Jüdisches Leben
in Bayern

1874: Neue Hauptsynagoge in Nürnberg

Die Einweihung zweier neuer großer Tempel in Nürnberg und Paris [am 8./9. September 1874]. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums, Jg. 38 Nr. 40 (29. September 1874), S. 669-672. Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main – Compact Memory.


Vorbemerkung

Synagogen wurden ab dem 14. Jahrhundert zumeist am Ortsrand oder in zweiter Reihe zur Straße erbaut. Auf Befehl der Obrigkeit mussten sie (mit nur wenigen Ausnahmen) äußerlich unscheinbar bleiben, um ihren niedrigeren Stand gegenüber den christlichen Kirchen zu betonen. Bei der Einweihung blieben oft öffentliche Feierlichkeiten, manchmal sogar jede Art von Musik verboten. Erst mit dem Bayerischen Judenedikt 1813 setzte eine völlig neue Entwicklung ein: Synagogen sollten von nun an die Würde eines öffentlichen Gotteshauses in einem modernen Staat repräsentieren. Daher überprüfte ab 1829 ein königlicher Baukunstausschuss die Pläne aller Neu- und Umbauten nach ihrem ästhetischen Wert.

Am 4. März 1867 erwarb die IKG Nürnberg für 46.000 Gulden den sog. Kleining’schen oder Harsdörfer Hof am Spitalplatz, der aus den Häusern Nr. S 1169 und S 1178 (heute Hans-Sachs-Platz 4 und Neue Gasse 12) bestand. Nach einem Architekturwettbewerb entschied sich ein fünfköpfiges Gremium für einen Entwurf des Stuttgarter Architekten Christoph Adolf Wolff (1832-1885). Im Frühjahr 1869 begannen die Arbeiten, wobei sich die Konsolidierung des feuchten Baugrunds direkt an der Pegnitz als kostspielig und zeitintensiv erwies. Dafür schuf Wolff bis 1874 eine der bedeutendsten Synagogen im Deutschsprachigen Raum, für die er sich an der älteren Synagoge seines Lehrmeisters Gustav Adolf Breymann in Stuttgart orientierte und die wiederum Wolffs weitere Synagogenbauten in Heilbronn (1877), Karlsbad (1878) und Lodsch/Łódź (1887) inspirierte. 

Die zentral gelegene, neue (Haupt-)Synagoge von Nürnberg beanspruchte einen prominenten Platz im Panorama von Bayerns zweitgrößter Stadt. Mit der Einweihungsfeier am 8. September 1874 wird der gestiegene soziale und politische Stellenwert der jüdischen Staatsbürger deutlich: Unter den geladenen Festgästen waren der amtierende Bürgermeister von Nürnberg, Offiziere der bayerischen Armee, führende Vertreter der beiden christlichen Konfessionen sowie ein hochrangiger Vertreter des Regierungspräsidenten von Mittelfranken. Später besuchten auch königliche Gäste die Nürnberger Hauptsynagoge: Prinzregent Luitpold (1886 und 1896), Kronprinz Friedrich von Preußen (vor 1887), Prinz Ludwig von Bayern (1895) und sogar Kaiser Wilhelms II mit seiner Gemahlin Auguste Viktoria (1897).

Quellentext

Die am 8. und 9. September stattgefundene Einweihung zweier prächtiger Tempel zu Nürnberg und zu Paris bietet des Interesses zuviel, um nicht eine nähere Schilderung, und zwar unter den Leitartikeln dieses Blattes selbst zu geben. Wir entnehmen das Detail den zu Nürnberg erschienenen Blättern, sowie den Archives Israélites. Als im Dezember 1849 im bayerischen Landtag die Emanzipation der Israeliten beschlossen wurde und schon im nächsten Frühling ein israelitischer Kaufmann die Aufnahme als Bürger Nürnbergs erhielt, waren genau 500 Jahre seit jener Zeitperiode verflossen, in welcher die Israeliten, wie fast allenthalben, auch in der Reichsstadt Nürnberg großen Verfolgungen ausgesetzt waren und ihre Synagoge abgebrochen wurde, an deren Stelle auf Veranlassung Kaiser Karls IV. die jetzige Frauenkirche entstand. Wohl fanden sie später wieder Aufnahme in Nürnberg, durften aber nicht mehr, wie sonst, wohnen, wo sie wollten, sondern es wurde ihnen ein eigener Platz angewiesen (die jetzige Judengasse usw.), welcher 1340 durch eine große Feuersbrunst verwüstet worden war, und wo sie unangefochten wohnten, bis 1498 Kaiser Maximilian I. der Stadt die Freiheit gab, die Juden samt und sonders auszuweisen, eine Freiheit, die bis zum letzten Titelchen ausgenützt wurde. Erst das Jahr 1849 hat, wie bereits erwähnt, den Jahrhunderte lang auf den Israeliten ruhenden Bann der Unduldsamkeit gebrochen und denselben, wie sie gleiche Pflichten haben mit allen übrigen Staatsbürgern, so auch die gleiche Berechtigung mit denselben und mit dieser namentlich auch das Recht freier Niederlassung gebracht. Seitdem ist die Zahl der Israeliten in Nürnberg auf etwa 2000 Seelen gestiegen. Es war daher sehr natürlich, dass sich das Bedürfnis eines eigenen Gotteshauses für diese zahlreiche Gemeinde bald geltend machte. So sahen wir also auch seit 1869 am Spitalplatz an der Stelle des ehemaligen sogenannten Harsdorfer-Hofes, welchen die Gemeinde käuflich an sich brachte, ein prachtvolles Gebäude entstehen, das als eine Zierde der Stadt betrachtet werden kann; es ist die neue Synagoge von Herrn Baurat Wolff aus Stuttgart, welcher auch die dortige Synagoge erbaut hat, im maurischen Stil ausgeführt.

Die Synagoge enthält 546 nummerierte Männersitze und 389 nummerierte Frauensitze. In Folge der durch die Zahl der vorhandenen Site auferlegten Beschränkung, und da zum Mindesten jedes männlich israelitische Gemeindeglied mit einem Platze versehen werden wollte, auf der andern Seite aber die bei dem Bau beteiligten Personen, dann die hiesigen Civil- und Militärbehörden, auswärtige Rabbiner und die Vertreter wenigstens der größeren israelitischen Gemeinden Bayerns, dann die Vertreter der Presse mit Karten berücksichtigt werden mussten, ging es nicht an, allen Anmeldungen um Einlasskarten gerecht zu werden; doch war man bemüht, durch Anweisung von Stehplätzen möglichst Rat zu schaffen und allen sich rechtzeitig meldenden Frauen Sitze zu verschaffen.

Einige Notizen über die Architektonik der neuen Synagoge mögen insbesondere für auswärtige Leser von Interesse sein. In der Mitte des in maurischem Stile ausgeführten Prachtbaues erhebt sich eine weithin sichtbare große Kuppel an der Vorderseite des Gebäudes von zwei kleineren Kuppeln flankiert. Eine aus Sandstein gebaute Freitreppe führt zu einer Balustrade, welche zum Hauptportale geleitet, das auf mehreren mit plastischen Ornamenten verzierten Säulen ruht. Oberhalb des Portals befindet sich eine von kunstgeübter Hand entworfene und in Stein ausgeführte Rosette. Beim Betreten des Innern ruht das Auge mit Bewunderung auf dem majestätischen, das Licht von oben einlassenden mittleren Kuppelbau (die Seitenkuppeln werden im Innern nicht sichtbar). Das Deckengewölbe ruht auf Gurtbögen, die sich auf mächtige Pfeiler stützen, an welche sich gekoppelte Säulen anlehnen. Zierliche Säulen, an deren Knauf die reichste, in orientalischer Manier gehaltene Ornamentik beginnt, tragen den für die Frauensitze bestimmten Empor. Im Gegensatze zu der, die ganze Synagoge zierenden, buntfarbigen Ornamentik erscheint der, die "heilige Lade" umfassende, Teil des Baues in Weiß mit Goldverzierung. Oberhalb der heiligen Lade befindet sich eine Rosette, deren buntfarbige Gläser ein magisches Licht verbreiten. Der Gesamteindruck des ganzen Baues ist ein äußerst günstiger; trotz der reichen, durch den Stil bedingten Ornamentik ist nirgends Überladung.

Es waren zur Teilnahme an der Einweihung viele Einladung erlassen worden, und zahlreiche Deputationen der königlichen und städtischen Behörden, an der Spitze der Letzteren, Herr Bürgermeister Freiherr von Stromer, wohnten dem feierliche Akte bei. Die protestantische Geistlichkeit war durch Herrn Pfarrer Seiler (im Ornat) und Herrn Pfarrer Baer vertreten. Der katholische Stadtpfarrer, Herr geistlicher Rat Burger, ließ sich ausdrücklich durch seine schon länger andauernde Krankheit entschuldigen. Auch eine Deputation des Offizierscorps der Garnison mit Oberst von Michels war anwesend. Als Vertreter des Regierungspräsidenten von Mittelfranken, Herrn von Feder, war Herr Regierungsrat von Morett eingetroffen.

Nachdem kurz vor 10 Uhr die Nebentüren verschlossen worden waren, erschallten bald darauf die Klänge eines religiösen Festmarsches, welcher den Abhang des Zuges aus dem bisherigen Betsaal verkündeten. Nachdem hierauf an der Freitreppe gegen Westen die Übergabe des Schlüssels durch Herrn Baurat Wolff an den Administrationsvorstand der Gemeinde und von diesem an den Herrn Bürgermeister Stromer stattgefunden hatte, bewegte sich der Zug, voran die Konfirmandinnen mit Palmenzweigen, die Konfirmanden mit brennenden Kerzen in den Händen, hierauf die Rabbinen, welche die Torarollen trugen, dann Herr Baurat Wolff als Erbauer der Synagoge mit den Bauführern und Werkmeistern, die Festgäste und schließlich die Mitglieder und Ersatzmänner der Verwaltung und die Baukommission, durch die geöffnete Haupttüre in das Gotteshaus, begrüßt von dem Psalm: "Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn etc., welcher wie überhaupt sämtlich Gesänge von Mitgliedern des Oratorien- und Singvereins unter Leitung des Herrn Direktors Emmerling ausgeführt wurde. Hieran reihte sich der Festgesang "Preis des Gotteshauses", die Benediction und der feierliche Umzug unter dem Sologesange des mit einem herrlichen, klangvollen Bassbariton begabten Herrn Oberkantors Singer (Schüler des Prager Konservatoriums). Nachdem hierauf die Zeremonien des "Öffnens der heiligen Lade" und des "Anzündens des beständigen Lichtes" (Ner tamid) erfolgt waren, ging der Gesang des 84. Psalms: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Ewiger Zebaoth", der Weihepredigt voraus, welche der Rabbiner der hiesigen Gemeinde, Herr Dr. Levin hielt. Das Hauptthema seiner Rede war der Satz: "Hat das Gotteshaus noch eine Berechtigung", oder "Mit welchem Rechte baut ihr ein Gotteshaus?" Er ventilierte diese Frage in wahrhaft begeisterter und poesievoller Weise, indem er das Wesen des Materialismus und Pessimismus charakterisierte, von welchen dieselbe gestellt werden möchte, die Lehre vom Dasein Gottes, der Ansicht, dass Alls aus dem Wirken und Schaffen der Natur hervorgehe und zu erklären sei, mit eben so viel philosophischer Stärke aus Glaubenswärme gegenüberstellte und die alles besiegende Macht der Gottesidee hervorhob. Nach der Rede folgte das Weihegebet, in welchem nächst dem Herrscher

Bayerns und dem Oberhaupt des deutschen Reiches, den Behörden der Stadt usw. auch des Baumeisters der Synagoge und aller, die für den bau gewirkt und ihn gefördert haben, segnend gedacht wurde. Der Gesang des 150. Psalms: "Halleluja! Lobet den Herrn in seinem Heiligtum etc." schloss die seltene gewiss in der Erinnerung Aller, die an ihr Teil nahmen, nicht erlöschende Feier.

Um 2 Uhr fand ein Festmahl statt. Der interessanteste Zug dieses Festmahls war wohl eine historische Anspielung des Herrn Bürgermeisters von Stromer, welcher seinen Toast auf den Rabbiner Dr. Levin und den Kultusvorstand Herrn Josephthal mit der Bemerkung einleitete: es habe ihn besonders gefreit (sic) bei der heutigen Einweihung der Synagoge die Pforten derselben zu öffnen, nachdem vor Jahrhunderten einer seiner Vorfahren (Ulrich Stromer) die Juden mit Feuer und Schwert aus Nürnberg vertrieben habe. Gegenüber der mittelalterlichen Anschauung sei man jetzt allgemein zu der Erkenntnis gekommen, dass die Lösung der sogenannten Judenfrage gleichen Schritt mit der Entwicklung und Vermehrung der Gesittung und Humanität bei Nationen und Einzelnen halte. [Es folgt eine Beschreibung der Einweihungsfeierlichkeiten für die Große Synagoge in der Rue de la Victoire Nr. 44("Synagogue de la Victoire" oder "Grande Synagogue de Paris"), bis heute das größte jüdische Gotteshaus in Frankreich]

(Transkription von Joachim Hahn | Vorbemerkung von Patrick Charell)