Jüdisches Leben
in Bayern

Binswangen Synagoge

In einem Steuerregister wird 1609 erstmals eine Synagoge in Binswangen erwähnt. Ob es sich dabei um ein eigenständiges Gebäude oder eine Betstube in einem Privathaus handelte, ist nicht geklärt. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 trafen sich die Israeliten von Binswangen im Haus des Juden Abraham zum Gottesdienst. Auf seinem Grundstück wurde später ein Gotteshaus errichtet. Einer zeitgenössischen Beschreibung zufolge handelte es sich um ein zweistöckiges Haus mit Langfenstern. Sein Standort und das Jahr der Fertigstellung sind in den Quellen jedoch nicht überliefert. Möglicherweise befand es sich bereits an der Stelle, an der dann 1736 und 1835/37 jeweils neue Synagogen erbaut wurden (heute: Judengasse 3).

Fest steht, dass die Kultusgemeinde 1736 eine neue Synagoge erhielt. Dieser Sakralbau war hundert Jahre später baufällig und musste abgerissen werden. Da die jüdische Gemeinde damals einen großen Mitgliederzuwachs hatte, beschloss man bereits 1833, ein neues Gotteshaus zu bauen, das mehr Platz für die Gläubigen bot. Dafür wollte man neben dem Grundstück in der Judengasse 3 noch einen angrenzenden Platz verwenden, der 1829 von der Kultusgemeinde erworben werden konnte. Den Bauplan erstellte Maurermeister Michael Christa aus Zusamaltheim. Als Vorbild diente ihm die 1826 von Jean Baptiste Métivier im klassizistischen Stil errichtete Münchner Synagoge. Christas Planzeichnung wurde von Regierungsbauinspektor Eduard Rüber, vermutlich im Auftrag der Königlichen Baukommission, überarbeitet. Auf diese Weise entstand in Binswangen eine der frühesten historistischen Synagogen mit neomaurischen Stilelementen, die im Vergleich zur einheimischen Bautradition sehr ausgefallen wirkte. Ihre Einweihung konnte die IKG am 15. September 1837 mit einem öffentlichen Festakt feiern.

In einer Zeit, in der gewalttätiger, hasserfüllter Antisemitismus schon offen zutage trat, begingen die jüdischen Mitbürger von Binswangen 1937 das 100jährige Bestehen ihres Gotteshauses in der Hoffnung, dass es „noch lange Zeit seinem hl. Zwecke dienen“ möge. Doch während des Novemberpogroms 1938 zerstörte ein SA-Trupp aus Augsburg die gesamte Inneneinrichtung und raubte die Wertgegenstände. Im folgenden Jahr erwarb die Raiffeisenbank Binswangen die einstige Synagoge pro forma von der jüdischen Gemeinde. Sie wurde während des Krieges als Unterkunft für Kriegsgefangene und als Lagerhalle benutzt.

Nach dem 2. Weltkrieg hat man das ehemalige jüdische Gotteshaus 1951 der Jewish Restitution Seccessor Organization übergeben, die es 1953 je zur Hälfte an die Gemeinde und der Spar- und Darlehenskasse Binswangen verkaufte. Zwei Jahre später ging das Gebäude ganz in den Besitz der Bank über, die es als Depot für Getreide und Kohle verwendete. Ein Handwerker, der das Gebäude später mietete, riss die Frauenempore im Betsaal ab. Ab 1979 gehörte das Haus einer Baufirma und diente als Magazin. Seit 1987 war der Landkreis Dillingen an der Donau Besitzer des ehemaligen Sakralbaus. Auf Initiative des Förderverein Synagoge Binswangen e.V. wurde das Gotteshaus dann seit Ende der 1980er Jahre umfassend renoviert. Seit seiner Wiedereröffnung 1996 erinnert es an die jüdische Vergangenheit des Dorfes und dient als kultureller Veranstaltungsort.

 

(Christine Riedl-Valder)

Adresse / Wegbeschreibung

Judengasse 3, 86637 Binswangen

Literatur

  • Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ...". Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 36f. u. 87-95.
  • Angela Hager / Frank Purrmann: Binswangen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 414-422.