Jüdisches Leben
in Bayern

Friedberg Gemeinde

Die Burg von Friedberg wurde von Herzog Ludwig II. dem Strengen um 1260 als Stützpunkt gegen das Hochstift und die Reichsstadt Augsburg errichtet: "Dux Ludovicus Bavariae construxit castrum in Fridberg contra episcopum Augustensem". Im Jahre 1264 folgte die Gründung einer planmäßig angelegten Stadt. Zusammen mit Aichach sollte sie den wirtschaftlichen Einfluss Augsburgs auf das bayerische Gebiet einzudämmen. Ähnlich gingen die Wittelsbacher auch bei Regensburg (Stadtamhof, Landshut) oder dem Hochstift Freising (München, Erding) vor. Mehrere Indizien weisen darauf hin, dass auch in Friedberg während der nächsten zwei Jahrhunderte jüdisches Leben existierte, was jedoch nur sporadisch und indirekt in Augsburger Quellen zu Tage tritt.

Herzog Ludwig II. (reg. 1253-1294) unterstützte nach Kräften seinen Neffen, den letzten Staufer Konradin (1252-1268), der zu dieser Zeit erst zwölf Jahre alt war. Zwei Jahre später übertrug Konradin seinen Herzoglichen Judenschutz für die Augsburger Juden an die Bürgerschaft. Die bekannte Urkunde zum Bau des "Judenwalls" in Augsburg 1298 nennt unter den Vorständen der Gemeinde einen "Chöwellin von Friedberg". Es gibt zwar auch im heutigen Hessen einen Staufer-Ort gleichen Namens, dennoch ist hier Friedberg bei Augsburg naheliegend.

Von 1355 an, als sich nach einem Pogrom wieder eine jüdische Gemeinde in Augsburg bildete, bis ins Jahr 1377 wirkte dort "Samuel von Friedberg" als Arzt und Fleischhauer. Er besaß ein Haus und zahlte Steuern an die Reichsstadt. 1455 und nochmals 1458 erscheinen in Geldgeschäften mit Augsburger Bürgern wieder jüdische Geschäftsleute mit der Herkunftsbezeichnung "von Friedberg": Moses, Schwiegersohn des Gerstl, und Jakob. Letzterer musste seinen christlichen Mitbürger Hans Huber mit der Geltendmachung seiner Forderungen gegenüber dem Augsburger Christof Zwingensteiner beauftragen, weil Jakob als Jude die Reichsstadt nicht betreten konnte. Der Augsburger Stadtrat hatte 1438 alle Juden ausweisen lassen und eine erneute Niederlassung verboten. Theoretisch ist es denkbar, dass einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde Augsburg auch in das benachbarte Friedberg zogen. In jedem Fall wären ansässige Juden der Schutzherrschaft des bayerischen Herzogs unterstanden, denn weder der Freiheitsbrief von 1383 noch das erweiterte Stadtrecht von 1404 erwähnen ein eigenes städtisches Judenregal. Zum Ende des 15. Jahrhunderts gibt es keine weitere Überlieferung. Prof. Bernd Päffgen (LMU) zieht aus den vereinzelten Nachweisen/Nennungen von Juden in bzw. aus Friedberg einen etwas differenzierteren Schluss. Er vermutet nämlich ein "Judenquartier" für die Zeit des ausgehenden Mittelalters im nördlichen Bereich der Friedberger Altstadt, nördlich des Jesuitengässchens nahe der Wittelsbacher Burg. Allerdings gibt es nach aktuellem Forschungsstand keinerlei Hinweise auf jüdische Einwohner in den Quellen der Stadt, keine baulichen Spuren einer Mikwe oder einer Synagoge.

Von 1447 bis 1506 gehörte Friedberg zum Herzogtum Niederbayern. Weil Herzog Ludwig IX. (reg. 1450-1479) im Anschluss an die Vertreibung aus Landshut alle Juden des Herzogtums ausweisen ließ, erlosch spätestens jetzt auch hier das jüdische Leben. Das Herzogliche Niederlassungsverbot von 1551/53 verhinderte abermals eine neue Ansiedelung.

In der Wallfahrtskirche Herrgottsruh wird ein spätgotisches Gnadenbild verehrt; der "Christus in der Rast" wurde wohl von Meister Gregor Erhart aus Ulm geschaffen und stand schon im 1496 eingeweihten Vorgängerbau der Kirche. Es zeigt den gegeißelten Christus im Moment vor seiner Kreuzaufnahme. Er ist von weiteren Figuren umgeben: Rechts Maria, Maria Magdalena und der Apostel Johannes, links ein Soldat des Pilatus sowie drei weitere Männer: Der neben ihm stehende ältere Mann mit langem Haar und Vollbart hat dem gerüsteten Krieger den rechten Arm um die Schulter gelegt. Sein Mantel mit großem, vergoldeten Kragen, der goldfarbene Hut mit blauer Krempe verrät ihn als eine Person von Rang und Ansehen. Er trägt einen Vollbart, eine haubenartige gelbe Kopfbedeckung und gelbe Streifen an seinem Gewand – eine typische Darstellung von Juden in der Christlichen Kunst jener Zeit. Vermutlich handelt es sich um den reichen Juden Joseph von Arimathäa, der Christus in sein Grab legte. Die anderen beiden Männer in einfacher Kleidung sind vermutlich Simon von Cyrene, der von der Feldarbeit kam und von den Soldaten gezwungen wurde, für Christus das Kreuz mit zu tragen und Nikodemus, der zusammen mit Joseph von Arimathäa den toten Jesus salbte. Die Wallfahrtskirche war das Gelübde eines Friedberger Pilgerfahrers, der den Bau nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land stiftete. Die ursprüngliche Kirche entsprach in den Proportionen der Grabeskirche von Jerusalem. Auch der spätbarocke Nachfolgerbau folgt einer "Heiligen Länge": Er ist von den Stadtmauern Friedbergs exakt so weit entfernt wie Golgatha von der Jerusalemer Altstadt.

In seinem Privatarchiv nennt Hubert Raab trotz des Niederlassungsverbots für den 2. Februar 1738 die Namen "Samuel Moyses Schoenberger “ bzw. "Johann Nepomuk Deo Charus Schoenberger". Es handelte sich wohl um einen jüdischen Konvertiten bzw. Hoffaktor, der durch besonderes kurfürstliches Privileg einen Sonderstatus genoss. Weil Friedberg im Lauf der Geschichte mehrfach umkämpft und zerstört wurde – das erste Mal bereits 1388 – ist außer der Burg keine mittelalterlichen Bausubstanz erhalten geblieben. Wo sich die jüdische Ansiedlung einst befand, ob es eine Synagoge/Betsaal und eine Mikwe gab, all dies bleibt nach aktuellem Forschungsstand unbekannt. 

Bis zur Aufhebung der einschränkenden Judenmatrikel im Jahr 1861, und auch darüber hinaus bildete sich kein neues jüdisches Leben in der Stadt. Die Volkszählungen von 1840, 1875 und 1910 erfassen keinen einzigen jüdischen Einwohner in Friedberg, 1834/35 ist lediglich eine Familie "Landauer" bekannt, darüber hinaus wird der Arzt Martin Kupfer 1887 in Friedberg geboren (Angabe des Jüdischen Museums Augsburg).

Nach der NS-Machtübernahme wurden gemäß einer Ratssitzung vom 29. April 1938 antisemitische Hinweisschilder für gesonderte "jüdische Plätze" auf dem Markt errichtet... obwohl seit 1933 kein jüdischer Viehhändler mehr den Friedberger Markt besucht habe. Die gleichgeschaltete Stadtverwaltung legte nach Aussage des NS-Bürgermeisters Schambeck vom 6. Oktober ein "besonderes Augenmerk" auf jüdische Geschäftsleute, die sich über Nacht in Friedberg aufhielten. Gemäß einer mündlichen Überlieferung kamen im Priesterhaus der bereits erwähnten Wallfahrtskirche Herrgottsruh auf kurze Zeit einige jüdische Ehepaare aus Augsburg unter, doch diese wurden schon bald deportiert. Der einzige jüdische Friedberger war Bernhard Bezen, Mitbegründer der Friedberger Baugenossenschaft und 1934 nach Lechhausen verzogen. Als er dort seine Wohnung verlor, nahm ihn sein Schwager Anton Hofmair auf. Er wurde am 20.02.1945 mit dem letzten Transport aus Augsburg nach Theresienstadt deportiert. Die späte Deportation ist dem Schutz durch die nichtjüdische Ehefrau geschuldet, der mit einem Erlass des RSHA vom 13. Januar 1945 endete. Die jüdischen Partner aus "Mischehen" sollten zum geschlossenen Arbeitseinsatz nach Theresienstadt gebracht werden. Später wohnte das Paar wieder in Friedberg, Bezen wirkte nach Kriegsende als Geschäftsführer der neu gegründeten IKG Augsburg.


Persönlicher Dank geht an Matthias Lutz vom Stadtarchiv Friedberg für seine freundliche Unterstützung.

(Patrick Charell)

Bilder

Literatur

  • Julian Schmidt: Das jüdische Friedberg. In: Ein Brief aus St. Jakob [Pfarrbrief] 28 (Juli 2021), S. 2f.
  • Bernd Päffgen: Frühgeschichte und Gründung. Die Grenzstadt Friedberg aus archäologischer Sicht. In: Stadt Friedberg / Alice Arnold-Becker (Hg.): Friedberg. Grenzstadt am Lech. Friedberg 2014, S. 10-35, hier: S. 31.
  • Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin u.a. 2019 (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 11), hier S. 26.
  • Hubert Raab: Die Anfänge von Burg und Stadt. In: Stadt Friedberg (Hg.): Stadtbuch Friedberg, Bd. 1. Friedberg 1991, S. 108-118.
  • Hubert Raab: Die Ingolstädter Herzogszeit. In: Stadt Friedberg (Hg.): Stadtbuch Friedberg, Bd. 1. Friedberg 1991, S. 131-142, hier 133f.
  • Gernot Kirzl: Drittes Reich und Kapitulation. In: Stadt Friedberg (Hg.): Stadtbuch Friedberg, Bd. 1. Friedberg 1991, S. 330-347, hier S. 342f.