Biografien
Menschen aus Bayern

Ludwig Binswanger d.Ä. Mediziner (Psychiater)

geboren: 25.06.1820, Osterberg
gestorben: 06.08.1880, Kreuzlingen (Schweiz)

Wirkungsort: Augsburg | Tübingen | Münsterlingen | Kreuzlingen

Ludwig Binswanger kam als fünfter von neun Söhnen einer orthodoxen jüdischen Familie zur Welt. Sein Bruder Oswald Binswanger (1822-1910) war maßgeblich am Erfolg der familieneigenen Likörfirma "L. Binswanger" in Augsburg beteiligt. Ludwig Binswanger legte sein Abitur im Benediktinerstift St. Stefan in Augsburg ab. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er als Assistenzarzt in Augsburg und Tübingen. Da er in Bayern als Jude keine Anstellung als Militärarzt fand, wanderte er in die Schweiz aus, wo er eine psychiatrische Anstalt leitete. Ludwig Binswanger erwarb das Klinikgelände 1857 und gründete eine "Privatanstalt für heilfähige Kranke und Pfleglinge aus den besseren Ständen der Schweiz und des Auslandes". Er lebte dort gemeinsam mit seiner Familie, dem Personal und gut vierzig Patienten. Seine Abwendung vom Judentum und die Taufe seiner Kinder führten zum Bruch mit der restlichen Familie. 1857 errichtete er eine private Heilanstalt in Kreuzlingen am Bodensee. Zur Klientel gehörten der Maler Ernst Ludwig Kirchner, der Schauspieler und Regisseur Gustav Gründgens und der Kulturanthropologe Aby Warburg. 

Ludwig Binswanger war der fünfte Sohn des Kleinhändlers Moses Binswanger (1783-1867) und Barbara geb. Blümle (1776-1852). Nach Privatunterricht und Besuch des St. Stephan-Gymnasiums in Augsburg bestand er das Abitur mit Auszeichnung. Er studierte unter großen finanziellen Entbehrungen zunächst ab 1840 in Erlangen Philosophie, danach ab 1841 Medizin in Heidelberg und München. 1845 promovierte er mit seiner preisgekrönten Arbeit unter dem Titel "Pharmakologische Würdigung der Borsäure, des Borax und anderer borsaurer Verbindungen in ihrer Einwirkung auf den gesunden und kranken thierischen Organismus" zum Dr. med. Seine Bemühungen um eine Anstellung im bayerischen Staatsdienst als Militärarzt scheiterten an seiner jüdischen Religion. Nach der Promotion absolvierte Binswanger ein zweijähriges Medizinal-Praktikums am Augsburger Krankenhaus, wo er auch erstmals die psychiatrische Arbeit kennenlernte. Im Jahr 1846 begann er an der Zeitschrift "Archiv für physiologische Heilkunde" mitzuarbeiten, die von Wilhelm Griesinger (später von Karl Vierordt), unter Mitwirkung von Wilhelm Roser und Karl Wunderlich in Tübingen herausgegeben wurde. Von 1848 bis 1849 war Binswanger als Assistenzarzt und Privatdozent an der Medizinischen Klinik in Tübingen unter Wunderlichs Leitung tätig. Im Juli 1848 heiratete er Jeanette Landauer, Tochter eines jüdischen Antiquitätenhändlers aus Hürben.

In Tübingen schloss sich Ludwig Binswanger dem Vaterländischen Verein an, der ein Vertreter des liberalen Flügels der 1848er Bewegung war. Während der Märzunruhen trat Binswanger bei öffentlichen Kundgebungen in München für die Emanzipation der Juden ein. Nach dieser Zwischenstation als Assistent und Dozent in Tübingen trat er auf Empfehlung des berühmten Wilhelm Griesinger 1850 die Stelle des Direktors der Irrenanstalt in Münsterlingen an. Bereits in seinem Bewerbungsschreiben an den thurgauischen Sanitätsrat formuliert Ludwig die vage Absicht, später einmal eine Privatirrenanstalt gründen zu wollen. Zur Vorbereitung auf seine Tätigkeit in der Schweiz verbrachte er etwa sechs Wochen bei Ernst Albert von Zeller in der Anstalt Winnenthal, wo er persönliche Aufzeichnungen über die dortigen Baulichkeiten und Therapien anfertigte. Im Juli 1850 zog er zusammen mit seiner Frau Jeanette und den beiden Kindern Anna und Robert nach Münsterlingen. Dort kamen die Söhne Gustav (1851) und Otto (1852) zur Welt. Binswanger ließ seine Kinder evangelisch taufen, was zum Bruch mit der übrigen Familie führte.

Im Münsterlinger Spital blieb Ludwig Binswanger Direktor der dort integrierten kantonalen Irrenanstalt bis zur Gründung seiner Privatanstalt. Nach einem gescheiterten Versuch einer Anstaltsgründung in Zürich erwarb er schließlich das Gelände der berühmten vormärzlichen Exilantendruckerei Bellevue in Kreuzlingen bei Konstanz im Jahre 1857. Hier wurden vor der 1848er Revolution liberal-republikanische Flugschriften und Zeitschriften, wie etwa die Deutsche Volkshalle, gedruckt. Familie Binswanger bezog am 27. März des Jahres 1857 die Villa Bellevue. Ludwig Binswanger notiert in seinem Tagebuch: "Noch am gleichen Morgen trifft der erste Kranke aus Leipzig, von Wunderlich zum Einzuge gesandt ein, und mit ihm ziehen noch vier kranke Pensionäre mit den dortigen Wärtern hier ein. Der Anfang war also glücklich gemacht". Das zweistöckige Gebäude fand Platz für zunächst etwa 15 Kranke sowie die Familie des Arztes. Im Sommer 1863 mussten bereits zwei Zimmer der Familienwohnung an Patienten vermietet werden, so dass noch in demselben Jahr der im hinteren Teil des Hauses gelegene Speisesaal um zwei Stockwerke erhöht wurde. Nachdem "das Jahr 1869 in der That das beste in den zwölf Jahren des Bestandes des Asyls" gewesen war, wie Ludwig Binswanger in seinem Geheimen Finanzbuch festhielt, konnte der Bau des "Mittelbaus" - bisweilen auch als Dependance bezeichnet - angegangen werden. 

Das neue Haus bot zwölf zusätzliche Zimmer. Aber kurz vor der Fertigstellung wurde der Neubau durch Brandstiftung eines Patienten teilweise zerstört. Weiterer Platzbedarf führte 1874 zum Kauf des Hauses Harmonie. Der Erwerb weiterer Häuser diente der schärferen Trennung der Nervenkranken von schwer Erkrankten. Im Jahre 1874 erwarb Ludwig Binswanger als Wohnhaus für seine Familie das Landgut Unter-Gyrsberg in Emmishofen und nannte es der dortigen Quellen wegen "Brunnegg". Zu diesem Anwesen gehörte noch ein landwirtschaftlicher Betrieb, welcher auch der Versorgung des Sanatoriums diente und zu arbeitstherapeutischen Zwecken genutzt wurde. Die Villa Brunnegg wurde zu einem schlossähnlichen Gebäude ausgebaut und seit 1878 von Ludwig, seiner Frau Jeanette und der jüngsten Tochter Luise bewohnt, nachdem Robert Binswanger 1877 als Stellvertreter Ludwigs nach Bellevue übergesiedelt war. In der "Privatanstalt für heilfähige Kranke und Pfleglinge aus den besseren Ständen der Schweiz und des Auslandes" weilte vor allem eine vermögende Klientel. Nichtsdestotrotz verstand Binswanger seine Anstalt als "Asyl" beziehungsweise als Zufluchtsstätte für Hilfsbedürftige. Sein Therapiekonzept beruhte auf einem engen Gemeinschaftsleben zwischen den Kranken und der Familie des Arztes. Im Anstaltsalltag spielten unter anderem gemeinsame Mahlzeiten, Ausflüge und Feste eine große Rolle. Neben der ärztlichen Tätigkeit engagierte sich Binswanger in Vereinen und in seiner neuen Heimatgemeinde. Die Leitung der Bellevue übernahm nach Ludwig Binswangers Tod sein ältester Sohn Robert Binswanger (1850-1910), danach der Enkel Ludwig Binswanger jun. (1881-1966) und schließlich der Urenkel Wolfgang Binswanger (1914-1993). Im Jahr 1980 wurde die Klinik aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten geschlossen.


(Philomena Becke)

25. Juni 1820: Geboren als fünftes Kind des jüdischen Hausierhändlers Moses Binswanger in Osterberg in Bayern.

1840: Abitur mit Auszeichnung in Augsburg.

1840-1845: Beginn mit dem Philosophiestudium in Erlangen. Ab 1841 Medizinstudium in München und Heidelberg.

1845-1846: Assistent am Augsburger Krankenhaus und Leitung der Irrenabteilung.

1846: Abschluss des Medizinstudiums mit der Note 1,0 und Promotion mit der Dissertationsarbeit "Die pharmakologische Würdigung der Borsäure, des Borax und anderer borsauerer Verbindungen in ihrer Einwirkung auf den gesunden und kranken thierischen Organismus". Wegen seiner jüdischen Abstammung bleibt ihm der Eintritt in den Staatsdienst als Arzt verwehrt. Ludwig folgt einer Einladung Wilhelm Griesingers (1817-1868) zur Mitarbeit am "Archiv für physiologische Heilkunde" in Tübingen.

1848: Veröffentlichung der Arbeit "Das Chloroform in seiner Wirkung auf Menschen und Thiere" zusammen mit Aloys Martin.

März: Tritt im Rahmen einer öffentlichen Kundgebung in München mit einer Rede für die Emanzipation der Juden ein.

8. März 1848-1849: Assistenzarzt an der Medizinischen Klinik in Tübingen unter Carl Wunderlich. Abhalten von Vorlesungen im Rahmen einer Privatdozentur.

24. Juli: Heirat mit Jeanette Raphaela Landauer (1825-1891). Aus der Ehe gehen die fünf Kinder Anna (1849), Robert (1850), Gustav (1851), Otto (1852) und Louise (1858) hervor.

1850: 10. Februar: Ernennung zum Direktor der Irren- und Pflegeanstalt in Münsterlingen/Thurgau auf Empfehlung Wilhelm Griesingers. Zur weiteren Ausbildung dreimonatiger Aufenthalt in Winnenthal bei Winnenden/Württemberg unter Ernst Albert von Zeller (1804-1877) und in Siegburg/Rheinland unter Maximilian Jacobi (1775-1858).

1. Juli: Amtsantritt als Leiter der Irren- und Pflegeanstalt in Münsterlingen. Damit verzichtet Ludwig Binswanger auf eine akademische Karriere.

1852: Nach der Geburt des Sohnes Otto lassen Ludwig und Jeanette ihre Kinder im evangelisch-reformierten Glauben taufen. Ludwig selbst und seine Frau Jeanette treten erst im Jahr 1856 respektive 1865 zum christlichen Glauben über.

Januar 1857: 28. Januar: Erwerb der Villa Bellevue, einer ehemaligen Emigrantendruckerei,

in Kreuzlingen am Bodensee.

27. März: Das Asyl Bellevue öffnet seine Pforten. Eintritt der ersten fünf Patienten.

1861: Reise nach Schweden und Norwegen. Besuch von Professor Virchow in Berlin.

1863: Einweihung der Bahnlinie Schaffhausen-Konstanz. Bemühungen Ludwigs um die Fortsetzung der Bahnstrecke bis Romanshorn, um für Kreuzlingen einen eigenen Bahnhof zu erhalten.

1866: Erhalt der Gemeinde- und Kantonsbürgerrechte von Thurgau.

1873: Reise nach Bayern und Besichtigung der Weltausstellung in Wien.

1874-1877: Erwerb des Landguts Brunnegg und Ausbau der Villa zu einem schlossähnlichen Gebäude.

1877: Reise nach Italien und Frankreich.

6. August 1880: Tod Ludwig Binswangers in Kreuzlingen.

Literatur

  • Max Herzog: Ausgewählte Werke in vier Bänden. Formen mißglückten Daseins, Bd. 1. Heidelberg 1992.
  • Albrecht Hirschmüller / Annett Moses (Hg.): Psychiatrie in Binswangers Klinik "Bellevue". Diagnostik - Therapie - Arzt-Patient-Beziehung. Vorträge einer Internationalen Tagung (Tübingen, 4.-5. Oktober 2002). Tübingen 2002

GND: 123229626