Jüdisches Leben
in Bayern

Augsburg-Kriegshaber Gemeinde

Der Ort war Teil der Markgrafschaft Burgau und gehörte damit zu den Habsburger Erblanden. Als im Jahr 1440 alle Juden aus Augsburg vertrieben wurden, ließen sich einige Flüchtlinge sicherlich auch im nahe gelegenen Kriegshaber nieder. Erstmals nachweisbar werden jüdische Bewohner in "Grieshaber" ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Dorf war wirtschaftlich attraktiv, denn es lag an einer bedeutenden Reichsstraße nach Ulm und war eine markgräflich-burgauische Zollstation. Immer wieder scheiterten Ausweisungsbestrebungen im 17. und 18. Jahrhundert an den kaiserlichen Schutzbriefen. Der Zugang zu den Umschlagplätzen in Augsburg blieb jedoch bis 1806 auf tageweise Besuche reglementiert und kostete hohe Gebühren.

1653 bestand die jüdische Gemeinde von Kriegshaber aus zwölf Familien. Um diese Zeit gab es hier schon einen Rabbiner und einen eigenen Betsaal. Seit 1627 ist auch der jüdischen Friedhof südlich des Ortes nachgewiesen, zuvor hatte man die Verstorbenen bis nach Burgau überführen müssen. Der Begräbnisplatz wurde 1696 und 1722 noch erweitert, da er auch von den jüdischen Familien in Steppach, Augsburg, Schlipsheim und Fischach genutzt wurde. Da der Gottesacker immer wieder der antijüdischen Zerstörungswut zum Opfer fiel, errichtete die Kultusgemeinde bei der zweiten Erweiterung ein Wachhäuschen und 1761 eine Umfassungsmauer.

Um 1740 lebten über 400 Jüdinnen und Juden in Kriegshaber. Sie stellten damit mehr als 50 Prozent der Einwohnerschaft. Das Zusammenleben mit den Christen gestaltete sich weitgehend friedlich, abgesehen von kleineren Konflikten, die wegen der Nutzung der Viehweiden, lautstarker jüdischer Hochzeitsfeierlichkeiten oder der "Judenschnüre" (Schabbatschnüre) aufflammten. Die Kultusgemeinde wohnte vorwiegend in drei- bis viergeschossigen Häusern an der Reichs- bzw. Landstraße, in unmittelbarer Nähe zur Synagoge (Ulmer Straße 228). Das heute erhaltene Bauensemble an der Nordseite stammt überwiegend noch aus den 1760er Jahren. Ursprünglich bestand die jüdische Siedlung aus 18 Gebäuden, in denen mehr und mehr Familien unterkommen mussten. Zuletzt drängten sich 60 Haushalte auf engstem Raum.

Die Hausväter ernährten ihre Familien vor allem von der Zucht und dem Handel mit Vieh, betrieben Landwirtschaft im Nebenerwerb oder handelten mit Vieh, Eisen, Uhren und Textilien. Die Nachbarschaft zur Reichsstadt Augsburg und der Standort an der Reichsstraße war für die Handelstätigkeit besonders vorteilhaft. In Kriegshaber lebten daher auch reiche Hoffaktoren. 1797 zog Veit Kaula (1764-1811) nach Kriegshaber und erwarb das Anwesen Nr. 12 (heute Ulmer Straße 210). Er unterhielt in Augsburg ein Wechselkontor, durfte aber nicht in der Stadt selbst wohnen. 1803 wurde er zum Vorsteher der Kultusgemeinde gewählt und stiftete einen neuen Toravorhang (Parochet). Als er 1811 schwer erkrankte, baten auch die christlichen Bewohner von Kriegshaber ihren Pfarrer um einen Bittgottesdienst, was dieser jedoch für einen Juden ablehnte - lediglich eine allgemein gehaltene Fürbitte wurde zelebriert. Der aufwendig gestaltete Schutzbrief des Hoffaktorenwurde in London wiedergefunden und wird seit 2002 im Augsburger Maximilianmuseum aufbewahrt. Er gewährte absolute Bewegungsfreiheit auf kurbayerischen Boden und schützte vor behördlichen Schikanen. Die ansässige Familie Mändle (Mendle) versorgte als Heereslieferant das kurbayerische Militär. Daraus erwuchs später die "Mendlesche Handelskompagnie".

1805 fiel die gesamte Markgrafschaft Burgau an das Königreich Bayern. Die jüdische Gemeinde hatte zu dieser Zeit eine Phase des Niedergangs hinter sich und zählte noch 264 Mitglieder. Ein weiterer bedeutender Geschäftsmann aus Kriegshaber war Jakob Obermayer, der im Haus Nr. 57 (heute Ulmer Straße 189) lebte. Er arbeitete für Veit Kaula in Augsburg und lieferte Baumaterial, bis er schließlich sein eigenes Bankhaus gründete. Gemeinsam mit zwei weiteren jüdischen Bankiers unterstützte er den Augsburger Magistrat, als die ehemals so reiche Stadt völlig verarmt und zahlungsunfähig geworden. Als dank erhielt er 1805 das Wohnrecht für sich und seine Familie. Sein Sohn Heinrich Obermayer erwarb das Haus Nr. 21 (Ulmer Straße 192) für seine Wohn- und Geschäftsräume: Er betrieb eine Großhandlung für Manufakturwaren.

Durch die verbesserten Lebensbedingungen erreichte die Kultusgemeinde im Jahr 1829 einen erneuten Höchststand von 322 Personen, dann schrumpfte ihre Zahl im Laufe der nächsten Jahrzehnte durch Auswanderungen nach Übersee und Umzüge in größere Städte. Von dem ehrgeizigen Projekt eines repräsentativen Synagogenneubaus musste man deshalb Mitte des 19. Jahrhunderts wieder Abschied nehmen. Außerdem war mit Ende der Augsburger Unabhängigkeit (beim Einmarsch Napoleons 1805 stellte der Magistrat Schilder mit der Aufschrift "Pays neutre de la ville d'Augsbourg" auf) und den damit verbundenen Einschränkungen für Juden letztlich der Hauptgrund weggefallen, wieso Kriegshaber in erster Linie zu einem Zentrum jüdischen Lebens geworden war. Bereits vor Inkrafttreten des Matrikelparagrafen 1813 wanderten die reichen Bankiersfamilien Obermayer, Levi und Kaulla nach Augsburg ab.

Die Goldene Zeit des jüdischen Kriegshabers war vorüber, aber die Kultusgemeinde blieb dennoch lebendig und tatkräftig. Um 1820 gab es in Kriegshaber schon einige jüdische Männer, die sich, wie vom Staat gewünscht, als "ehrliche" Handwerker (Uhrmacher, Schneider, Schuster, Buchbinder) den Lebensunterhalt verdienten. 20 junge Juden gründeten 1826 einen Wohltätigkeitsverein für mittellose Gemeindemitglieder; 1865 konnte mit einer Stiftung des Juweliers Julius Liebschütz sogar eine "Versorgungsanstalt für altersschwache und arbeitsunfähige bayerische Israeliten in Bayern" gegründet werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm der jüdische Bevölkerungsanteil von Kriegshaber erneut stark ab. Während 1867 noch 156 jüdische Mitbürger gemeldet waren, betrug ihre Anzahl 1890 noch 87 Personen; 1910 lebten dann nur noch 42 Jüdinnen und Juden im Ort. Seit 1906 wurde die jüdische Gemeinde deshalb nur noch als "Verein der israelitischen Kultusgemeinde Kriegshaber" geführt, pflegte aber weiterhin ein aktives kommunales Leben. 1916 erfolgte die Zusammenlegung der jüdischen Gemeinde von Kriegshaber mit der Augsburger Kultusgemeinde. Zur selben Zeit wurde der Ort auch nach Augsburg eingemeindet.

Bis in die 1930er Jahre gestaltete sich das Zusammenleben von Christen und Juden in Kriegshaber weitgehend unproblematisch. Mit der NS-Machtübernahme 1933 setzte jedoch auch hier die Diffamierung der Israeliten ein. Deshalb kam es verstärkt zu Auswanderungen und Umzügen in größere Städte. Während der Novemberpogrome 1938 blieb die Synagoge nahezu unversehrt, jedoch wurden im folgenden Jahr die noch im Ort verbliebenen Jüdinnen und Juden enteignet. Man quartierte sie zwangsweise im Untergeschoss der Synagoge einquartiert, kürzte ihre Rationen und zwang sie zur Arbeit in Steinbrüchen. Einige christliche Bürger versorgten sie in dieser Zeit heimlich mit Nahrungsmitteln. 1938/39 konnten noch wenige Juden nach Übersee, und einige Kinder mit einem Transport nach England flüchten Die noch verbliebenen jüdischen Mitbürger wurden am 1. April 1942 in die Konzentrationslager von Piaski und Auschwitz deportiert und ermordet. Nur eine Jüdin aus Kriegshaber entging dem Massaker. Von September 1944 bis Kriegsende verlegten die NS-Machthaber 500 ungarische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz nach Kriegshaber, wo sie unter schwersten Lebens- und Arbeitsbedingungen in den zu Rüstungszwecken umgebauten Maschinenfabriken (Michelwerke, Keller und Knappich) arbeiten mussten. 

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der jüdische Friedhof in Kriegshaber saniert und aus den Trümmern der jüdischen Grabsteinen, die von der letzten Schändung des Gottesackers 1942 stammten, ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes aufgestellt. Rund 700 jüdische Grabsteine sind noch vorhanden. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte einen Rundgang von Augsburg-Kriegshaber nach Hochfeld zum jüdischen Friedhof an der Haunstetter Straße . An die jüdischen Mitbürger erinnert auch noch die Synagoge im alten Ortskern von Kriegshaber, in der eine Zweigstelle des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben untergebracht ist. Der Zugang zum Augsburger Gewerbehof, auf dem die NS-Machthaber jüdische Zwangsarbeiterinnen unterbrachten, trägt zu Ehren eines wohltätigen Gemeindemitglieds im19. Jahrhundert den Namen "Lippschützstraße". 2020 benannte die Stadt Augsburg die Kriegshaber Langemarckstraße in Familie-Einstein-Straße um.


(Christine Riedl-Valder | Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Kriegshaber. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 494-503.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 41.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 247.