Jüdisches Leben
in Bayern

Oberwaldbehrungen Gemeinde

Bereits 1699 lebten sechs Familien, insgesamt 23 Personen im Ort. 1768 ist erstmals mit Löw, der sich auch als "Rabbi" bezeichnete, in Oberwaldbehrungen ein jüdischer Lehrer nachgewiesen.  Die 1776 von den Dorfherren, den Freiherren von der Thann, erlassene Dorfordnung untersagte den Oberwaldbehrungern den Viehhandel mit den Nordheimer Juden. Für ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen spricht, dass die Jüdin Clärle (Clara) Baruch um 1774/1775 ganze 100 Gulden für die Orgel der evangelischen Kirche spendete. Mildtätig verhielt sich auch ihr Ehemann Baruch Isaac, der sein Vermögen von 450 Gulden in eine Stiftung überführen ließ. Deren Zinsen gingen jährlich zu 2/3 an bedürftige Juden und zu 1/3 an bedürftige Christen.

Um 1800 leben 23 Schutzjuden mit ihren Familien im Dorf. Einen der letzten Schutzbriefe beantragte Moyses Natan am 17. Januar 1800 bei den Reichsrittern von der Thann, dessen Eheschließungsgesuch mit einer Oberwaldbehrunger Witwe die Dorfobrigkeit Ende desselben Jahres bewilligt hatte. 1812 lebten 125 Jüdinnen und Juden in Oberwaldbehrungen, die damit mehr als ein Drittel der Dorfbevölkerung ausmachten. Fünf Jahre später trugen sich 26 jüdische Familienvorstände in die bayerischen Matrikellisten ein, die sich häufig vom Schnittwarenhandel ernährten. Drei der Juden, die sich in den 1820er Jahren in die Matrikellisten eintrugen, lebten vom Feldbau. 1826 erwarb die jüdische Gemeinde ein Grundstück im Ostteil des Dorfes und richtete dort eine Religionsschule mit Lehrerwohnung ein. Das zweigeschossige, rund sieben Meter auf rund acht Meter messende Gebäude verfügte im Erdgeschoss über einen rund vier Meter auf fünf Meter messenden Schulsaal. Im zweiten Stock waren die Wohnstube des Lehrers und zwei Schlafkammern untergebracht. Wann die Religionsschule in eine jüdische Elementarschule umgewandelt wurde, ist bisher nicht bekannt. Die jüdische Elementarschule unterstand einem Schulverweser, der zugleich als Religionslehrer fungierte. 1830 eröffnete im Dorf ein jüdischer Metzgerladen, der mit zahlreichen Kunden rechnen konnte, da zu dieser Zeit in Oberwaldbehrungen 130 Jüdinnen und Juden lebten, die 39 Prozent der Dorfbevölkerung ausmachten. Im selben Jahr wurde der Oberwaldbehrunger Jude Isak Schloß Opfer eines überregional beachteten Raubüberfalls, als er auf der Landstraße bei dem nahe bei Würzburg gelegenen Unterpleichfeld von zwei Jugendlichen beraubt und schwer verletzt wurde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben Moritz Reis, Meier Reis und Salomon und Nathan Heinemann einen Viehhandel. Ab 1850 führte Meier Reis auch in Oberwaldbehrungen ein Wirtshaus, das am Sabat und an den jüdischen Feiertagen geschlossen war und bis 1900 im Familienbesitz blieb. Um 1850 war die jüdische Oberwaldbehrunger Bevölkerung zu Wohlstand gelangt und konnte deswegen Häuser, Äcker und Wiesen erwerben. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1840 bis 1892/93 zum Rabbinatsbezirk Gersfeld (Hessen), danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Die Toten wurden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Kleinbardorf, teilweise auch auf dem Friedhof Neustädtles beigesetzt. Seit Juni 1844 besaß die IKG ihren eigenen Friedhof, trotzdem wurden vereinzelt und wohl aus Traditionsgründen die alten Begräbnisstätten weitergenutzt.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs begann der kontinuierliche Schrumpfungsprozess der Oberwaldbehrunger jüdischen Gemeinde. Gleichzeitig integrierten sich die Juden in die nichtjüdische Gesellschaft. Beispielsweise wurde Philipp Reis, nachdem 1875/1876 die Funktion des Standesbeamten geschaffen worden war, zum stellvertretenden Standesbeamten bestimmt, und 1878 gehörten zwei Juden dem aus sechs Mitgliedern bestehenden Gemeinderat an. Bei der Feier zum Jubiläum der deutschen Siege im Deutsch-Französischen Krieg im Spätsommer 1895 wurden die jüdischen Schulkinder wie ihre christlichen Altersgenossen beschenkt. Antisemitisch äußerte sich hingegen beispielsweise der Sondheimer evangelische Pfarrer Carl Binder, der 1884 den jüdischen Händlern aus Oberwaldbehrungen wie ihren Nordheimer Kollegen vorwarf, sie würden negativen Einfluss auf die Bevölkerung ausüben.  

1910 gehörte Oberwaldbehrungen zu den finanziell leistungsschwachen Kultusgemeinden in Unterfranken und wurde deswegen von der Würzburger Kreisregierung mit einem Zuschuss von 50 Mark unterstützt. Nachdem die jüdische Elementarschule am 1. Januar 1911 faktisch aufgelöst war, besuchten die jüdischen Kinder seitdem die öffentliche Schule. Problematisch gestaltete sich in den nächsten Jahren die Gewährleistung eines jüdischen Religionsunterrichts. Schließlich wurde 1917 dem Sohn des Bad Kissinger Rabbiners Seckel Bamberger der Religionsunterricht in Oberwaldbehrungen, Oberelsbach und Willmars übertragen.  

Nachdem die Kultusgemeinde im Mai 1924 das Schulgebäude für 100.000 Mark an eine Privatperson verkauft hatte, stand die Auflösung der Kultusgemeinde bereits im Raum. Ende 1924 wurde der Dienst des für Oberwaldbehrungen, Oberelsbach und Willmars zuständigen Religionslehrers auch auf Nordheim v.d.Rhön ausgeweitet, nachdem die erstgenannten Kultusgemeinden sich bereit erklärt hatten, den Großteil der Finanzierung für eine gemeinsame Unterrichtsklasse in Nordheim zu übernehmen. Ende der 1920er Jahre konnte die Kultusgemeinde ihren finanziellen Verpflichtungen endgültig nicht mehr nachkommen und beispielsweise 1927 auch nicht mehr den Beitrag für den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden (VBIG) entrichten. 

Da 1934 laut VBIG nur noch ein einziges zahlendes Mitglied zur Oberwaldbehrunger Kultusgemeinde gehörte, beschloss die VBIG am 9. Dezember 1934 gegen den Willen der Gemeindemitglieder die Auflösung der Kultusgemeinde bis zum 21. Dezember. Nach erfolgloser Widerstand verzögerte nur das unausweichliche bis zum 26. März 1935. Die verbliebenen Juden in Oberwaldmehrungen gehörten jetzt zur IKG Mellrichstadt.

Am 9. Juni 1935 lebten nur noch sieben Jüdinnen und Juden im Ort. Fünf von ihnen, von denen vier der Familie Reis angehörten, emigrierten und entgingen so der Shoah. Nach Johannesburg in Südafrika wanderte die Witwe Emilie Schloß mit ihren Söhnen Paul und Walter aus. Der Shoah fielen elf in Oberwaldbehrungen geborene Jüdinnen und Juden zum Opfer. Das ehemalige jüdische Schulhaus wurde erst 1975 abgerissen. 


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Oberwaldbehrungen. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 839-856.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 234.