Jüdisches Leben
in Bayern

Augsburg-Kriegshaber Gemeinde

Seit der 2. Hälfte des 16. Jh. wurden in dem Weiler „Grieshaber“ jüdische Bürger erwähnt. Der Ort war Teil der Markgrafschaft Burgau, die seit dem 14. Jh. zu Vorderösterreich und damit zum Habsburger Kaiserreich gehörte. Er lag an der Reichsstraße von Augsburg über Günzburg nach Ulm, eine Route, die für den Handels- und Postverkehr eine bedeutende Rolle spielte. 1565 wurde hier ein Streit zwischen Juden und Christen über das Weiderecht aktenkundig. Die Habsburger förderten in dieser Region gezielt jüdische Ansiedlungen, um ihre machtpolitischen Ansprüche auszubauen. Immer wieder versuchten die Markgrafen von Burgau im 17. und 18. Jh. die Judenschaft auszuweisen, was kaiserliche Schutzbriefe und Privilegien jedoch stets verhinderten. 

1653 bestand die jüdische Gemeinde von Kriegshaber aus zwölf Familien. Um diese Zeit gab es hier schon einen Rabbiner und einen eigenen Betsaal. Seit 1627 existierte auch ein jüdischen Friedhof südlich des Ortes. Zuvor hatten die Israeliten ihre Toten bis nach Burgau transportieren müssen, um sie dort zu beerdigen. Der Begräbnisplatz wurde 1696 und 1722 noch erweitert, da er auch von den jüdischen Familien in Steppach, Pfersee, Schlipsheim und Fischach genutzt wurde. Da der Gottesacker aber immer wieder antisemitischer Zerstörungswut zum Opfer fiel, hat man 1722 ein Wachhäuschen aufgestellt und 1761 eine Umfassungsmauer errichtet.

Um 1740 lebten bereits über 400 Jüdinnen und Juden in Kriegshaber. Sie stellten damit mehr als 50 Prozent der Einwohnerschaft. Das Zusammenleben mit den Christen gestaltete sich weitgehend friedlich, abgesehen von kleineren Konflikten, die wegen der Nutzung der Viehweiden, lautstarker jüdischer Hochzeitsfeierlichkeiten oder der Judenschnüre, die während des Sabbats aufgespannt wurden, aufflammten. Die jüdische Gemeinde, die wie die christliche eine eigene Verwaltung hatte, wohnte vorwiegend in drei- bis viergeschossigen Häusern an der Nordseite der Ulmer Straße. Die Israeliten lebten v.a. von der Viehzucht, betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb oder handelten mit Vieh, Eisen, Uhren und Textilien. Die Nachbarschaft zur Reichsstadt Augsburg und der Standort an der Reichsstraße war für die Handelstätigkeit besonders vorteilhaft. In Kriegshaber lebten daher viele reiche „Hofjuden“; das waren Kaufleute, die die Adelshöfe im In- und Ausland mit Luxuswaren und Kapital versorgten. Beispielsweise lieferte die hier ansässige Familie Mändle (Mendle) an den bayerischen Kurfürstenhof Pferde und Ausrüstungen für das Heer. Daraus erwuchs später die „Mendlesche Handelskompagnie“. Der Zugang zu den Umschlagplätzen in Augsburg war für die Israeliten jedoch streng reglementiert und kostete hohe Gebühren.

Anfang des 19. Jh. fiel die gesamte Markgrafschaft Burgau an das Königreich Bayern. Die jüdische Gemeinde in Kriegshaber hatte 1807 noch 264 Mitglieder – 1829 erreichte sie ihre Höchstzahl im 19. Jh. mit 322 Mitgliedern – doch reduzierte sich ihre Personenzahl im Laufe der nächsten Jahrzehnte durch Auswanderungen nach Übersee und Umzüge in größere Städte beträchtlich. Von dem ehrgeizigen Projekt eines repräsentativen Synagogenneubaus musste man deshalb Mitte des 19. Jh. Abschied nehmen. Bereits vor Inkrafttreten des Matrikelparagrafen 1813 wanderten die reichen Bankiersfamilien Obermayer, Levi und Kaulla nach Augsburg ab. Um 1820 gab es in Kriegshaber schon einige jüdische Männer, die sich als Handwerker (Uhrmacher, Schneider, Schuster, Buchbinder) den Lebensunterhalt verdienten. 20 junge Israeliten gründeten 1826 einen Wohltätigkeitsverein für mittellose Gemeindemitglieder; 1865 konnte mit dem Erbe des Juweliers Julius Liebschütz sogar eine „Versorgungsanstalt für altersschwache und arbeitsunfähige bayerische Israeliten in Bayern“ gegründet werden.

Gegen Ende des 19. Jh. nahm der israelische Bevölkerungsanteil von Kriegshaber erneut stark ab. Während 1867 noch 156 jüdische Mitbürger gemeldet waren, betrug ihre Anzahl 1890 noch 87 Personen; 1910 lebten dann nur noch 42 Jüdinnen und Juden im Ort. Seit 1906 wurde die jüdische Gemeinde deshalb nur noch als „Verein der israelitischen Kultusgemeinde Kriegshaber“ geführt, pflegte aber weiterhin ein aktives kommunales Leben. Zehn Jahre später erfolgte die Zusammenlegung der jüdischen Gemeinde von Kriegshaber mit der Augsburger Kultusgemeinde. Zur selben Zeit wurde der Ort auch nach Augsburg eingemeindet.

Bis in die 1930er Jahre gestaltete sich das Zusammenleben von Christen und Juden in Kriegshaber weitgehend unproblematisch. Mit der Machtübernahme des NS-Regimes 1933 setzte jedoch auch hier die Diffamierung der Israeliten ein. Deshalb kam es verstärkt zu Auswanderungen und Umzügen in größere Städte. Während der Novemberpogrome 1938 blieb die Synagoge nahezu unversehrt, jedoch wurden im folgenden Jahr die noch im Ort verbliebenen Jüdinnen und Juden enteignet. Man hat sie zwangsweise im Untergeschoss der Synagoge einquartiert, auf Schmalkost gesetzt und zur Arbeit in den Steinbrüchen verurteilt. Einige christliche Bürger versorgten sie in dieser Zeit heimlich mit Nahrungsmitteln. 1938/39 konnten noch manche nach Übersee und einige Kinder mit einem Transport nach England entfliehen. Die noch verbliebenen jüdischen Mitbürger wurden am 1. April 1942 in die Konzentrationslager von Piaski und Auschwitz deportiert und ermordet. Nur eine Jüdin aus Kriegshaber entging dem Massaker. Von September 1944 bis Kriegsende stationierten die Nationalsozialisten 500 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz in Kriegshaber, wo sie unter schwersten Lebens- und Arbeitsbedingungen in den zu Rüstungszwecken umgebauten Maschinenfabriken (Michelwerke, Keller und Knappich) arbeiten mussten. 

Gleich nach dem 2. Weltkrieg wurde der jüdische Friedhof in Kriegshaber saniert und aus den Trümmern der jüdischen Grabsteinen, die von der letzten Schändung des Gottesackers 1942 stammten, ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes aufgestellt. Rund 700 jüdische Grabsteine sind noch vorhanden. An die jüdischen Mitbürger erinnert auch noch die Synagoge im alten Ortskern von Kriegshaber, in der heute eine Zweigstelle des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben untergebracht ist. Sie liegt im einstigen jüdischen Wohngebiet, das als denkmalgeschütztes Ensemble an der Nordseite der Ulmer Straße erhalten wird.

 

(Christine Riedl-Valder)

Literatur

  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 41
  • Berger- Dittscheid. Kriegshaber, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.):
    Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 494-503