrer und seine Frau als Erzieherin beim Schweizer Botschafter ihren Lebensunterhalt bestritten. Am 26. August 1943 – dem Tag von Mussolinis Sturz – erhielten sie endlich einen Flug nach Barcelona. Von dort ging es mit einem Transport des kanadischen Roten Kreuzes im März 1944 per Schiff von Lissabon nach Philadelphia und von dort nach Toronto, wo Julius Wallach anfangs als Gehilfe, dann als Wandergärtner und im Winter als Dreher in einer Metallwarenfabrik arbeitete. Nach Kriegsende holte Stiefsohn und US-Leutnant Henry Nelson die Eltern nach New York.

Julius und Moritz Wallach hatten Glück, sie und ihre Familien konnten entkommen. Der dritte Bruder Max Wallach wurde mit seiner Familie aus Paderborn deportiert und starb 1944 in Auschwitz.

Moritz Wallach baute im New Yorker Exil erneut ein Kunstgewerbeunternehmen auf. 1948 kehrte er nach München zurück, um die Restitution des Familieneigentums zu fordern, was ihm aber erst nach zähem Ringen 1949 gelang. Moritz Wallach blieb mit seiner Familie in den USA. Nach dem Tode seiner Frau kehrte Julius als einziger der noch überlebenden Wallach-Brüder 1954 in die Heimat zurück und wohnte ab 1962 in Neubeuern, wo er 1965 im Alter von 91 Jahren starb.

Das Münchner Wallach-Geschäft wurde auf Wunsch der Erbengemeinschaft zunächst von Max Sedlmayer geleitet. 1985 wird die Firma an das Unternehmen Lodenfrey verkauft, das es bis 2004 unter dem Traditionsnamen Wallach weiterführte. Heute befindet sich im Haus mit dem markanten Eingang ein Flagshipstore. Wegen einer möglichen Gedenktafel verhandelt die Stadt mit dem neuen Eigentümer.

Das Jüdische Museum München widmete dem Volkskunsthaus Wallach vom Juni bis Dezember 2007 die Sonderausstellung "Dirndl, Truhen, Edelweiß – die Volkskunst der Gebrüder Wallach". Für Julius' erste Frau Emma wurde 2021 am Münchner Franz-Josef-Strauß-Ring 4 ein Erinnerungszeichen gesetzt. Auf die Initiative von Wallachs Urenkel Jamie Hall wurde für Max und Melitta Wallach vor dem ehemaligen Geschäft in der Residenzstraße 3 eine Gedenk-Stele errichtet. Sie wurden 1944 in Auschwitz ermordet, hatten aber ihren Sohn Franz mit einem Kindertransport nach Großbritannien retten können. Hall rief auch das englischsprachige "The Wallach Project" ins Leben, die das künstlerische und kulturelle Erbe der Gebrüder Wallach weltweit zugänglich machen will. Das Münchner Stadtmuseum unterstützt diese Initiative mit seiner wissenschaftlichen Expertise, außerdem zeigt es Trachten, Werbemarken und weitere Objekte aus dem Hause Wallach in einer Online-Schausammlung.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Viktor Fishman: Jüdische Trachtenkönige der Modewelt. Julius und Moritz Wallach. Jüdische G'schichtn on Tour. S.L. 2021.
  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 626..
  • Marita Krauss: Die königlich bayerischen Hoflieferanten. München 2008, S. 322.
  • Jüdisches Museum München / Monika Ständecke (Hg.): AK Dirndl, Truhen, Edelweiss – Die Volkskunst der Brüder Wallach. München 2007 (= Sammelbilder des Jüdischen Museums München 03).

GND: 139936025