Jüdisches Leben
in Bayern

Willmars Gemeinde

1699 werden erstmals mit Löser, Perez und Jakof drei Juden genannt, die in Willmars unter dem Schutz der Freiherren von Stein standen. Insgesamt lebten zu diesem Zeitpunkt 18 Jüdinnen und Juden in Willmars. Von 1722 bis 1725 und 1762 lassen sich drei jüdische Kaufleute auf der Leipziger Messe nachweisen, wo sie den Kontakt mit anderen jüdischen Kaufleuten aus dem ganzen Reich pflegen konnten. Nachdem die Freiherren von Stein 1773 auch den Anteil der Schenk von Schweinsberg in Willmars erworben hatten, besaßen sie damit den Großteil des Dorfes, dessen Bevölkerung als arm bezeichnet wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts wohnten in Willmars 133 ritterschaftliche Schutzjuden in 31 Häusern. 

Nachdem im Sommer 1803 die Fensterscheiben einiger jüdischer Häuser eingeworfen worden waren, ließ der sächsisch-meiningische Amtmann die Anwesen der Juden durch einen Unteroffizier mit vier Scharfschützen in das Dorf abkommandieren. Anfang des 19. Jahrhunderts gingen die Willmarser jüdischen Kaufleute unter anderem im Großherzogtum Würzburg und den sächsischen Herzogtümern Sachsen-Weimar-Eisenach und Sachsen-Meiningen ihren Geschäften nach.

1817 trugen sich 35 jüdische Haushalte in die bayerische Matrikelliste ein und stellten somit nach Unsleben die zweitgrößte jüdische Gemeinde im heutigen Landkreis Rhön-Grabfeld. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Willmarser Juden hauptsächlich mit Schnittwarenhandel und "Schmusen". Die jüdische Gemeinde gehörte von 1840 bis 1892/93 zum Rabbinatsbezirk Gersfeld (Hessen), danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Sie besaß schon vor 1849 eine Mikwe, die 1880 als Wannenbad erneuert wurde und sich ab 1886 beheizen ließ, eine Religionsschule und eine Synagoge (Plan-Nr. 68, heute Gartengrundstück hinter dem Anwesen Hohlweg 9). Auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Neustädtles, wo ihre Toten bis in die 1930er-Jahre beigesetzt wurden, ist der älteste Grabsteine einer Person aus Willmars aus dem Jahr 1749.

Ob die jüdische Elementarschule in Willmars bereits 1833 oder erst 1852 gegründet wurde, ließ sich bisher nicht eindeutig klären. Möglicherweise erklären sich die differierenden Angaben daraus, dass der Schulunterricht 1833 im Gebäude der alten Synagoge begann und das Gebäude 1852 so umgebaut wurde, dass sich das Klassenzimmer dann im Erdgeschoss des ursprünglich rund acht Meter langen und zehn Meter breiten Hauptgebäude befand. Da das Mehrzweckgebäude über keine Wohnräume verfügte, mussten die jüdischen Lehrer bei Privatleuten zur Mieter leben. Anlass zur Beanstandung gab das Verhalten des von 1869 bis 1871 in Willmars als Elementarschullehrer und in Weimarschmieden als Religionslehrer wirkenden Jakob Wolf. Beispielsweise hatte sich der Schulverweser gegenüber zwei Werktagsschülerinnen sexuell übergriffig verhalten, so dass er am 29. Juli 1871 vom Amtsgericht Mellrichstadt wegen "unzüchtiger Handlungen" verurteilt wurde. Während 1884 sieben Jungen und drei Mädchen die Werktagsschule besuchten, gingen zwei Buben und vier Mädchen in die Sonntagsschule. Um 1890 zählte die jüdische Elementarschule rund 20 Schülerinnern und Schüler. Intensiv publizistisch betätigte sich Leopold Anfänger, der von etwa 1895 bis 1905 in Willmars unterrichtete und unter anderem in der Zeitschrift "Der Israelit" zahlreiche Artikel publizierte. 

Interreligiös engagierte sich Schulverweser Emanuel Levi, von 1901 bis 1912 in Willmars unterrichtete. Als Sanitäts- und Krankenpfleger unterstützte er laut eigener Auskunft regelmäßig die evangelische Krankenschwester des St. Johannis-Zweigvereins und rettete auch einmal drei Personen einer christlichen Gemeinde aus dem Dorf das Leben. Ein weiteres Betätigungsfeld für Levi bildete der Obstbauverein, dessen Arbeit er durch sein Mitwirken bei der Anpflanzung von 500 Obstbäumen unterstützte. Dem Wohl des Dorfes diente auch die von Levi angeschaffte Obstpresse, die er der Allgemeinheit zur Verfügung stellte. Dennoch zeigten sich auch in Willmars Anzeichen des Antisemitismus, denn mehrere Brandstiftungen, die in der Nacht vom 3. auf den 4. September 1913 einige Scheunen jüdischer Eigentümer betrafen, hatten wahrscheinlich einen antisemitischen Hintergrund.

1910 gehörte Willmars zu den finanziell leistungsschwachen Gemeinden in Unterfranken, die von der Würzburger Kreisregierung mit einem Zuschuss von 50 Mark unterstützt wurden. Der Zuschuss diente der Tilgung des Kredits, den die Kultusgemeinde zur Finanzierung des 1901 erfolgten Synagogenneubaus (Haus-Nr- 90, heute Lappichstraße 31) hatte aufnehmen müssen. Im Ersten Weltkrieg fielen zwei der zehn eingezogenen jüdischen Willmarser Soldaten. 

Da zehn bis zwölf jüdische Familien die jüdischen Elementarschule finanzieren mussten, entschied sich der Gemeindevorstand nach längeren Diskussionen, die Elementarschule (in der schon seit Herbst 1920 kein Unterricht mehr stattgefunden hatte) zum 1. Juni 1921 zu schließen. Die drei restlichen jüdischen Kinder besuchten fortan die christliche Volksschule. In den Jahren von 1924 bis 1930 und von 1933 bis 1937 leitete Emanuel Kurzmann, der großen Wert auf die würdige Gestaltung der Gottsdienste legte, als Kultusvorsteher die IKG WIllmars. In dieser Zeit existierten im Dorf etwa sieben jüdische Geschäfte, zu denen Lebensmittel-, Kleider-, und Gebrauchtwarenläden und eine Metzgerei gehörten. Die Mikwe wurde laut Überlieferung bis in die 1930er Jahre benutzt. Bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigten sich in der Bevölkerung antisemitische Vorbehalte, als der evangelische Ortspfarrer Friedrich Kellermann im Sommer 1931 seinem evangelischen Nachbarn erlaubte, eine Radioantenne auf dem höheren Dach des Pfarrhauses anzubringen. Nachdem die örtlichen Nationalsozialisten deswegen gegen den Pfarrer agitiert hatten, ließ der Theologe die Antenne seines Nachbarn wieder abbauen.  

Nach der NS-Machtübernahme 1933 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Juden und Christen in Willmars weiter. Die Jüdinnen und Juden wurden vermehrt belästigt und auf der Straße beschimpft. Christen, die weiter Kontakt zu Juden unterhielten, mussten mit beruflichen Konsequenzen rechnen. So etwa der kommunale Leichenbeschauer Christian Schmidt, der wegen seines freundschaftlichen Umgangs mit den jüdischen Mitbürgern vom Gemeinderat am 13. Mai 1938 entlassen wurde. Schon vor der Reichspogromnacht fand in Willmars am 8. Oktober 1938 ein lokales Pogrom statt, bei dem mehrere Juden auch geschlagen wurden. Andere flohen wie Max Strauß aus dem Dorf, um der Gefahr zu entgehen. Während des Novemberpogroms wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Willmars mehrere Jüdinnen misshandelt und geschlagen. Einige Tage später wurden drei Willmarser Juden in Schutzhaft genommen und rund zehn Tage im Gefängnis Bad Neustadt inhaftiert. Max Strauß und seine Familie entschieden sich für die Emigration in die USA. Während der Shoah starben 18 im Ort geborene oder dort wohnende Jüdinnen und Juden.

Im Prozess gegen sieben Täterinnen und Täter des Pogroms vom 8. Oktober 1938 wurden fünf Männer zu Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu eineinhalb Jahren verurteilt. Die zwei angeklagten Frauen wurden mangels Beweisen freigesprochen. Die Gemeinde Willmars beteiligt sich am dezentralen Gedenkprojekt DenkOrt Deportationen und hatte schon vor der offiziellen Eröffnung des Würzburger Mahnmals die lokale Erinnerungsstätte am 1. November 2019 eröffnet. 


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Johannes Sander: Willmars mit Weimarschmieden und Friedhof Neustädtles. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 908-933.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 234.