Wegen seiner führenden Rolle in der bayerischen Räterepublik saß der Dramatiker Ernst Toller fünf Jahre in Haft, gehörte jedoch in Absenz dem bayerischen Landtag an. Aus dem Gefängnis heraus publizierte er sein Erstlingswerk "Die Wandlung" (1919). Tollers Schriften und Theaterstücke zählen zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Werken des literarischen Expressionismus. Von den Nationalsozialisten wurde Toller 1933 ausgebürgert, im Exil konnte er nicht mehr an seine Erfolge anknüpfen. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) unterstützte er aktiv die Republik und wählte nach dem Sieg der Faschisten den Freitod.
Ernst Toller wurde im preußischen Herzogtum Posen geboren. Er war der jüngste Sohn des jüdischen Getreide-Großhändlers Max (Mendel) Toller und dessen Eherfau Ida, geb. Cohn. Die Familie gehörte zu den relativ wohlhabenden bürgerlich-jüdischen Kreisen in Samotschin. Nach einer unglücklichen Schulzeit, in der er unter dem engstirnigen und rigiden preußischen Unterrichtswesen litt, schrieb sich Ernst Toller im Februar 1914 an der Universität im schweizerischen Grenoble ein. Zu Beginn des Kriegs wurde der Firma Toller die Versorgung der Stadt Bochum mit Kartoffeln übertragen; zum Vertragsabschluss reiste fast der gesamte Stadtrat Bochums nach Samotschin. Als Kriegsfreiwilliger verbrachte er dreizehn Monate in vorderster Front vor Verdun. Er erhielt verschiedene Tapferkeitsauszeichnungen und wurde zum Unteroffizier befördert. Im Mai 1916 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, nach monatelangem Sanatoriumsaufenthalt erhielt er seinen Abschied aus der Armee. Diese Zeit formte Ernst Tollers Weltbild, er entwickelte sich zum radikalen Pazifisten und begeisterte sich zunehmend für die Ideen des Sozialismus. Toller begann Jura und Philosophie zu studieren, wurde aber schon bald vom Literaturwissenschaftler Artur Kutscher in dessen Kreis aufgenommen. Hier machte er unter anderem Bekanntschaft mit Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Kurt Eisner. Toller begeisterte sich für die Ideen des Sozialismus und trat der USPD bei. Als Redner auf studentischen Versammlungen vertrat er einen radikalen Pazifismus. Im Mai 1917 wurde er vom Verleger Eugen Diederichs zu einem Treffen auf die Burg Lauenstein eingeladen (Lauensteiner Tagung). Über Diederichs kam Toller in Kontakt mit Max Weber, der ihn an die Universität Heidelberg einlud, wo er das Semesterjahr 1917/18 verbrachte.
Im Januar 1918 wurde er nach Beteiligung am Munitionsarbeiterstreik in München inhaftiert und kurz darauf in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Nach Kriegsende beteiligte er sich an der Novemberrevolution in Bayern, die zum Sturz der Wittelsbacher-Dynastie und zur Gründung des Freistaats bzw. der Republik Bayern unter der provisorischen Ministerpräsidentschaft von Kurt Eisner (USPD) führte. Nach Eisners Ermordung übernahm Ernst Toller den Vorsitz der bayerischen USPD und spielte bei der Entstehung der städtischen Arbeiter- und Soldatenräte eine führende Rolle. In der Ersten Räterepublik bekleidete er als als Vorsitzender des Zentralrats (ZR) das höchste Regierungsamt. Nach der Übernahme der Regierung durch die radikalen Kräfte unter Max Levien und Eugen Leviné akzeptierte Toller die neuen Verhältnisse (Zweiten Räterepublik). Als Abschnittskommandant der "Roten Garde" schlug der überzeugte Pazifist einige konterrevolutionäre Truppenvebrände bei Dachau zurück, konnte jedoch den Sieg der Freikorps- und Reichswehrtruppen nicht verhindern. Am 1. Mai 1919 tauchte Toller bei befreundeten Künstlern und Intellektuellen unter. Er wurde steckbrieflich gesucht, auf seine Ergreifung war eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt. Am 4. Juni 1919 wurde er in der Schwabinger Wohnung des Malers Johannes Reichel aufgespürt, verhaftet und angeklagt. Ernst Toller verbrachte fünf Jahre, bis Juli 1924 im Festungsgefängnis Niederschönenfeld.
Während der Autor in Haft saß, erschien sein Erstlingswerk „Die Wandlung“ (1919). Mit 115 Aufführungen in Berlin und weiteren fünf Inszenierungen im Reichsgebiet war das Drama auf Anhieb ein großer Erfolg. In der Zelle schrieb Toller weitere sozialkritische Dramen, die zum Durchbruch in ganz Europa führten: "Masse Mensch" (1921), "Die Maschinenstürmer" (1922), "Hinkemann" (1923), "Der entfesselte Wotan" (1923). Toller wurde zum erfolgreichsten deutschen Dramatiker der 1920er Jahre.
Bleibenden Weltruhm erlangte er mit seinem Bühnenstück „Hoppla, wir leben!“ (1927).
Vom 21. Juni 1921 bis zum 06. April 1924 gehörte Ernst Toller für die USPD dem Bayerischen Landtag an. Er wurde in Absenz gewählt und konnte aufgrund seiner Festungshaft nicht an den Sitzungen teilnehmen. Seit 1928 war Toller ein Mitglied des "Bundes der Freunde der Sowjetunion". Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erlebte Toller in der Schweiz. In diesem Jahr erschien in Amsterdamer Exilverlag "Querido" seine Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland". Wegen seiner jüdischen Herkunft, seiner Rolle in der Räterepublik und der in seinen Schriften klar erkennbaren politischen Einstellung entzogen ihm die NS-Machthaber in Abwesenheit die Staatsbürgerschaft. Nach seiner Ausbürgerung emigrierte Ernst Toller nach London. 1934 war er Teilnehmer und Sprecher auf dem ersten Kongress der Vereinigten Sowjetischen Autoren in Moskau. 1935 heiratete er die Schauspielerin Christiane Grautoff (1917-1974).
Als seine Frau ihre berufliche Karriere in New York fortsetzte, folge ihr Ernst Toller 1936 über den Atlantik. Zwei Jahre später erlitt Toller eine schwere seelische Krise und begab sich in psychiatrische Behandlung. Nicht zuletzt die hoffnungslosen Nachrichten aus Deutschland und der ausbleibende Erfolg in den USA machten ihm zu schaffen: Seine Werke waren in NS-Deutschland verboten, sein Schulenglisch reichte jedoch nicht aus, um im Exil erfolgreiche neue Stücke zu verfassen. Das Drama "Pastor Hall" (1939) in englischer Sprache blieb seine letzte große Veröffentlichung.
Im Spanischen Bürgerkrieg unterstützte Toller - wie viele andere Intellektuelle aus den USA - die Republik im Kampf gegen die faschistisch-royalistische Militärjunta unter Francisco Franco. Nach mehrmaligen Aufenthalten in Barcelona und an der Katalanischen Front gründete er ein Hilfsprojekt für die notleidende spanische Bevölkerung. Privat folgten weitere Schicksalsschläge, unter anderem die Trennung von seiner Frau. Der Sieg Francos beendete schlagartig Tollers verzweifelten Einsatz für die spanische Demokratie. Zerrüttet von Depressionen und Schlaflosigkeit, schwankte Toller zwischen der Selbsteinweisung in eine Nervenheilanstalt oder einer Europareise. Beim Kofferpacken in einem New Yorker Hotelzimmer folgte Ernst Toller wohl einer spontanen Eingebung und erhängte sich am 22. Mai 1939 mit dem Gürtel seines Bademantels.
(Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Schaupp Simon: Der kurze Frühling der Räterepublik. Ein Tagebuch der bayerischen Revolution. 2. Aufl. München 2022.
- Franz Menges: Vom Freistaat zur Reichsprovinz (1918-1933). Revolution und Räterepublik. In: Manfred Treml (Hg.): Geschichte des modernen Bayern. Königreich und Freistaat. 3. neu bearb. Auflage. München 2006, S. 166-192.
- Ralf Höller: Der Anfang, der ein Ende war. Die Revolution in Bayern 1918/19. Berlin 1999, S. 217f.
- Theo Stammen (Hg.): Die Weimarer Republik, Bd. 1: Das Schwere Erbe 1918-1923. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit A/81), S. 114f.
- Carel ter Haar: Ernst Toller (1893-1939), "der aber an Deutschland scheiterte...". In: Haus der Bayerischen Geschichte /Manfred Treml (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18/2), S. 309-314.
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 604.
Quellen
GND: 118623230