Jüdisches Leben
in Bayern

Augsburg - Pfersee Gemeinde

In Pfersee, heute zu Augsburg gehörend, bestand vom 16. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde Die bis 1911 selbständige Gemeinde gehörte zur Markgrafschaft Burgau.1805 kamen die vorderösterreichischen Besitzungen zu Bayern. Die erste Niederlassung erfolgte um 1569, als "Mosse Jued zue Oberhausen, Simon Judens zue Gintzburg son" in Pfersee namentlich bekannt werden. Die Ansiedelung erfolgte gegen den Wiederstand des Ortsherren, aber mit Unterstützung von Erzherzog Ferdinand, dem die Markgrafschaft Burgau unterstand. Bis 1608 sind vier jüdische Familien, die möglicherweise aus Günzburg stammten, in Pfersee belegt.

Eine bedeutende Rolle in der Pferseer Gemeinde spielten die Mitglieder der Familie Ulmann (Ulmo-Günzburg, Ulma, Ullmann). Wahrscheinlich aus Ulm stammend, sind sie nach der Vertreibung der Ulmer Juden 1499 zunächst in Günzburg ansässig. Simon ben Elieser Günzburg (1506-1585) war Hoffaktor unter den Kaisern Karl V. und Ferdinand I. und zählte zu den Begründers der Pferseer Gemeinde. Seit 1544 wurden für Simon, dessen Sohn Salomon und weiteren Nachfahren kontinuierlich kaiserliche Schutzbriefe ausgestellt. Die weitverzweigte Familie Ulmann konnte in der Folge einen maßgeblichen Einfluss auf die Gemeinde ausüben. Auch weitere Nachkommen der Familie waren bis in das 18. Jahrhundert als Hoffaktoren tätig. Die Ulmanns übersiedelten nicht in andere Residenzstädte sondern gaben ihren Wohnsitz in Pfersee nicht auf. Löw Simon Ulmann besaß 1701 ein repräsentatives dreistöckiges Anwesen in der höchsten Steuerklasse und konnte auch seinem Vater einen herausgehobenen Stuhl in der Synagoge in der Nähe des Toraschreins abkaufen. Der Reichtum und die hohe soziale Position der Familie führte dazu, dass etwa 1701 alle vier hohen Führungspositionen der Gemeinde von Ulmanns besetzt wurden. Aus ihrem Besitz stammte auch die Handschrift des "Babylonischen Talmuds" (heute Bayerische Staatsbibliothek München, Cod.hebr. 95).

Um 1750 bewohnten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Pfersee 28 von den 108 Häuser des Orts. Die Wohnungen befanden sich in der Augsburger Straße, dem Brunnenbachweg und der Leitershofer Straße. Die Verstorbenen wurden auf dem seit 1618 eingerichteten Friedhof in Kriegshaber bestattet. Neben der Synagoge gab es ein Schulhaus und ein rituelles Bad.

Pfersee war auch der Sitz des Rabbinats für die Markgrafschaft Burgau. So war Schimon ben Jehuda Löb Ulmo (1693-1739) Rabbiner, Richter und Vorsitzender des jüdischen Bezirks "Medinat Schwaben". Außerdem war er königlicher und kaiserlicher Hoffaktor. Seit 1712 Rabbiner in Pfersee war der in Heidelberg geborene Jehuda Löb Oppenheimer (1685-1733). Er war der ältere Bruder von Josef ben Issacher Oppenheimer, genannt Süß, der als Hoffaktor am württembergischen Hof 1733 in einem antisemitischen Schauprozess hingerichtet wurde. Der nationalsozialistische Propagandafilm "Jud Süß" griff dieses Geschehen auf.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich durch die Eingliederung Augsburgs und Vorderösterreichs nach Bayern die Gemeindestruktur entscheidend. Versuchte noch 1803 Ephraim Ullmann sich durch eine großzügige Kreditvergabe das Zuzugsrecht in die Reichsstadt Augsburg zu erkaufen, änderte sich die Situation durch ein sich langsam liberaleres Wohnrecht. Die Zahl der Gemeindeangehörigen in Pfersee, die 1830 noch 137 Personen umfasste hatte, sank 1871 auf 45 Personen und betrug 1888 nur noch 13 Personen. Die Auflösung der Gemeinde war deshalb nur folgerichtig.

Der nach der Bibel wichtigste Text des Judentums ist der "Talmud". Er besteht aus der Mischna, den schriftlich niedergelegten Unterweisungen der jüdischen Gesetzeslehrer zur Tora (der Fünf Bücher Mose), und der Gemara, die sowohl ein später entstandener Kommentar zur Mischna ist, als auch sehr umfangreiche Texte ohne unmittelbaren Bezug zur Mischna enthält. Der Talmud entstand seit dem 3. Jahrhundert in zwei unterschiedlichen Version, dem Jerusalemer und dem umfangreicheren Babylonischen Talmud, dessen Redaktion im 8. Jahrhundert abgeschlossen wurde. Die ohnehin seltenen Talmudhandschriften fielen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert vielfach christlichen Zerstörungsmaßnahmen zum Opfer.

Der sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek befindliche Babylonische Talmud enthält als einzige erhaltene Handschrift aus dem Mittelalter den fast vollständigen Text des Babylonischen Talmuds. Er gilt als die kostbarste hebräische Handschrift der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Handschrift wahrscheinlich 1342 in Frankreich fertiggestellt. Frühneuzeitliche Besitzeinträge belegen, dass sich die Handschrift im Besitz der bedeutenden jüdischen Gelehrtenfamilie Ulma-Günzburg befand, die ab 1620 in Pfersee wohnte. Diese verkaufte die Handschrift an das Augustiner-Chorherrenstift Polling. Bei der Säkularisation 1803 gelangte der Talmud an die heutige Bayerische Staatsbibliothek. Die Handschrift ist vollständig digitalisiert und online zugänglich.

Bilder

Literatur

  • Shenef, Yehuda: Vom Himmel kämpfen die Sterne. Die Geschichte der Juden im heiligen Pfersee bei Augsburg, Augsburg 2019
  • Ullmann, Sabine: Zwischen Fürstenhöfen und Gemeinde. Die jüdische Hoffaktorenfamilie Ulmann in Pfersee während des 18. Jahrhunderts. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 90 (1998), S. 159-187