Jüdisches Leben
in Bayern

Oberstreu Gemeinde

Vermutlich im Mittelalter, zu einem nicht näher fassbaren Zeitpunkt, entstand in Oberstreu eine jüdische Gemeinde. Das geschichtsträchtige Dorf existierte bereits im 8. Jahrhundert als „villa“, als großer Gutshof mit umliegenden Siedlerhäusern und gehörte später zum Hochstift Würzburg. In Oberstreu wohnten die jüdischen Familien im sogenannten "Judenhof" in der Nähe des ehemaligen Gutsschlosses. Hier befanden sich fünf "Judenhäuser", eine Synagoge ("Judenschule"), eine Mikwe und ein eigener Brunnen. Greifbare Quellen beginnen jedoch erst ab 1814, als beide Dörfer an das Königreich Bayern fielen. 

Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Oberstreu insgesamt 16 Stellen vergeben. Nur der 1820 hinzugekommene Samuel Mittel war Feldbauer, ansonsten arbeiteten die Familienväter im Handel und hatten zu dieser Zeit bereits eine gewisse Bandbreite ihrer Geschäfte entwickelt: Es gab Viehhändler, Schnittwaren-, Spezereien- und „Krempelhändler“, Handel mit Eisen- und Ellenwaren, einen Farben- und einen Rohhäutehändler. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Kultusgemeinde in Oberstreu relativ groß: 1832 zählte sie 80 Personen, 1848 noch 62 in sechzehn Haushaltungen. Im benachbarten Mittelstreu gab es bereits um 1814 vier jüdische Haushalte mit 27 Personen, die eine eigene Gemeinde bildeten und sich in einem privaten Betraum versammelten. In Mittelstreu lebten 1832 dreißig, 1867 noch 25 Personen jüdischen Glaubens. Einen eigenen Religionslehrer gab es jedoch nie, die jüdischen Kinder gingen für ihren Unterricht immer nach Oberstreu. Dort ist für die 1840er Jahre Lehrer Joseph Silbermann (1817-1896) namentlich genannt, er amtierte auch als Vorsänger und Schochet (Schächter). Da es in Mittelstreu weder Lehrer, noch Vorsänger oder auch nur einen Schächter gab, liegt es nahe, dass die dortigen jüdischen Familien bei Bedarf einfach den Lehrer von Oberstreu holten und für seine Mühe bezahlten. 

Die Verstorbenen aus beiden Gemeinden wurden zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Kleinbardorf, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermutlich auch in den damals neu angelegten Friedhöfen der Nachbargemeinden Unsleben oder Mellrichstadt beigesetzt. Ober- und Mittelstreu gehörten von 1840 bis 1892/93 dem Rabbinatsbezirk Gersfeld (Hessen) an, danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Weil die Zahl der Juden in Mittelstreu durch Aus- und Abwanderung zurückgegangen war, fusionierte die Gemeinde 1871 mit der Kehillah in Oberstreu. Auch diese schrumpfte kontinuierlich, bis sie elementare soziale und religiöse Aufgaben nicht mehr finanzieren konnte. 1878 startete das "Israelitische Handels-Lehr-Institut zu Mellrichstadt" im "Israelit" eine Spendenkampagne für ein uneheliches Mädchen aus Oberstreu – die Mutter war nach Amerika gegangen und das aus Fürth stammende Kind konnte keine angemessene Erziehung erwarten: Weil im "Orte nur 5 zum großen Teil unbemittelte Familien wohnen".

1910 lebte bereits keine Person jüdischen Glaubens mehr in Oberstreu. Die Häuser des "Judenhofs" mitsamt der Synagoge waren in Privatbesitz übergegangen, der Toraschrein kam um 1912 nach Mellrichstadt. Leider hat Kunsthistoriker Theodor Harburger (1887-1949) bei seiner Inventarisation in den 1920er Jahren keine Fotografie dieses offenkundig bewahrenswerten Schreins angefertigt. 1930 wurde das ehemalige Gotteshaus beim Straßenausbau niedergelegt.1932 wurden die wenigen verbliebenen Juden in Mittelstreu dem Rabbinat Mellrichstadt zugeordnet. Damit endete die eigenständige Geschichte der beiden Nachbargemeinden. Insgesamt dreizehn Jüdinnen und Juden, die in Oberstreu und Mittelstreu geboren waren oder dort lange gelebt hatten, verloren in der Shoah ihr Leben. 


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 13), S. 203.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerisches Landesamt für politische Bildung A85), S. 101-102.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 234.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36). S. 205.