geboren: 08.02.1822,
Osterberg
gestorben: 27.12.1910,
Augsburg
Wirkungsort:
Augsburg
Oswald Binswanger entstammte einer großen jüdischen Familie, die im Handel und vornehmlich der Likörproduktion arbeitete. Sein älterer Bruder Ludwig Binswanger (1820-1880) wurde Psychiater und gründete in der Schweiz eine eigene Klinik. Nach Abschluss seiner Ausbildung trat Oswald in das Familienunternehmen ein, dass nach einem Großbrand 1864 nach Augsburg verlegt wurde. In der Ludwigstraße 174, zentral zwischen dem Augsburger Dom und der Bürgerstadt gelegen, wurde im "Binswanger-Haus" produziert, gelagert, verkauft und gelebt. Oswald Binswanger stieg zum Teilinhaber auf und trug wesentlich zum Erfolg und zur Expansion des Unternehmens bei. Er engagierte sich aktiv in der Augsburger Kultusgemeinde, förderte zahlreiche karitative wie kulturelle Projekte, und betätigte sich in seiner Freizeit als Autodidakt mit den Naturwissenschaften. Das Familienunternehmen mit vier Likörfabriken existierte 100 Jahre, bis es 1938 durch die Nationalsozialisten "arisiert" wurde.
Oswald Binswanger wurde am 8. Februar 1822 in Osterberg, Bayern, geboren. Er entstammte der jüdischen Familie Binswanger, die in der Region bekannt war. Seine Eltern waren Moses und Barbara (Blümle) Binswanger, sein Vater war Hausierer. Nach Abschluss seiner Ausbildung trat Binswanger in das Familienunternehmen ein, das eine Likörfabrik in Augsburg betrieb. Sein Bruder Jacob Binswanger (1818-1888) gründete 1835/36 eine Likör- und Essigfabrik in Osterberg, nördlich von Memmingen. Hier arbeiteten noch zwei weitere Brüder. Als 1864 ein verheerender Brand in der Fabrik wütete und diese zerstörte, wurde der Firmensitz nach Augsburg verlegt. Die Stadt Augsburg bewilligte die Konzessionsbewerbung von Jacob Binswanger im Jahre 1865. Oswald Binswanger zeigte schnell sein Geschäftstalent und seine Fähigkeit, das Unternehmen zu führen. Bald stieg er zum Teilinhaber auf und trug wesentlich zum Erfolg und zur Expansion des Unternehmens bei. Oswald Binswanger war bekannt für seine Geschäftstüchtigkeit, sein strategisches Denken und seine Fähigkeit, Marktchancen zu erkennen und zu nutzen. Die Firma war sehr erfolgreich, da das wirtschaftliche Potential der aufstrebenden Städte, wie Augsburg eine war, schnell erkannt wurde.
Durch die verkehrsgünstigen Anbindungen und bessere Verkaufslage konnte ein Firmenaufschwung erzielt werden und so erwarb die Firma weitere Betriebe 1886 in Regensburg und 1905 in München und führte diese erfolgreich weiter. 1917 wurde zusätzlich die Weinkellerei Franz Josef Michel erworben um das Sortiment zu erweitern. Das Biswanger-Haus in der Ludwigstraße 28/30 war von 1864-1935 der Mittelpunkt des Augsburger Zweigs der Familie. Nicht nur wurden hier Familienfeiern und -Treffen abgehalten, es befanden sich auch die Geschäftsräume der Firma. Von der Herstellung der Fässer im Innenhof über die Produktion im Keller bis hin zum Verkauf im Erdgeschoss befand sich alles unter einem Dach. Mit der NS-Politik und dem Ziel, Juden völlig aus dem Geschäftsleben zu verdrängen, endete die Geschichte der Firma: Der Regensburger Betrieb war 1936 nicht mehr geschäftsfähig aufgrund gekündigter Geschäftsbeziehungen und musste daher verkauft werden. 1938 mussten die Geschäftsinhaber schließlich auch die Betriebe in Augsburg und München im Zuge der erzwungenen Enteignung jüdischer Firmen weit unter ihrem Wert verkaufen. Die Firma in der Ludwigstraße sowie weitere Gebäude wurden von der Hotel Drei Mohren AG zu einem äußert geringen Preis übernommen.
Obwohl Binswangers Hauptbeschäftigung in der Likörindustrie lag, war sein Interesse an Wissenschaft und Bildung immer präsent. Er war ein Autodidakt und widmete einen beträchtlichen Teil seiner Freizeit dem Studium verschiedener Wissensgebiete, darunter Medizin, Naturwissenschaften und Geschichte. Sein Wissensdurst und seine intellektuelle Neugier waren groß, und er wurde zu einem angesehenen Mitglied der intellektuellen jüdischen Gemeinschaft von Augsburg. Binswanger war sich seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft bewusst und engagierte sich aktiv in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen und Wohltätigkeitsprojekten.
Sein großzügiges Engagement für die Gemeinschaft machte ihn zu einer respektierten und geschätzten Persönlichkeit in der Stadt. In privater Hinsicht hatte er ebenfalls ein erfülltes Leben. Er heiratete seine erste Ehefrau Karoline Kahn 1848. Diese verstarb allerdings bereits am 6. Dezember 1868. Seine zweite Ehefrau Ricke Ottenheimer heiratete er am 6. Mai 1875 in Nördlingen. Diese war ebenfalls bereits Witwe gewesen, als sie Oswald Binswanger heiratete. Alle seine insgesamt zehn Kinder stammten aus der ersten Ehe mit Karoline. Zusätzlich adoptierte er zwei Kinder seines Bruders Gabriel Binswanger, Seligmann und Lucie. Sigmund (geboren Seligmann) und Gustav wurden später Partner in der Firma "Jacob Binswanger & Co.". Oswald Binswanger verstarb am 27. Dezember 1910 in Augsburg.
(Philomena Becke)
Lebensdaten seiner Familie:
Karoline Kahn (1. Ehefrau): 19. Februar 1825 in Osterberg – 6. Dezember 1868 in Augsburg
Ricke Ottenheimer (2. Ehefrau): 4. Juni 1828 in Jebenhausen – 16. April 1890 in Augsburg
Kinder:
1. Sigmund (geboren Seligmann): 27. Juli 1849 – 27. Oktober 1919
2. Sophie: 14. April 1851 – 9. Dezember 1868 (?)
3. Gustav: 18. August 1852 – 17. März 1932
4. Otto (geboren Salomon): 27. April 1854 - ?
5. Betty: 20. August 1855 – 5. August 1920
6. Adolf: 18. März 1857 - ?
7. Hermann: 01. Juni 1858 – 11. Februar 1943 (gestorben in Theresienstadt)
8. Alfred (geboren Nathan): 29. August 1860 – 15. November 1933
9. Jakob: 29. März 1862 - ?
10. Emma: 18. Juni 1864 – 01. September 1864
11. Lucie: 26. Februar 1868 - ?
Literatur
- Gedenktafel am ehem. Standort des Binswangerhauses in der Augsburger Ludwigstraße 174 (2001).
Weiterführende Links
Quellen
GND: nicht verfügbar