Jüdisches Leben
in Bayern

Rödelsee Synagoge

Laut einer Quelle aus dem Jahr 1585 hatte sich in Rödelsee bereits um 1560 in einer ersten Synagoge eine Knabenschule zum Erlernen des Hebräischen und der Tora und eine Talmudschule gebildet. Die jüdische Gelehrsamkeit profitierte von der judenfreundlichen Politik der adeligen Mit-Dorfherren: Nachdem Wilhelm Moritz von Hessberg zu Unterlaimbach und Rödelsee 1560 den jüdischen Rödelseern eine "Kemenate", das heißt ein beheizbares Wohngebäude überlassen hatte, richtete die jüdische Gemeinde dort ihren Betsaal ein.

 

Kurze Zeit danach, vor 1573, zog die "Judenschul" in den Freihof des Caspar Truchsess von Wetzhausen um. Der Umzug könnte mit der zu dieser Zeit von bis zu 80 Studenten besuchten Talmudschule zusammenhängen, die wohl der gute Ruf des erstmals 1571 in einem Verzeichnis der Hessbergschen Schutzjuden erwähnten Rabbiners Eleasar nach Rödelsee geführt hatte. Möglicherweise führte die Rödelseer Talmudschule die Lehrtraditionen fort, die in Würzburg wegen der Judenausweisungen abgebrochen waren. Obwohl 1625 im Hochstift Würzburg ein Oberrabbinat eingerichtet worden war, verlor Rödelsee in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Zentrum rabbinischer Autorität vorerst nicht an Bedeutung. Dies belegt ein Eintrag im Hüttenheimer Memorbuch von 1651. Dort wird der zuvor verstorbene, letzte Rödelseer Rabbiner Menachem ben Samuel nicht nur als Vorsteher des Gerichts Rödelsee, sondern auch als Leiter des Rabbinatsgerichts für die vier Landstriche Würzburg, Bamberg, Schwarzenberg und Tauber bezeichnet.  

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die alte Synagoge im ersten Stock eines jüdischen Wohnhauses (heute: Alte Iphöfer Straße 8) offenbar renovierungsbedürftig. Deswegen beschloss eine Gemeindeversammlung am 21. Januar 1849 auf Vorschlag der Gemeindeleitung unter anderem eine Erneuerung der Giebelwand, der beiden Treppen, des Fußbodens und der Sitze.

Da sich bei Beginn der Renovierungsarbeiten zeigte, dass auch die Statik des Bauwerks unzureichend gesichert war, entschied eine zweite Gemeindeversammlung im August 1850, die Wohnung im Erdgeschoss des Synagogengebäudes zu erwerben. Damit war die Möglichkeit gegeben, das Gotteshaus zu erweitern. In einem nächsten Schritt beschloss eine weitere Versammlung im April 1851 auch die Einrichtung von 40 Gebetsständen, von denen bereits 25 für eine Gebühr von jeweils zehn Gulden vergeben waren. An der Finanzierung beteiligten sich 23 Spender, darunter der katholische Ortspfarrer Keck, der wie der Frankfurter Baron Rothschild zehn Gulden spendete. Mit der Spende des Rödelseer jüdischen Frauenvereins wurde ein Glaslüster angeschafft. Rund 160 Gulden erbrachte eine in den jüdischen Gemeinden des Königreichs Bayern durchgeführte Kollekte.

Zeitgenössische Pläne aus der Entstehungszeit der Synagoge fehlen. Laut einem Plan von 1927, der im Zusammenhang mit geplanten Änderungen am "Wohnhaus der israelitischen Friedhofsverwaltung" und dem "Neubau einer Waschküche" entstand, wurde der zweigeschossige Bau mit vier Fensterachsen auf der Straßenseite auf einem rechteckigen Grundriss errichtet. Während das Erdgeschoss in Stein ausgeführt wurde, bestand der erste Stock möglicherweise aus Fachwerk. Schlichte, möglicherweise aus Sandstein gefertigte Rahmen begrenzten die in die schmucklosen Wandflächen eingelassenen, hochrechteckigen Fenster und die Eingangstür.

Die Innenausstattung der Synagoge, die im südwestlichen Teil des umgebauten Wohnhauses untergebracht war und wahrscheinlich über beide Stockwerke reichte, ist unzureichend dokumentiert. Ein Ende der 1920er Jahre entstandenes Foto vermittelt einen Eindruck vom Toraschrein, den Theodor Harburger als "plumpe(n) Kastenbau mit überraschend reizvollem Oberbau" charakterisierte. Der Aufsatz des Schreins bestand aus einer Zehngebote-Tafel, gerahmt von zwei gedrehten Säulchen. Eine Frauenempore ist zwar erst im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom von 1938 nachgewiesen, existierte aber mit Sicherheit schon vorher.

Nach Abschluss der Arbeiten wurde die neue Rödelseer Synagoge am 15. August 1851 in Gegenwart des Marktstefter Landrichters Habersack, der katholischen und evangelischen Ortspfarrer, des Ortsvorstehers und des Pflegschafts- und Gemeindeausschusses von Distriktsrabbiner Faust Löb Thalheimer eingeweiht. Die Gestaltung der Liturgie hatte Religionslehrer Moses Löwenberg übernommen. Trotz der Armut der Gemeinde spendeten die jüdischen Rödelseer nicht nur wie der 1857 verstorbene David Meyer für ein Jahreszeitlicht und das jährliche Kaddischgebet für die eigene Synagoge, sondern auch für regionale Projekte wie 1858 für den Bau eines jüdischen Krankenhauses in Würzburg und auch für überregionale Aktionen jüdischer Solidarität. So fanden jährlich zwischen 1852 und 1886 Sammlungen "für die Nothleidenden in Jerusalem" und 1869 für die bedürftigen Juden in Weißrussland statt. 

Am 10. November 1938 drangen vier SS-Männer, die bei einer "Kontrollfahrt" bereits die Synagogen in Marktbreit und Mainbernheim sowie den jüdischen Friedhof in Rödelsee verwüstet hatten, in die Synagoge ein. Nachdem sie Teile der Ausstattung verbrannt und den Toraschrein umgestürzt hatten, entfernte die Rödelseer Bevölkerung die hölzernen Reste der Synagogenstände, des Toraschreins und der Frauenempore, um diese als Brennholz zu verwenden. Die Torarollen hatte Sophie Löwenstein vor der Zerstörung der Synagoge noch retten können und auf dem Friedhof bestattet.

Laut einem Bericht des Landratsamts Kitzingen standen am 29. Januar 1946 nur noch die Außenmauern der leeren Synagoge. In den 1960er Jahren wurde die Ruine ohne Abfassung einer Dokumentation abgebrochen. Heute steht auf dem Grundstück ein Wohnhaus.

 

(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Großlangheim mit Rödelsee. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 987-1019.