Jüdisches Leben
in Bayern

Hochmittelalter bis zur Reformationszeit

Der heutige Freistaat Bayern besteht aus sieben Regierungsbezirken, die eine wechselvolle und teilweise recht unterschiedliche Geschichte erlebt haben – auch was ihre jüdische Vergangenheit betrifft. Oberbayern und Niederbayern werden auch als Altbayern bezeichnet und bildeten das Kerngebiet des Herzogtums. 1628/48 kam noch die Oberpfalz hinzu. Mit der Erhebung Bayerns zum Königreich wurden ab 1806 zahlreiche kleinteilige, bisher unter weltlicher oder geistlicher Herrschaft stehende Territorien westlich und nördlich von Altbayern an das neu gegründete Königreich angegliedert. Sie umfassen die heutigen Regierungsbezirke Schwaben, Mittel-, Unter- und Oberfranken. Historisch bedingt konzentrieren sich die Orte mit einer langen jüdischen Geschichte besonders in diesen vier Regierungsbezirken.

Bereits in der Raffelstettener Zollordnung um 903 wurden "Juden und andere Kaufleute" (lat. Iudei et ceteri mercatores), die sich um diese Zeit vermutlich auch in Regensburg niedergelassen hatten, im Zusammenhang mit dem Donauhandel erwähnt. Als erster schriftlich gesicherter Nachweis für jüdische Präsenz im heutigen Bayern gilt der eines Juden namens Samuel in Regensburg, der 981 ein Landgut an das Kloster St. Emmeram verkaufte. Ab dem 11. und 12. Jahrhundert entstanden immer mehr jüdische Gemeinden in den wichtigen Bischofs- und Reichsstädten. Herausragende Gelehrte wie Rabbi Meir von Rothenburg und angesehene Talmudschulen zeugen von der Bedeutung der hochmittelalterlichen jüdischen Gemeinden, die eine wichtige Rolle im Urbanisierungsprozess der frühen Städte spielten. Die jüdisch-aschkenasische Kultur erlebte in dieser Zeit eine Blüte. Neben den rheinischen Städten Speyer, Worms und Mainz (nach deren Anfangsbuchstaben auch SchUM-Städte genannt) oder Köln entwickelten sich auch bayerische Orte wie Regensburg zu wichtigen Zentren jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit. Die Wohngebiete der jüdischen Bevölkerung befanden sich in guter Lage unweit von Marktplatz oder Dom. Ab dem 13. Jahrhundert entstanden jüdische Gemeinden in vielen weiteren Städten, u. a. in den Residenzstädten der Wittelsbacher Herzöge.

Seit dem 12. Jahrhundert war die jüdische Bevölkerung als "Kammerknechte" (lat. servi camerae) direkt an die Könige und Kaiser gebunden, was einerseits einen besonderen Schutz durch die Krone, andererseits aber auch ein Leben in Unfreiheit und mit zunehmender Ausbeutung bedeutete. Dieser rechtliche Status wurde im Schwabenspiegel um 1270 kodifiziert. Dennoch waren die jüdischen Gemeinden, insbesondere im kultisch-religiösen Bereich, autonom und konnten sich im Rahmen einer eigenen Gerichtsbarkeit nach jüdischem Recht selbst verwalten. Eine Gemeinde (Kahal bzw. Kehilla) sollte idealerweise neben einer Synagoge, einer Mikwe und einem Friedhof auch ein Spital für Kranke, Arme und Reisende (Hekdesch) sowie weitere Gemeindeeinrichtungen umfassen. Durch die Verdrängung aus den meisten Berufen, unter anderem durch christliche Kaufmannsgilden und Zünfte, blieb der jüdischen Bevölkerung ab dem Hochmittelalter zum Broterwerb häufig nur der Geldverleih übrig. Dies führte zum Feindbild des unmoralischen, gierigen und skrupellosen Juden, das auch von kirchlicher Seite geschürt wurde. Zuvor gingen Juden und auch Jüdinnen zahlreichen beruflichen Tätigkeiten nach – Handel, Weinbau und Landwirtschaft, Handwerk oder Medizin sind nur einige Beispiele. In Regensburg sind bis zum 14. Jahrhundert jüdische Frauen in wichtigen Funktionen belegt: Während der Abwesenheit des Mannes übernahmen sie teilweise die Geschäfte, zogen Steuern ein und die namentlich bekannten Jüdinnen Kaendlin und später Joseppine hatten das Amt der Parnasset, der Gemeindevorsteherin, inne.

Lebten Christen und Juden anfangs meist friedlich und in enger Nachbarschaft zusammen, so kam es ab dem ausgehenden 11. Jahrhundert, nicht zuletzt im Rahmen der Kreuzzüge, zu ersten Verfolgungen mit zahlreichen Todesopfern. Die "Feinde des Christentums" sollten nicht erst im Heiligen Land, sondern bereits in den jüdischen Gemeinden vor Ort vernichtet werden. Von einer zunehmenden Abwertung des Judentums zeugen teilweise noch heute sichtbare diffamierende Darstellungen an bayerischen Kirchen und weltlichen Gebäuden, die vor allem ab dem 13. Jahrhundert entstanden. Berichte von angeblichen Hostienschändungen oder Ritualmorden machten die Runde und schürten Vorurteile und Hass.

Vor dem Hintergrund eines angeblichen Hostienfrevels kam es 1298 zur Rintfleisch-Verfolgung, die in dem kleinen Ort Röttingen im Taubertal ihren Anfang nahm. Der Anführer der Pogrome soll ein verarmter Angehöriger des niederen Adels gewesen sein, vermutlich aber eher ein Metzger oder Scharfrichter, der als "König Rintfleisch" bezeichnet wurde. Begünstigt wurde die Ausbreitung der Verfolgungswelle durch das Machtvakuum während der Thronstreitigkeiten zwischen Adolf von Nassau und Albrecht von Habsburg. Dies führte dazu, dass der sonst durch König und Fürsten gewährleistete Judenschutz nicht griff. Vermutlich waren bis zu 146 Dörfer und Städte, vor allem in Franken, betroffen. Bis zu 5.000 Jüdinnen und Juden wurden ermordet, historischen Quellen zufolge davon 941 in Würzburg, 450 in Rothenburg ob der Tauber, 130 in Bamberg und 728 in Nürnberg. Eine wichtige Quelle hierzu ist das Nürnberger Memorbuch, in dem neben den Opfern in Nürnberg selbst auch jene aus anderen jüdischen Gemeinden verzeichnet sind. Aus Rothenburg ob der Tauber hat sich ein Stück des jüdischen Gedenksteins für die Opfer erhalten.

Nicht einmal vierzig Jahre später kam es mit der Armleder-Verfolgung (1336–1338) zum nächsten Pogrom, der etwa 6.000 Opfer forderte. Der Anführer dieser Verfolgung war der verarmte Ritter Arnold von Uissigheim, auf dessen Armschutz die Bezeichnung "Armlederverfolgung" zurückgeht. Erneut nahm der Pogrom seinen Anfang im Taubertal, griff aber auf weite Gebiete aus, die sich bis Hessen, zum Mittelrhein und an die Mosel, ins Elsass, ins heutige Österreich sowie nach Böhmen und Mähren erstreckten. Auch die Judenmorde von Deggendorf und zwanzig anderen Orten im weiteren Umkreis im Jahr 1338 stehen noch damit in Zusammenhang.

Die Verfolgungswellen des ausgehenden 13. und des 14. Jahrhunderts gipfelten schließlich in der Vernichtung eines Großteils der jüdischen Gemeinden zur Zeit des "Schwarzen Todes" 1348/49. Dabei waren viele Städte in Bayern zum Zeitpunkt der Pogrome gar nicht von der Pest betroffen: Neben den bereits genannten Vorurteilen gegenüber dem Judentum war vielmehr die Verschuldung bei jüdischen Geldgebern ein gewichtiges Motiv für die Verfolgungen und Morde. Man hoffte, sich mit den Juden auch seiner Schulden zu entledigen und sich gleichzeitig die Besitztümer der Opfer aneignen zu können. In Würzburg kam es 1349 nach Ernteausfällen durch einen Frosteinbruch und einem Geißlerzug zum „Weinrebenpogrom“. Für Nürnberg garantierte Kaiser Karl IV. vorab Straffreiheit, falls die jüdische Bevölkerung durch Ausschreitungen zu Schaden kommen sollte. Beim darauffolgenden Pogrom im Dezember 1349 starben 562 Jüdinnen und Juden. Das Judenviertel wurde abgerissen, um den Hauptmarkt und die Frauenkirche anzulegen.

Überlebende kehrten nach den traumatischen Ereignissen der "Pestpogrome" zwar in die Städte zurück, bezogen nun aber häufig Wohnquartiere in einer deutlich schlechteren Lage. Die Bedeutung und den Wohlstand aus der Zeit vor 1349 konnten die Gemeinden nicht mehr erreichen. Die von König Wenzel angeordneten Schuldentilgungen, die jüdische Gläubiger zum Verzicht auf ihre Forderungen zwangen, aber auch das Anwachsen christlicher Kreditgeschäfte machte der jüdischen Bevölkerung im ausgehenden Mittelalter vermehrt zu schaffen. Prediger wie Johannes Capistranus oder Petrus Nigri traten auch in Bayern auf, machten öffentlich Stimmung gegen Juden und beschuldigten sie des Wuchers.

Ab dem ausgehenden 14. und bis ins 16. Jahrhundert hinein beschlossen immer mehr Städte und weltliche sowie geistliche Herrscher, die jüdische Bevölkerung aus ihren Gebieten auszuweisen. Bereits 1391 ordnete Kurfürst Ruprecht II. die Vertreibung der Juden aus der Pfalz am Rhein, aber auch im "oberen Land zu Bayern" an, was damit einen großen Teil der heutigen Oberpfalz, nicht aber die Stadt Regensburg umfasste. 1429 wurden nach mehreren Ritualmordanklagen im Bodenseegebiet 15 Juden in der Reichsstadt Lindau verbrannt und die restlichen vertrieben. Ebenfalls als eine der ersten Städte im heutigen Bayern wies Augsburg 1438 auf Veranlassung des Rats die jüdische Bevölkerung aus. Um 1442 folgten die bayerischen Herzogtümer Oberbayern-München und 1450 Niederbayern-Landshut, vermutlich um 1475/78 das Bistum Bamberg sowie die Reichsstädte Nürnberg im Jahr 1499, Regensburg 1519, Rothenburg ob der Tauber 1520 sowie Schweinfurt 1554. Die jüdische Bevölkerung Würzburgs wurde 1560 aus der Stadt, 1575 aus dem gesamten Hochstift ausgewiesen. Mit dem Ausweisungsedikt Herzog Albrechts V. (reg. 1550–1579) erlosch ab 1553 das jüdische Leben im ganzen Herzogtum Bayern und kehrte erst nach rund zweihundert Jahren wieder.

Antijudaistische Positionen prägten auch die Reformationszeit und schlugen sich in den Schriften Martin Luthers nieder. Einer der wenigen Reformatoren, die der jüdischen Bevölkerung offener gegenüberstanden, war der aus dem heutigen Bayerisch-Schwaben stammende und zuletzt in Franken wirkende Johann Eberlin von Günzburg, der in einer seiner Schriften "Rücksichtnahme auf religiöse Minderheiten" forderte und in einer späteren Flugschrift Verständnis für die Lage der Juden äußerte. Von Andreas Osiander, geboren in Gunzenhausen, der als protestantischer Theologe auch ein Kenner der hebräischen Sprache und der rabbinischen Schriften war, ist ein Gutachten überliefert, in dem er Vorwürfe von durch Juden verübte Ritualmorde widerlegte. Während dieser Zeit des Umbruchs gelang es Josel von Rosheim, der auf dem Reichstag 1530 in Augsburg als Vertreter der Juden des gesamten Heiligen Römischen Reiches auftrat, bedeutende Verbesserungen zu erzielen. Durch seine "Bestimmungen" (Takkanot), die die wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zwischen Juden und Christen regelten, konnten die immer wiederkehrenden Vorwürfe über jüdischen Zinswucher entkräftet und antijüdische Verordnungen verhindert werden. Er setzte damit Maßstäbe für die folgende Gesetzgebung des Reiches.

(Karin Eben)


Literatur:

Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012.

Michael Brenner / Sabine Ullmann (Hg.): Die Juden in Schwaben. München 2013.

Mordechai Breuer: Prolog - Das jüdische Mittelalter. In: Mordechai Breuer / Michael Graetz: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd. I: Tradition und Aufklärung 1600-1780. München 2000, S. 19-82.

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg (Hg.) / Bernward Deneke / Manfred Treml u.a.: AK Siehe der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Nürnberg 1988.

Ole Harck, Archäologische Studien zum Judentum in der europäischen Antike und dem zentraleuropäischen Mittelalter. Petersberg 2014 (= Schriftenreihe der Bet Tfila 7).

Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin u. Boston 2019 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 11).

Bernd Päffgen: Mittelalterliche Judengemeinden und ihre Quartiere in Bayern. In: Maria Stürzebecher / Simon Paulus (Hg.): Inter Judeos. Topographie und Infrastruktur jüdischer Quartiere im Mittelalter. Quedlinburg 2019 (= Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte 5), S. 12-38.

Hans-Peter Süss: Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberpfalz. Büchenbach 2010 (= Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands 25).

Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Josef Kirmeier: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988. (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17).

Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18).