1699 wird erstmals ein jüdischer Lehrer in Neustadt erwähnt. Dies legt die Existenz eines Betraums oder einer Synagoge vor Ort nahe, da mit den Jugendlichen der Minjan von zehn religionsmündigen Männern wahrscheinlich gesichert war. Nachdem Valentin Voit von und zu Salzburg den Neustädter Juden gestattet hatte, im Jägerbau der Salzburg zu wohnen, richteten diese dort 1721/1722 eine Synagoge ein. Rund 20 Jahre später lebten zwei Schutzjuden mit ihren Familien auf der Salzburg. Ende des 18. Jahrhunderts verließen die jüdischen Familien die Burg und zogen in das benachbarte Dorf Neuhaus.
1825 wird erstmals eine Mikwe im zentral gelegenen, zweigeschossigen Haus des Malers Josef Kohnstamm erwähnt, der die Produkte seiner Baumwollfabrik erfolgreich regional und überregional vertrieb. Der Kern des Gebäudes mit Walmdach, dessen Ober- und Dachgeschoss in Fachwerkbauweise errichtet wurde, reicht wohl in des 18. Jahrhundert zurück.1833 findet sich der erste Hinweis auf eine Betstube, die im selben Haus untergebracht war. Die Synagoge mit einem barocken Thoraschrein, einem einfachen Holzschrank des späten 18. Jahrhunderts mit gedrehten Säulen, war im Obergeschoss untergebracht. Dort lebte auch ein unbesoldeter Synagogenpfleger, der die Geldeinlagen der Gemeinde verwaltete und damit Anschaffungen für die Synagoge tätigte. Rund 30 Jahre später verkaufte Philipp Kohnstamm am 31. Januar 1860 das Gebäude an die jüdische Kultusgemeinde, die dort 1861 das Gemeindehaus mit Synagoge, Lehrerwohnung und dem rund fünf Meter breiten und rund sechs Meter langen Schulraum einrichtete und dreißig Jahre später an der südlichen Schmalseite zum Hinterhof auch eine rund fünf Meter lange und rund vier Meter breite Mikwe anbaute. Erschlossen wurde die Mikwe von Westen durch eine Freitreppe mit sieben Stufen.
Am 17. April 1886 hatte die Neustädter Gemeinde eine neue, von Distriktsrabbiner Moses Löb Bamberger und dem Neustädter Kultusvorsteher Philipp Sichel verantwortete Synagogenordung erlassen, die auch ausführlich auf die Ehrenvorrichtungen wie das Aufrufen zur Thoralesung einging.
Nachdem die Baugenehmigung für ein rund 100 Meter von der alten Synagoge entfernte, am westlichen Rand der Altstadt gelegenes, neues Gotteshaus am 16. Februar 1891 eintraf, begannen die Bauarbeiten im Oktober desselben Jahres und endeten am 12. September 1892. Das neue Gotteshaus war als kompakter, auf einem Hausteinsockel ruhender, zweigeschossiger Baukörper mit Satteldach entworfen. Die Hauptfassade bildete die nördliche Längsseite, in welcher das risalitartig ausgebildete, im Erdgeschoss mit einem an oberitalienische Portalanlagen der Romanik erinnernde Hauptportal ausgefüllte, mittlere Wandfeld einen wichtigen Akzent setzte. Der in der venezianischen Renaissance-Architektur leitmotivartig eingesetzte Rundgiebel des Mittelrisalits findet sich in der bayerischen Synagogenarchitektur der Zeit ansonsten nicht. Der auf fast quadratischem Grundriss von 13 Metern auf rund 14 Metern errichtet, farbenfroh bemalte Betsaal wurde in Erd- und Obergeschoss von zwei beziehungsweise drei Rundbogenfenstern belichtet. Insgesamt fanden 96 Männer in zwei Blöcken zu jeweils 48 Sitzen Platz, während für die Jugendlichen an der südwestlichen Längswand 24 Sitzplätze vorgesehen waren. Der nach dem Vorbild eines Triumphbogens von Baumeister Georg Michel entworfene und aus Stein gefertigte Thoraschrein, dessen Kapitelle, Gesimse und Archivolten vergoldet waren, stand auf einem hohen Sockel in einer polygonalen Apsis. Der Einbau des Pults für die Thoralesung in die Brüstung vor dem Thoraschrein zeigte die Reformorientierung der Gemeinde. Der Zugang zur insgesamt 74 Sitzplätze umfassende Frauenempore, die den Betsaal an drei Seiten umfasste und auf sechs schlanken Säulen ruhte, erfolgte über einen separaten recheckigen Anbau an der nordwestlichen Seite des Betsaals. Am 16. September 1892 wurde die neue Synagoge feierlich eingeweiht. Die 40-minütige Weiherede hielt der Bad Kissinger Rabbiner Moses Löb Bamberger.
1910 kam es zum Konflikt zwischen Kultusvorsteher Max Reis und dem Bad Kissinger Bezirksrabbiner Seckel Bamberger, da die schulpflichtigen Mädchen der Gemeinde bei den Gottesdiensten nicht auf der Frauenempore, sondern mit dem Lehrer auf den Seitenbänken der Männerabteilung saßen. Den mehrjährigen Streit zwischen dem Rabbiner, der die Platzierung der Mädchen auf der Frauenempore forderte, und der Neustädter Kultusgemeinde entschied die Regierung von Unterfranken 1913 im Sinne der Gemeinde.
Bereits mehr als einen Monat vor der Reichspogromnacht, am 26. September 1938, musste die jüdische Gemeinde die neue Synagoge räumen, da dort angeblich ein Getreidelager für die Wehrmacht eingerichtet werden sollte. Die Thorarollen wurden in das Schul- und Gemeindehaus gebracht, wo nach dem 26. September auch die jüdischen Gottesdienste stattfanden. Für die endgültige Rettung der Ritualien sorgte der katholische Pfarrer Alois Friedrich, der während des Zweiten Weltkriegs unter anderem den Thoraschrein, 17 Thorarollen und Gebetbücher im Keller der Stadtpfarrkirche versteckt hatte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diente die am 2. November 1945 wieder geweihte Neustädter Synagoge noch einmal als Bethaus für jüdische Soldaten der US-Army. Sieben Jahre später verkaufte die JRSO 1952 die ehemalige Synagoge an einen Arzt, der in das Gebäude eine Praxis und Wohnungen einbauen ließ. Verhältnismäßig gut erhalten blieben die Außenmauern, die polygonale Apsis und das Treppenhaus. Seit den 1950er Jahren ist die ehemalige Tür der Synagoge Teil eines landwirtschaftlichen Gebäudes im Bastheimer Ortsteil Reyersbach. Der fünf Meter hohe Thoraschrein gelangte nach Israel und steht seit 1954 im Betsaal der Tiferet-Zvi-Synagoge in Tel Aviv. Das ehemalige Gotteshaus steht in seiner Substanz noch heute, die Apsis und Teile der Fassadengestaltung sind größtenteils erhalten geblieben.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Bauerngasse 25, 97616 Bad Neustadt a.d.Saale
Literatur
- Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Bad Neustadt an der Saale. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 627-670.
- Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 89-91.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 618.
