Biografien
Menschen aus Bayern

Theodor Harburger Kunsthistoriker

geboren: 08.09.1887, München
gestorben: 15.10.1949, Naharija (Israel)

Wirkungsort: München

Theodor Harburger war der Sohn des Juristen Dr. Isaak Harburger (1849-1919) und wuchs in einer orthodox-religiösen Familie auf. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg studierte er Kunstgeschichte, eine Promotion wurde ihm jedoch verweigert. Bereits seit 1906 war Harburger ein überzeugter Zionist, in der Münchner Räterepublik 1919 gehörte er als Unteroffizier mit Fronterfahrung dem sozialistischen Soldatenrat an. Im Auftrag des VBIG legte er zwischen 1926 und 1932 eine umfassende Inventarisation der jüdischen Kunst- und Kulturdenkmäler in 125 bayerischen Kultusgemeinden an. Nach der NS-Machtübernahme 1933 floh Harburger mit seiner Frau Meta geb. Moch (1895-1979) nach Palästina, wo sie in Tiberias die Pension "Kinnereth" betrieben. Harburger erlebte noch die Gründung des Staates Israel im Mai 1948. Sein Nachlass wird heute in Jerusalem aufbewahrt – ein einzigartiges Zeugnis des jüdischen Lebens in Bayern.

Theodor (Zwi ha-Levi) Harburger kam in München zur Welt und entstammte einer alteingesessenen bayerisch-jüdischen Familie. Sein Vater war der Rechtsanwalt Dr. Isaak Harburger (1849-1919) aus Bayreuth. Dort hatten die Harburgers seit 1772, zwei Generationen lang, Siegelwachs hergestellt. Theodor Harburger wurde von Zeitgenossen als orthodoxer Jude beschrieben, der profunde Kenntnisse des geschriebenen Hebräisch und der jüdischen Religionspraxis besaß. Seit 1906 trat er als Zionist in der Öffentlichkeit auf und war Mitbegründer des "Jüdischen Wanderbundes" und später von "Blau-Weiß", der zionistischen Jugendorganisation der Nachkriegszeit.

Im Jahr 1908 begann Harburger ein Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Laut einer Würdigung zu seinem 50. Geburtstag in der "Jüdischen Zeitung" soll er außerdem in Heidelberg, Genf und München studiert haben. Allerdings wurden zahlreiche Aktenbestände im Zweiten Weltkrieg vernichtet, nachweisbar ist nur noch München. Obwohl Theodor nicht in der regulären Armee diente, meldete er sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 im Alter von 27 Jahren freiwillig zum Militärdienst und wurde 1918 als Unteroffizier und Offiziersanwärter entlassen. In der Münchner Räterepublik war Theodor Harburger Mitglied des Soldatenrats, was Raum zu Vermutungen über seine politischen und sozialen Auffassungen gibt.

Im Januar 1922 heiratete Harburger die gebürtige Münchnerin Meta (Miriam) Moch (1895-1979). Die Ehe blieb kinderlos. Vom 24. August 1922 bis zum 18. Mai 1927 firmierte er als Großhändler für Futterstoffe ab dem 26. Oktober 1927 als Kunsthistoriker. Im Jahr 1923 war er Mitbegründer und zeitweise auch Vorsitzender der "Organisation des Arbeitenden Erez Israel" in München, wo er den sozialistisch denkenden Zionisten Chaim Arlosoroff (1899-1933) kennen lernte. Im März 1927 wurde Harburger in den erweiterten Arbeitsausschuss der Münchner Zionistischen Ortsstelle gewählt und saß dort auch im Pressekomitee. Von 1927 bis 1930 beendete Harburger sein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität. Eine Promotion wurde ihm in München aufgrund "sprachlicher Mängel" verweigert, wobei wohl sein politisches Engagement für den Zionismus der wahre Grund gewesen sein dürfte: Die antisemitische Stimmung in der zukünftigen "Hauptstadt der Bewegung" warf bereits seine Schatten. Harburgers Notizen, Artikel und Vorträge vermitteln jedoch auch ohne Promotion eine tiefe methodische Fachkenntnis und eine professionelle wissenschaftliche Arbeitsweise.

Aufgrund einer Entscheidung des VBIG (Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden) im September 1926 wurde Theodor Harburger beauftragt, jüdische Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern für eine Kunsttopographie zu inventarisieren. Wegen der anhaltenden Landflucht hatten sich viele alteingesessene Kultusgemeinden notgedrungen auflösen, oder zur Aufrechterhaltung der religiösen Einrichtungen zusammenschließen müssen. Dadurch standen Synagogen leer, wurden verkauft, Ritualien gingen verloren und das kulturelle Erbe des Landjudentums war vom Untergang bedroht. Harburger bereiste von 1926 bis 1932 mit seiner Plattenkamera 125 jüdische Gemeinden in Bayern und fertigte ein Inventar mit rund 800 Fotografien an. Peinlich genau verwendete er eine Systematik, mit der er an den von Georg Dehio (1850-1932) definierten Denkmalsbegriff anknüpfte. Die Definition als Kunstdenkmäler stellte bewusst die jüdische (Volks-)Kunst in den Kontext der "deutschen" Kunst im Sinne eines nationalen Erbes. Die tiefe kulturelle Verwurzelung des Judentums mit dem Land zu zeigen, sollte bei der Beantwortung der Frage helfen, ob Juden in Bayern ein Heimatrecht besäßen. Harburger beschrieb die Stoßrichtung seine Recherche wie folgt: Synagogen und deren Einrichtungen sowie andere Gemeindegebäude, Friedhöfe und einzelne Grabsteine, Kultusgerät (Ritualien) im Gemeinde sowie Privatbesitz.

Im Sommer 1930 organisierte und kuratierte er zusammen mit einem engen Freund, dem Privatsammler Dr. Heinrich Feuchtwanger die "Ausstellung jüdischer Kultgeräte und -einrichtungen für Synagoge und Haus", die vom VBG und der IKG München getragen wurde. Ebenso verfasste er den begleitenden Ausstellungskatalog. Unter dem Einfluss dieser Ausstellung gründete sich der "Verein für jüdische Museen in Bayern", der jüdische Ritualien und Kunstgegenstände vom historischen oder künstlerischen Wert für die jüdische Geschichte und Kultur, Fotografien, Archivbestände usw. zu sammeln und zu bewahren. Den Vorsitz übernahm der Münchner Rabbiner Dr. Leo Baerwald (1883-1970), Theodor Harburger wurde sein Geschäftsführer. Zusätzlich zu diesen Projekten hielt Harburger Vorträge über jüdische Kunst und über die Ergebnisse seines Inventarisationsprojekts.

Nach der NS-Machtübernahme 1933 erkannte die Familie Harburger die Zeichen der Zeit und wanderte wie die Familie Feuchtwanger nach Palästina aus. Harburger ist die Bewahrung der einzigartigen, von Elieser Sussmann bemalten Holzvertäfelung der Synagoge in Horb a.Main zu verdanken. Zunächst lebten sie in der antiken Stadt Tiberias am Westufer des Sees Genezareth. Theodor Harburger unterstützte seine Frau bei der Führung einer koscheren Pension mit Namen "Kinnereth" (benannt nach der Nahe gelegenen biblischen Stätte). Auch im Exil wollte er sich weiter einbringen und war Mitbegründer eines wöchentlichen Vortragskreises, den in den 1930ern und 1940ern zahlreiche kulturell interessierte Exilanten besuchten. Trotz eines offensichtlichen Sprachproblems (davon zeugen persönliche Unterlagen) zeigte Harburger ungebrochen Interesse an jüdischer Kunst, wobei er seine Themen an die neue Umgebung anpasste. Erhaltene Skripte zeigen keinen erbitterten Emigranten, sondern den Optimismus eines überzeugten Zionisten. Die Pension "Kinnereth" geriet in wirtschaftliche Bedrängnis, als sich nach dem zweiten Weltkrieg die Spannungen zwischen Muslimen und Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina zuspitzten. Dafür erlebte Theodor Harburger noch die Gründung des Staates Israel im Mai 1948, das große Ziel der Zionisten ging in Erfüllung. Er starb am 15. Oktober 1949 und wurde in Naharija beigesetzt.

Im Jahr 1957 erwarb die Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem von Miriam Harburger den umfangreichen Nachlass ihres verstorbenen Mannes. Sie starb am 31. Dezember 1979 in Nahariya. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Nachforschungen brachten damals nur noch fünf Personen in Israel zu Tage, die Theodor Harburger wirklich gekannt hatten, und auch sie wussten nichts über sein Vorleben in Deutschland. Die Holztäfelung der Horber wird seit 1964 als Dauerleihgabe im Israel Museum von Jerusalem ausgestellt. 1998 wurde ein bis dahin verschollener Teil des Nachlasses mit Fotografien, Publikationen und Periodika wiederentdeckt. Erst jetzt konnte man die Sammlung Harburger wissenschaftlich aufarbeiten. In einer Kooperation des Jüdischen Museums Franken in Fürth & Schnaittach mit dem CAHJP erschien "Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler" in drei Bänden. Auch wenn bislang nur die Fotografien mit den entsprechenden Beschreibungen publiziert wurden, sind diese doch eine unschätzbar wertvolle Quelle zum jüdischen Leben in Bayern vor 1933. Sie sind oft auch der einzige bekannte Nachweis von verschollenen Kunstschätzen und ermöglichen im Zweifelsfall eine eindeutige Zuordnung. 2007 widmete das Jüdische Museum München sowohl Theodor Harburger als auch Dr. Heinrich Feuchtwanger die Studioausstellung "Von Bayern nach Erez Israel: Auf den Spuren jüdischer Volkskunst" (Sammelbilder 04).


(Patrick Charell)

Literatur

  • Jüdisches Museum München / Tatjana Neef (Hg.): AK Unbelichtet. Münchner Fotografen im Exil [Dt.-Eng.]. München 2010, S. 129.
  • Jüdisches Museum München / Barbara Staudinger (Hg.): AK Von Bayern nach Erez Israel – Auf den Spuren jüdischer Volkskunst. München 2007 (= Sammelbilder 4), S. 12-48.
  • Hadassah Assouline: Von Bayern nach Erez israel. Notizen zu Theodor Harburgers Biographie. In: Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 1. Fürth 1998, S. 43-49.
  • Theodor Harburger – 50 Jahre. In: Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 13. Jg. Nr. 18 (15.09.1937), S. 324f.

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