Juden sind in Obernbreit, das seit 1607 Sitz des Oberschultheißenamts der brandenburgisch-ansbachischen Maindörfer war, seit den 1530er Jahren belegt. Aus dieser Zeit stammen der Eintrag eines Judeneids im Dorfbuch und zwei Schutzbriefe. 1538 ist mit Loeb, der als Kläger und Schuldner vor dem Segnitzer Dorfgericht auftrat, erstmals ein Jude in Obernbreit namentlich fassbar. Aus dem Jahr 1567 ist ein Ausweisungsbescheid für einen in Obernbreit ansässigen Juden überliefert, den das Oberamt Creglingen ausgestellt hatte – ein Dokument der widersprüchlichen Judenpolitik der Markgrafschaft, die zwischen gezielter Ansiedlung von Juden zur Stärkung der Wirtschaftskraft und Rücksichtnahme auf antijüdische Ressentiments der örtlichen Bevölkerung schwankte.
Zu den Dorfherren gehörten seit dem 17. Jahrhundert auch die Herren von Schwarzenberg. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts führt das schwarzenbergische Obernbreiter Zinsbuch, das 1611 angelegt wurde und Einträge bis etwa 1654 enthält, Nathan und Abraham als schwarzenbergische Schutzjuden auf.
Die unterschiedliche Judenpolitik der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, des Würzburger Domkapitels und der Fürsten von Schwarzenberg zeigt sich deutlich im 18. Jahrhundert. Während Ansbach und Würzburg vor allem auf die Ansiedlung von Bauern, Häckern (tagelöhnern im Weinbau) und Handwerkern setzten, nahm die Zahl der schwarzenbergischen Schutzjuden, die vor allem als Händler tätig waren, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlich zu. 1720 lebten bereits acht Schwarzenberger Schutzjuden mit ihren Familien in Obernbreit, deren Zahl 1747 auf elf gestiegen war. Die finanziellen Ressourcen der Schutzjuden waren beschränkt: 1747 verfügten sechs Obernbreiter Schutzjuden über gar kein und fünf Schutzjuden nur über ein bescheidenes Vermögen. Dies hatte sich ein knapp ein halbes Jahrhundert später kaum geändert; 1792 stufte das schwarzenbergische Amt Marktbreit sechs der acht Obernbreiter Schutzjuden in der niedrigsten Steuerklasse ein.
1801/1802 unterlagen die Rechtsverhältnisse für die schwarzenbergischen Juden in Obernbreit einem fundamentalen Wandel, da Preußen, das die Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach übernommen hatte, jetzt auch die Schwarzenberger Schutzjuden als preußische Mediatjuden ansah. Während des Zwischenspiels des Großherzogtums Würzburg, zu dem auch Obernbreit gehörte, fielen die dem Handel abträglichen Binnengrenzen. Da außerdem noch keine Niederlassungsbeschränkungen für Juden galten, wuchs die jüdische Obernbreiter Gemeinde in der Zeit des Großherzogtums: 1811 lebten im Dorf 14 schulpflichtige, zumeist von Privatlehrern unterrichtete Kinder. Zu dieser Zeit existierte auch eine wohl kurz zuvor erbaute jüdische Schule.
Als Obernbreit 1814 an das Königreich Bayern fiel, waren dort bereits 31 jüdische Familien mit 128 Personen ansässig. Da 1817 offiziell 27 Haushaltsvorstände und 1825 29 Haushaltsvorstände in Obernbreit zugelassen waren, stand die Obernbreiter jüdische Gemeinde zahlenmäßig an der Spitze der jüdischen Gemeinden im Landgerichtsbezirk Marktsteft. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof Rödelsee beigesetzt. Die jüdische Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat in Kitzingen.
Bis auf den 1825 in Obernbreit aufgenommenen Moses Rosenfeld, den wohl ersten jüdischen Bauern im Ort, lebten alle Juden vom Handel. 1833 zählte die jüdische Gemeinde 30 jüdische Familien mit 144 Personen. Damit war der Höchststand an jüdischen Einwohnern in Obernbreit erreicht. Eine wichtige Rolle spielte mehrere Jahrzehnte der Melamed Raphael Fraenkel, Sohn des Rabbiners Abraham Fränkel in Binswangen. Er war bei seiner Heirat am 30. Mai 1836 bereits einige Jahre Religionslehrer in Obernbreit (vermutlich seit 1830) und blieb dann 57 Jahre lang im benachbarten Marktbreit als solcher tätig. Er hatte sechs Kinder, die alle im Ort zur Welt kamen. 1870/71 wurde die Stelle des Vorsängers und Schächters separat ausgeschrieben, möglicherweise zur Unterstützung von Lehrer Raphael Fränkel. Bei der Ausschreibung von 1887 wurden die Ämter des Lehrers, Vorsängers und Schächters wieder gemeinsam ausgeschrieben. 1901 erfolgte die Ausschreibung der Stelle zusammen der der Nachbargemeinde in Gnodstadt.
Zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Obernbreiter Familien gehörten die Benarios. 1817 hatte sich Moses Benario 1817 in Obernbreit als Spezerei- und Ellenwarenhändler niedergelassen. Sein vierter Sohn Aron, der auch als Fuhrmann und Händler tätig und überregional gut vernetzt war, gründete eine Eisenwarenhandlung. Das dreigeschossige, repräsentative Stammhaus seines Geschäfts errichtete er in prominenter Lage gegenüber vom Obernbreiter Rathaus. Selbstbewusstsein und Stolz sprechen aus der Werbeaufschrift "Eisen und Metall-Waren-Handlung von Aron Benario". Ende des 19. Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Obernbereiter im Jahr 1869 bereits auf 117 Personen zurückgegangen, da ein großer Teil der Juden nach Marktbreit verzogen war, das jetzt über einen Anschluss an das Eisenbahnnetz verfügte. Auch Aron Benario verlegte sein Geschäft in dieser Zeit nach Merkbreit.
Da die Obernbreiter jüdische Gemeinde immer mehr schrumpfte, standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die für die Abhaltung der Gottesdienste notwendige Minjan nicht mehr kontinuierlich zur Verfügung. Der Mitgliederschwund hatte zur Folge, dass die Regierung von Unterfranken 1907 eine Zwangsvereinigung mit einer anderen Kultusgemeinde anordnete. Nach einem Einspruch des Vorstands der Kultusgemeinde und einem entsprechenden Bescheid des bayerischen Innenministeriums konnte das Ende der Eigenständigkeit noch einmal kurzfristig abgewendet werden. Das Ende blieb dennoch unvermeidbar: Drei Jahre später beschloss die Obernbreiter jüdische Gemeinde, sich der Kultusgemeinde Marktbreit anzuschließen. 1927 verfasste der aus einer Obernbreiter jüdischen Familie stammende, zuvor aus Obernbreit nach Saarbrücken verzogene Josef Sänger eine Familienchronik, die auch für die Geschichte der jüdischen Gemeinde hohen Quellenwert besitzt. 1942 wurde Sänger in Auschwitz ermordet. Zu den Verfolgten des NS-Regimes gehört auch sein Brüder Leopold, der zu den fünf letzten jüdischen Obernbreitern zählte. Im April 1941 wurde Leopold Sänger von der Gestapo verhaftet, da er Obernbreit widerrechtlich verlassen habe, um in Würzburg einzukaufen. Um die Geldbuße von 100 Reichsmark bezahlen zu können, musste er die Einrichtung seines Textilladens veräußern. Nachdem Sänger mit seiner Frau Sofie Zimmern und seinem ebenfalls in Obernbreit lebenden Bruder Rudolf bereits am 3. und 4. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war, zog die Gestapo am 10 September 1942 das Vermögen Leopold Sängers und seines Bruders Rudolf als "staatsfeindliches Vermögen" ein. Beide Brüder starben im Lager Theresienstadt.
2005 gründete sich der Verein "Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Obernbreit e. V.", der auch das ehemalige Synagogengebäude erwarb. Nachdem 2012 der Obernbreiter Gemeinderat beschlossen hatte, die ehemalige Synagoge in ein Kultur- und Begegnungszentrum umzubauen, wurde die renovierte Obernbreiter Synagoge im September 2013 als "Ort des Erinnerns" eingeweiht. Dort finden regelmäßig Lesungen, Ausstellungen und Konzerte statt.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Freilandmuseum Franken Bad Windsheim / Herbert May (Hg.): Lang gegrindet - Jüdisches Leben in Franken. Bad Windsheim 2022, S. 24.
- Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Marktbreit mit Gnodstadt, Marktsteft, Obernbreit und Segnitz. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1158-1240.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 228.
