Im Wallfahrtsort der Schwarzen Madonna, dem Herzen altbayerischer Frömmigkeit, gab es – nach derzeitigem Kenntnisstand – zu keiner Zeit ein jüdisches Gemeindeleben. Nach 1861 bis Mitte der 1930er Jahre lebten nur vereinzelt jüdische Personen im Ort. Im Jahr 1946 richteten die US-Militärverwaltung und die UNRRA eine Auffangstation für jüdische Displaced Persons (DPs) aus den befreiten Lagern in Osteuropa ein. Dafür wurde privater Wohnraum sowie das Gasthaus "Bayerischer Hof" (Neuöttinger Straße 5) requiriert. Dort befanden sich das Gemeindezentrum sowie ein Betsaal. Zwischen 1945 und 1956 wurden 250 Todesopfer aus dem KZ-Außenlager Mettenheim in Altötting beigesetzt und später auf den KZ-Friedhof und Ehrenfriedhof Dachau überführt.
Die jüdische DP-Gemeinde Altötting setzte sich zu Anfangs überwiegend aus Überlenden der KZs Flossenbürg, Auschwitz und Dachau zusammen. Andere waren mit Todesmärschen in die Nähe Altöttings gekommen oder wurden später aus anderen DP-Lagern hierher verlegt. Sie verwalteten sich unter dem gewählten Vorsitz von Arthur Grebler und Siegfried Ringar größtenteils selbst. Die "Jüdische Gemeinde Altötting" gründete den "Jidiszer Sport Farejn Altötting" und versammelte sich im Gasthaus "Bayerischer Hof" (später Gasthaus Lechner, Neuöttinger Straße 5). Dieses ehemalige Hilfslazarett der Wehrmacht diente nun als Gemeindeverwaltung und vorrangige Unterkunft, außerdem wurde hier ein Betsaal eingerichtet. Bei schlechtem Wetter trafen sich jüdische DPs im "Café Niedermeier" an der Neuöttinger Straße, das zum Aufenthaltsraum und DP-Café umgewandelt wurde. Laut einer Zeitzeugin hatte die jüdische DP-Gemeinde zudem ein Bethaus in der Nähe des heutigen Parkplatzes an der Hofmark; es soll von der Innenausstattung auch noch Fotos geben.
In einer 1947 geöffneten Berufsschule der ORT konnten DPs einen handwerklichen Beruf erlernen und sich so auf die Auswanderung vorbereiten. Auf einem gepachteten Grundstück an der Griesstraße bauten sie außerdem ihr eigenes Gemüse an; einerseits, um nicht vollständig von den Lieferungen der UNRRA und anderer Organisationen abhängig zu sein, andererseits aber auch als Übung für ein neues Leben in Übersee. Im März 1946 lebten 210 Jüdinnen und Juden in Altötting, zusammen mit hunderten nicht-jüdischer DPs. Ihre Vorzugsbehandlung und die Beteiligung am lokalen Schwarzmarkt sorgte immer wieder zu Konflikten mit der Bevölkerung und stellenweise sogar mit den US-amerikanischen Soldaten vor Ort. Befürchtete antisemitische Ausbrüche blieben jedoch aus. Am 8. November konnte die Polizei einen großen Schwarzhandel mit (rationiertem) Fleisch zerschlagen. Angeklagt wurden 7 jüdische DPs aus dem Bayerischen Hof, 5 Viehhändler, 10 Metzger, 10 Hehler und 12 Bauern.
"Am 12. August 1947 ergaben sich folgende Zahlen: 200 polnische Juden im Gasthaus 'Bayerischer Hof', 200 Ukrainer im Gasthof 'Zwölf Apostel', 50 Jugoslawen und Ukrainer im Gasthof 'Altöttinger Hof', 200 Jugoslawen in der ehemaligen Haushaltungsschule 'Josefsburg' der Englischen Fräulein. Einzelne Personen fanden in anderen Häusern Unterkunft, so zum Beispiel in den Gasthäusern 'Schex', 'Alte Post' und 'Huber' und in Privathäusern" (Christian Haringer). Im September lebten 284 jüdische Dps in Altötting. Kurz vor der Gründung des Staates Israels am 14. Mai 1948 waren es rund 280 jüdische DPs, die dann vermehrt abwanderten. Der "Altöttinger Kurier" berichtete am 14. September 1950 vom anstehenden Neujahrs- und Laubhüttenfest der DP-Gemeinde. Auch die jährliche Kranzniederlegung am Mahnmal auf dem KZ-Friedhof in Altötting zum Tag der Befreiung (2. Sonntag im September) war bereits eine feste Tradition. Auch der Staatskommissar Philipp Auerbach (1906-1952) hatte im März 1950 diese Gedenkstätte besucht. Im März 1951 zählte die Gemeinde nur noch 38 Mitglieder. Wahrscheinlich wurde sie noch im Laufe des Jahres aufgelöst.
Das Hauptgebäude des "Bayerischen Hofs" wurde inzwischen grundlegend umgebaut und beherbergt heute eine Filiale der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA). Allerdings sind noch die Rückgebäude um den ehemaligen Innenhof zum großen Teil in ihrer Substanz erhalten. Das womöglich vorhandene Bethaus nahe der Hofmark 1 wurde erst vor einigen Jahren abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Einige jüdische DPs waren in Altötting geblieben und hatten sich dort eine neue Existenz aufgebaut: David Bramson (1901-1983) heiratete die Altöttingerin Maria Hochhuber und eröffnete ein Lebensmittel- und Textilgeschäft an der Burghauser Straße. Isak Gielczinski wanderte zwar nach New York aus, kehrte aber schon bald wieder nach Altötting zurück und eröffnete ein ein Geschäft an der Neuöttinger Straße 16. Und schließlich der Textilhändler Berek Brym, der ab den 1950er Jahren ein Textilgeschäft in der Neuöttinger Straße in den Räumen des "Hotel Post" betrieb. Selbst in den 1960er Jahren soll es in Altötting und Umgebung noch etwa 30 jüdische Bewohner gegeben haben, für die es angeblich einen Rabbiner gegeben haben, der abwechselnd in Privatwohnungen jüdischen Kindern Religionsunterricht gab, und im Bereich der Josefsburggasse einen kleinen Gebetsraum. Dies lässt sich jedoch nicht offiziell bestätigen, und das Altöttinger Einwohnermeldeamt besitzt für die jüngere Zeit kein Datenmaterial über jüdisches Leben in Altötting.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Christian Haringer: Der Altöttinger KZ-Friedhof – vor 75 Jahren eingeweiht. In: Stadtblatt Altötting 275 (November 2020), S. 36-38.
- Christian Haringer: Jüdisches Leben im Nachkriegs-Altötting. In: Stadtblatt Altötting 273 (September 2020), S. 22f.
- Christian Haringer: Die jüdische DP-Gemeinde Altötting – eine Spurensuche. In: Oettinger Land 38 (2018) S. 122-139.
- Christian Haringer: Der ehemalige Wehrmachts- und KZ-Friedhof in Altötting (1944-1956). In: Oettinger Land 29 (2009) S. 115-130.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 6.
Weiterführende Links
- Jüdische DP-Gemeinde Alötting (After the Shoah)
- Ehem. KZ-Friedhof (Alemannia Judaica)
- Liste der Insassen des Lagers "Bayerischer Hof" in Altötting, 18.11.46, ohne Nat-Angabe - Sig. 604000 (Arolson Archives)
- Monatsbericht betr. Juden, die 1946/47 im Lager Altötting II gemeldet waren - Sig. 8803970 (Arolson Archives)
