Jüdisches Leben
in Bayern

Osterberg Gemeinde

Bereits 1530 und 1570 waren einzelne Juden in Osterberg ansässig: Moses, der einem Memminger Bürger illegal Geld geliehen hatte und daher Kreditsumme und Zinsen einbüßte, und Michael, den Gerichtsakten als professionellen Hehler einstuften. Im 17. Jahrhundert lebten mindestens zwei jüdische Familien in Osterberg. Aus einer von diesen entstammte Jud Löw, der sich 1599 in Feuchtwangen mitsamt seiner Familie christlich taufen ließ. Der spätere gräfliche Diener zu Oettingen publizierte 1614 die Schrift "Jüdischer abgestreifter Schlangenbalg", mit der er seine früheren Glaubensgenossen übel anfeindete. Ein Gemeindeleben entstand erst, als 1802 am südlichen Ortsrand eine neue Siedlung angelegt wurde, "darin Juden zu etablieren". Die entsprechenden Schutzbriefe stellte Freiherr Amselm von Osterberg aus.

Ursprünglich waren nur 30 Haushalte geplant, doch bis 1811 war ihre Zahl auf 39 Familien mit 111 Personen gewachsen (19 % der Einwohnerschaft). Die Familien kamen aus verschiedenen jüdischen Gemeinden, darunter aus dem benachbarten Altenstadt und Fellheim, aber auch aus dem entfernteren Mönchsdeggingen. Die neuen Häuser wurden in drei parallelen "Judengassen" errichtet, die von der Hauptstraße wegführen (heute ein gemeinsamer Name mit fortlaufender Nummerierung). Zeitgleich wurde der Friedhof angelegt. Im neuen jüdischen Viertel stand die Synagoge (Plan-Nr. 114) und eine Religionsschule, in der ab den 1830 Jahren auch ein regulärer Unterricht für jüdische Kinder stattfand (heute Judengasse 24). Die religiösen Aufgaben der Gemeinde übernahm ein angestellter Lehrer, der zugleich als Vorbeter und Schächter amtierte. Bei anstehenden Neubesetzungen wurde die Stelle immer wieder ausgeschrieben. Zusammen mit der Kehillah von Altenstadt bildete Osterberg bis 1870 ein Distriktsrabbinat und wurde dann an Augsburg angeschlossen. Aus dem Ort stammte Oswald Binswanger, der sich mit seiner Familie in Augsburg als Likörfabrikanten etablierte, sowie dessen Bruder, der Psychiater Dr. Ludwig Binswanger d.Ä.. An den jüdischen Alltag des Ortes erinnert unter anderem ein Kochbuch der Yette Schwarz von 1835, das seinen Weg über Memmingen und Tel Aviv nach Jerusalem fand.

1857 gingen 26 Kinder in die jüdischen Schule, doch zur Mitte des 19. Jahrhunderts endete die Blütezeit, als die große Aus- und Abwanderungswelle auch Osterberg erfasste. Als mit der Abschaffung des Judenedikts von 1813 sämtliche Einschränkungen fielen, verließen immer mehr Jüdinnen und Juden die abgelegene und wirtschaftlich stagnierende Marktgemeinde. 1896 war die Gemeinde so sehr geschrumpft, dass sie in der IKG Altenstadt aufging. Neue Besitzer kauften das leere Gotteshaus und die Schule. 1905 starb der letzte Osterberger jüdischen Glaubens. Die ehemalige Synagoge wurde zwischen 1910 und 1920 abgerissen. Das Schulhaus ist in Teilen der Substanz erhalten und dient heute als privates Wohnhaus. Die jüdische Gemeinde in Altenstadt kümmerte sich bis 1938 um den Osterberger Friedhof, der noch heute besteht. Überlebt haben auch einige Flurnamen wie "Am Judengraben" und "Judengasse". Die ehemalige Gemeinde ist Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Julius Miedel: Die Juden in Memmingen. Aus Anlaß der Einweihung der Memminger Synagoge erschienen. Memmingen 1909, S. 27 u. 35.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit A85), S. 275f.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 223.