Erste spärliche Nachrichten von jüdischen Familien in Sulzdorf an der Lederhecke gibt es aus dem 17. Jahrhundert, als ein Abraham und ein Schmul (1656) in den Gemeinderechnungen genannt werden. 1695 sind drei jüdische Familien, Hathen, Abraham und Götz, die zwischen acht und vierzehn Gulden Schutzgeld an die Freiherren von Guttenberg zahlten, bekannt. Wenn es sich bei dem Matrikelinhaber Wolf Goetz (Frank) von 1817 um einen Nachkommen handeln sollte, wäre dies ein Zeichen von großer Kontinuität. Mitte des 18. Jahrhunderts sollen siebzehn jüdische Familien in Sulzdorf gelebt haben. Die Matrikelaufstellung von 1817 umfasste 28 Familienoberhäupter. Daraus lässt sich schließen, dass auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine zahlenmäßig starke jüdische Gemeinde in Sulzdorf lebte.
Die 28 Matrikelstelleninhaber gaben als Erwerbszweig hauptsächlich, Warenhandel, Viehhandel oder Kleinhandel an. Darunter befand sich auch zwei Schlachter. Über die wirtschaftliche Stellung der einzelnen wird nichts genannt. Trotzdem kann man am Beispiel des Viehhändlers Loeb Mannes Blum von einem gewissen Wohlstand ausgehen. Als ein Zeichen der Emanzipation und des sozialen Aufstiegs findet sich sein Name in der Gästeliste des Kurbads Kissingen. Hier wird für Anfang Juli 1826 die Anwesenheit von Loeb Blum aus Sulzdorf vermerkt. Neben Adeligen und Vertretern des höheren Bürgertums zählte unter anderem auch Hofbankier Jakob von Hirsch (1765-1840) zu den Kurgästen.
Die IKG Sulzdorf a.d. Lederhecke besaß ein Gemeindezentrum mit Schule und Synagoge, außerdem ab 1832 einen eigenen Friedhof Sie gehörte dem Rabbinatsbezirk Burgpreppach an.
Mit Joachim Seligmann Römer wird in der Matrikelliste von 1817 auch der Schullehrer und Vorsänger der Gemeinde namentlich genannt. Bereits sein Vater Seligmann Römer, verstorben am 15. Februar 1824 im 72. Lebensjahr, war "Judenschullehrer". Wahrscheinlich seit dem 18. Jahrhundert gab es einen Schulunterricht in den Wohnräumen des jeweiligen Vorsängers, also im Synagogengebäude. Die staatliche Lokalschulkommission berichtete im Jahr 1820, dass es keine eigenes Schulgebäude gebe, sondern die "unterrichtspflichtigen jüdischen Kinder von dem jüdischen Vorsänger und Schlachter Joachim Römer klassenweise und privatim in dessen ganz ungeräumiger Wohnung unterrichtet" wurden. Bei Inspektionsbesuchen habe man aber einen befriedigenden Eindruck über die Befähigung des Lehrers und die Fortschritte der Kinder gewonnen. Letztlich musste also wegen der Größe der Gemeinde und entsprechend vieler Kinder ein eigenes Schulgebäude bezogen werden.
Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte die jüdische Gemeinde in Sulzdorf einen Religionslehrer, der in Personalunion auch als Vorbeter und Schächter tätig war. Ein Schlaglicht auf des Spannungsverhältnis zwischen orthodoxem und liberalem Judentum findet sich in den Äußerung des Lehrers und Vorbeters Simon Hecht (1825/28 - 1908). Nach seiner Ausbildung im Israelitischen Lehrerseminar in Würzburg trat er seine erste Stelle in Sulzdorf an. Da er im Gottesdienst durch falsche Betonung und und unkorrekte Liturgie den Unwillen der Gemeinde hervorgerufen hatte, musste er seine Stelle wieder aufgeben. in einem Zeitungsartikel warnte er vor dem drohenden Stillstand und beklagte die fehlende Entwicklung in Schule und Gotteshaus. Er schloss deshalb mit dem Appell: 'Wandert aus Bayern aus, sucht euern Wirkungskreis, wo gebildete Rabbiner als Beförderer des jüdischen Kultus zur Seite stehen, zieht euch heraus aus dem Schlamme veralteter Gebräuche, höret auf, notwendige Heuchler eurer vorgesetzten bayerischen Rabbiner zu sein und ihr werdet durch eure Ehrlichkeit und Offenheit siegen und einem freien Wirkungskreise entgegen gehen!'". Simon Hecht wanderte 1862 nach Nordamerika aus und wurde Rabbiner in einer Reformgemeinde in Indiana.
In den 1850er Jahren wanderten auch die Familien Sachs, Heß und Friedmann nach Nordamerika aus. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts schrumpfte die gesamte IKG Sulzdorf langsam, aber kontinuierlich durch die Ab- und Auswanderung der jungen Generationen, was die Zukunftsfähigkeit wie auch die finanzielle Situation ernsthaft bedrohte. Hatten 1810 noch 147 Jüdinnen und Juden im Ort gelebt, waren es 1910 nurmehr zwölf.
Der Rückgang der Gemeindezahlen hatte auch Auswirkungen auf die Schule. 1892 wurde noch ein Lehrer für Sulzdorf gesucht, während 1901 die Schulstelle schon in Schweinshaupten mit der Filiale Sulzdorf angesiedelt war. Das Statistische Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes von 1903 gibt für Sulzdorf eine Einwohnerzahl von 417 Personen an, darunter 32 jüdische Einwohner in acht Häuser und fünf Kinder, die die Religionsschule in Schweinshaupten besuchten. Die letzte jüdische Familie verließ den Ort im Jahr 1920. Von den in Sulzdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen: Helena (Helene) Frank geb. Zeilberger (1888), Karl Hecht (1872), Fanny Heß geb. Rauh (1873), Mathilde Karlindacher geb. Tannenwald (1885), Betty (Betti) Oppenheimer geb. Malzer (1877), Klara Rindsberg geb. Kahn (1904), Rosa Sachs (1883), Rosa Sündermann geb. Zeilberger (1880), Louis Tannenwald (1883), Julius Zeilberger (1883).
(Patrick Charell)
Kreisheimatpfleger Reinhold Albert hat uns dankenswerterweise Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Sulzdorf zur Verfügung gestellt, die er auf der Grundlage von Archivalien aus dem Staatsarchiv Würzburg erarbeitet hat.
Staatsarchiv Würzburg: Jüdisches Standesregister, Sign. 112: Geburts-, Trau- und Sterbe-Matrikel für die Judengemeinde Sulzdorf 1814 – 1876: Sulzdorf-Matrikel-1814-1876-StAWürzburg.pdf
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Reinhold Albert: Chronik der Gemeinde Sulzdorf an der Lederhecke, Bd 3. Mellrichstadt 2020, S. 122-124.
- Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Bd. 13), S. 185.
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 124f.
- Reinhold Albert: Geschichte der Juden im Grabfeld. Bad Königshofen 1990 (= Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte im Grabfeld e.V. 2), S. 87-89.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 280.
