Jüdisches Leben
in Bayern

Augsburg Synagoge

Erstmals wird eine Synagoge in Augsburg im Stadtrecht aus dem Jahr 1276 genannt. Man darf jedoch davon ausgehen, dass sie schon früher vorhanden war. Ihr genauer Standort wird bei der ehemaligen Kapelle St. Leonhard (heute: Karlstraße 21) vermutet. 1290 hat man in ihrer Nachbarschaft ein Tanzhaus für Hochzeitsfeste errichtet. Nach der Ausweisung aller Juden aus der Stadt ab 1448 wurden beide Gebäude beschlagnahmt und zu Wohnhäusern umgebaut.

Anfang der 1740er Jahre hatten sich die Juden in Augsburg wieder soweit angesiedelt, dass sie Versammlungen und Gottesdienste abhalten konnten. Sie wurden jedoch von den christlichen Kaufleuten massiv bekämpft. 1742/43 kam es daher zur „Abschaffung der jüdischen Laubhütten“, Auf die „neu aufgerichtete Judenschul“ und „andere Zusammenkünfte der hiesigen Judenschaft“ reagierte der Stadtrat mit der Ausweisung aller Israeliten im Mai 1745.

Die jüdischen Familien, die sich im 19. Jh. in Augsburg ansiedelten, trafen sich ab 1808 im Haus des Bankiers Jakob Obermayer am Obstmarkt (Ecke Obstmarkt/Hafnerberg) zum Gebet. 1821 wurde im jüdischen Viertel „Am Hunoldsberg“ im Haus Johannisgasse 2 ein Betsaal eingerichtet. Er ist nicht erhalten. Mit der Gründung der Kultusgemeinde wurde 1861 auch eine Synagoge in dem 1858 erworbenen Privathaus in der Wintergasse 11 eingerichtet (im 2. Weltkrieg zerstört). Den zunehmenden Platzmangel hat man bald durch einen Ausbau dieses Gebäudes zu einem großen Gemeindezentrum beseitigt. Nach den Plänen des Augsburger Architekten Jean Keller (1844‒1921) entstand eine neue Synagoge mit Gemeinschafts- und Unterrichtsräumen, Rabbiner- und Lehrerwohnungen. Die Einweihung erfolgte 1865 durch den Rabbiner Dr. Jakob Heinrich Hirschfeld. Die Augsburger Gemeinde zählte zu dieser Zeit zu den liberalsten Kultusgemeinden in Bayern und feierte bereits damals ihren Gottesdienst mit Orgelmusik und Gesang.

Schon in den 1890er Jahren reichte diese Synagoge aufgrund der auf über 1.000 Mitglieder angewachsenen Kultusgemeinde nicht mehr aus. Vorübergehend behalf man sich an hohen Feiertagen damit, Parallelgottesdienste im Schießgrabensaal zu veranstalten. Mit der Einrichtung eines „Synagogen-Umbau- oder Nebenfonds“ begann man damals, Geld für einen Neubau zu sammeln. Auch der Magistrat, der durch prestigeträchtige Bauten das Ansehen der Stadt fördern wollte, forderte die jüdische Gemeinde im Jahr 1900 auf, eine „repräsentative und ihrem Wohlstand angemessene Synagoge“ zu errichten. 1903 wurde dafür ein Bauplatz an der Halderstraße erworben und 1913 ein öffentlicher Wettbewerb für die Planung des neuen jüdischen Gemeindezentrums ausgeschrieben.

Zur Ausführung kam ein Entwurf des jüdischen Architekten Fritz Landauer (1883‒1968), Sohn der Augsburger Textilfabrikantenfamilie Joseph und Anna Rahel Landauer, und seines Mitarbeiters Dr. Heinrich Lömpel (1877‒1951). Die Wirren des 1. Weltkriegs brachten es mit sich, dass der Gebäudekomplex vier Jahre Bauzeit beanspruchte und das Gotteshaus erst am 4. April 1917 durch den Augsburger Rabbiner Richard Grünfeld eingeweiht werden konnte.

Das neue, bis heute bestehende, jüdische Gemeindezentrum (Halderstr. 6–8) umfasst den überkuppelten Zentralbau der Hauptsynagoge, gestaltet nach reformierten Ritus, mit allen erforderlichen Nebenräumen, eine Wochentags-Synagoge für kleinere Gruppen sowie einem Trausaal, außerdem zwei achsensymmetrisch dazu angeordnete, dreigeschossige Gebäude mit den Räumlichkeiten für die Gemeinde (Amtszimmer, Archiv, Sitzungs- und Unterrichtsräume, Mikwe) sowie Wohnungen für den Rabbiner, die Kantoren, Schächter, Synagogendiener und den Hausmeister. Zwischen diesen beiden blockartigen Profanbauten liegt an der Straßenfront die dreibogige Eingangshalle. Für die Abfolge der einzelnen Räume, die der Besucher durchschreitet (Eingang ‒ Vorhof ‒ Vorhalle ‒ Synagoge ‒ Toraschrein) diente der Salomonische Tempel in Jerusalem als Vorbild.

Das Erscheinungsbild der Synagoge ist geprägt von Elementen des Jugendstils in Verbindung mit neobyzantinischen und orientalisierenden Details. Für den Bau der zentralen Kuppel kam moderne Eisenbetontechnik zum Einsatz. In diesem eindrucksvollen, groß dimensionierten Baukomplex und der anspruchsvollen Ausstattung seiner Innenräume, v.a. der Hauptsynagoge, spiegelten sich Wohlstand und Selbstbewusstsein der jüdischen Kultusgemeinde Augsburg. Die alte Synagoge in der Wintergasse wurde 1917 verkauft und nach einem Umbau als Hutfabrik genutzt (im 2. Weltkrieg zerstört).

Am frühen Morgen des 10. November 1938 zertrümmerten etwa 30 NSDAP-Mitglieder die Inneneinrichtung der Synagoge, stahlen die wertvollen Kultgegenstände, verwüsteten die übrigen Räume, vernichteten Akten und Dokumente. Ein Schwelbrand wurde noch in der Nacht durch die Feuerwehr gelöscht, denn er gefährdete auch die umliegenden Wohn- und Kommunalbauten sowie ein benachbartes Tanklager. Dank dieses Umstands blieb der gesamte Gebäudekomplex erhalten. In der Folgezeit kamen hier bedürftige Juden unter, die keine staatliche Unterstützung mehr erhielten. Die Mikwe wurde zum Bad umgebaut. Die Gottesdienste feierte die Gemeinde ab 1939 in der Kriegshaberer Synagoge. Während des Zweiten Weltkriegs diente die Synagoge als Nachtlager für Transporte, dann als Kulissenlager des Stadttheaters. In den Gemeinderäumen waren die Verwaltung der Luftwaffe, die NS-Volkswohlfahrt, ein Kinderhort und eine Volksschule untergebracht. Auf der Kuppel der Synagoge wurde ein Beobachtungsstand der Flugabwehrartillerie eingerichtet. 

Nach dem 2. Weltkrieg war das jüdische Gemeindezentrum an der Halderstraße im Innern völlig zerstört und blieb es in weiten Teilen jahrelang. Trotzdem feierte die neu gegründete Kultusgemeinde bereits 1946 in der völlig verwahrlosten Hauptsynagoge, die zwischenzeitlich auch als Pferdestall und Garage zweckentfremdet worden war, die ersten Gottesdienste.1963/64 wurden die Werktags-Synagoge und der Trausaal nach den Plänen des jüdischen Architekten Hermann Zvi Guttmann (1917‒1977) umgebaut, um sie fortan für Gottesdienste nutzen zu können. Erst nach zehnjähriger Restaurierung konnte am 1. September 1985 auch die Hauptsynagoge neu eingeweiht werden. Seitdem dienen das Gotteshaus und das neu installierte Jüdische Kulturzentrum Augsburg-Schwaben dem toleranten Zusammenleben von Juden und Christen. Gleichzeitig sind sie ein Mahnmal für die leidvolle Geschichte der jüdischen Mitbürger in Augsburg. 

Die Seite Synagogues 360 bietet einen 3D-Rundgang durch die Synagoge.

Literatur

  • Berger-Dittscheid, Cornelia: Augsburg, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 397-413
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 30-35, 43-48
  • Schönhagen, Benigna Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr, München 2014, S. 131-137