Der erste Hinweis auf die Präsenz von Juden im Reichsdorf Gochsheim findet sich in einem Brief des Ritters Erkinger I. von Seinsheim vom 24. März 1423. In dem Schreiben versicherte der Lehensherr von Gochsheim und Oberjägermeister des Hochstifts Würzburg, dass er keine Ansprüche auf das Eigentum der ansässigen Juden erheben würde, die der hochverschuldete Würzburger Fürstbischof Johann II. von Brunn gefangen nehmen wollte. Die Anwesenheit von Juden ist auch für die Jahre 1509 und 1514/1515 bezeugt. 1541 wurde ein Jude im Ort ermordet. Reichsamtmann Lorenz von Romrod erließ 1543 eine neue Dorfordnung: Dort findet sich die Bestimmung, dass die tradierten Rechte der Juden nicht beeinträchtigt werden dürfen, außerdem sollten sich die christlichen Dorfbewohner gegenüber den Juden "fridlich und gepuerlich" verhalten.
Dass auch nach Erlass der Dorfordnung die Lage gespannt blieb, zeigte sich bald nach 1543, als die Juden auf Drängen der christlichen Dorfbevölkerung aus Gochsheim vertrieben werden sollten. Der berühmte Rabbiner Josel von Rosheim, der "judischhait regierer im detzem land", konnte die Vertreibung durch eine Intervention bei Kaiser Karl V. (reg. 1520-1556) verhindern. Am 17. Januar 1548 ließ der Habsburger einen Schutzbrief für die Gochsheimer Juden ausstellen, die schon "lannge Jahr heer" dort gewohnt hätten. In der Urkunde befahl Karl V. auch, die Synagoge und jüdische Schule wieder zu öffnen. Dass Josel von Rosheim für das Eingreifen des Kaisers verantwortlich war, stellte der Rabbiner in einem am 15. März 1548 verfassten Brief an die Obrigkeit und Bevölkerung des Reichsdorfs Gochsheim klar. Gleichzeitig drohte er, gegen Gochsheim vor dem Reichskammergericht zu klagen, wenn die ansässigen Schutzjuden weiterhin behelligt werden sollten.
Obwohl die Dorfverwaltung auch in der Folgezeit die jüdische Präsenz ablehnte und den christlichen Bewohnern 1552 unter Androhung von Geldstrafen verbot, Häuser an Juden zu veräußern, nahm die Zahl der ansässigen Juden zu. Möglich machten dies die adeligen Lehnsherren Sebastian von Schaumberg und Jörg Diemar: Auf ihre Lehnsgüter im Ort zogen die Juden Jakob, Abraham und Beyfuss mit ihren Familien ein. Nach einem mehrjährigen Prozess vor dem Reichskammergericht mussten die Juden das Reichsdorf trotz der Unterstützung durch ihre adeligen Schutzherrn um das Jahr 1562 herum verlassen.
Nachdem die Herren von Schaumberg 1566 ihr Rittergut an Heinrich von Erthal verkauft hatten, nahm Erthal kurz danach wieder Schutzjuden in seinem "Castrum" genannten Adelssitz auf. Sie lebten dort in einem heute als "Judenhof" bezeichneten Areal westlich vom freiherrlichen Hauptgebäude. Nachdem 1572 die Reichsdörfer Gochsheim und Sennfeld aus dem Vogteiverband mit der Reichsstadt Schweinfurt ausgetreten waren, entschieden sie sich für den Würzburger Fürstbischof Friedrich von Wirsberg als Reichsvogt, dem 1573 Julius Echter von Mechtelsbrunn (1573-1617) nachfolgte. Wirsberg und Echter gingen 1572 bzw. 1575 die Verpflichtung ein, die in Gochsheim lebenden Juden bei Gelegenheit auszuweisen und auch den Zuzug weiterer Juden in das Reichsdorf zu verhindern. Im Frühjahr 1581 lebten laut einem Bericht des Gochsheimer Amtmanns in Gochsheim keine Juden mehr.
Rund 50 Jahre später, ab 1631, wohnte erneut Juden als "Schutzverwandte" der Freiherren von Erthal im Gochsheimer Adelssitz. Der Erwerb von Häusern und Grundstücken blieb ihnen untersagt. Vermutlich nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs entstand ein offensichtlich geplantes jüdisches Viertel in Form einer winkelförmigen Sackgasse um die West- und Südseite des Gartens des Adelssitzes.
Zu Konflikten zwischen Juden und Christen kam es gelegentlich nach dem Abschluss von Handelsgeschäften. Beispielsweise hatte der Gochsheimer Jude Hirsch 1656 im Nachbardorf Grettstadt einen Ochsen gekauft, ohne den Kaufpreis in Höhe von acht Reichstalern zu bezahlen. Ob Hirsch die vereinbarten acht Gulden schließlich doch aufbrachte oder aus dem Dorf vertrieben wurde, ist bisher nicht bekannt. Weil der Jude Meyer und der christliche Bauer Hans Heinrich Krug ohne die Genehmigung durch Dorfpfarrer und Reichschultheiß an einem Feiertag ihren Viehhandel abschlossen, wurden beide am 15. Oktober 1709 dazu verurteilt, der Kirche jeweils ein halbes Pfund Wachs zu spenden. Auch Juden mussten gelegentlich auf den vereinbarten Kaufpreis warten: 1713 hatte ein Hans Weinmann von dem Händler Isaac ein Pferd gekauft und nach einem Jahr immer noch nicht bezahlt. Rückgängig machen musste hingegen Moses 1721 den Kauf von 60 Reisigbündeln, die er von der Frau eines Bauern erworben hatte, ohne dass ihr Mann dazu seine Einwilligung erteilt hatte. In einer innerjüdischen Streitigkeit wegen nicht bezahlter Schulden vermittelte 1734 ein eigens aus Heidingsfeld angereister Rabbiner. Als der für Juden bestimmte Wohnraum im Gochsheimer Herrensitz zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht mehr ausreichte, ließen die Herren von Erthal ein zweites Gebäude errichten. Der "Neue Bau" oder auch "Obere Bau" war zweigeschossig und wirkte durch seine Eckquaderung durchaus repräsentativ.
Im Jahr 1784 erlebten die Gochsheimer Juden erneut eine Zäsur, als der "Obere Bau" in den Besitz des Reichsdorfs überging und fortan der Reichsschultheiß für die Ausstellung der Schutzbriefe zuständig war. In diesem Zusammenhang wurden auch die Gebühren und die Wohnverhältnisse schriftlich erfasst: So lebte beispielsweise der Schutzjude Joseph Ruben bewohnte mit seiner Frau und drei Kindern im zweiten Stock "1) eine Stub und Stubenkammer, nebst der Küche, 2) ein Kämmerlein neben der Küche, zum Holz aufbewahren, 3) über der Stube und Kammer, den Boden zum Holzlegen". Diese Aufteilung war nicht ungewöhnlich, sondern entsprach in etwa den gängigen Tropfhäusern bzw. in Städten den kleinteiligen Mietshäusern der "Hundsfötter".
Ende des 18. Jahrhunderts engagierte sich der in Gochsheim geborene und zeitlebens ansässige Buchhändler Joseph Isaak für die sogenannten "Betteljuden" und publizierte 1790-1792 seine Denkschrift "Unmaßgebliche Gedanken über Betteljuden und ihre bessere und zweckmäßigere Versorgung menschenfreundlichen Regenten und Vorstehern zur weitern Prüfung vorgelegt". Er war der Barnos und bis Ende 1811 auch Chasan der jüdischen Gemeinde und starb 1817. In seiner Studie führte er aus, dass die 26 jüdischen haushalte in Gochsheim über ein Gesamtvermögen von rund 9000 rheinischen Gulden verfügten, aber 900 Gulden zur Unterbringung und Versorgung durchziehender "Betteljuden" aufwenden müssten.
Zu einem neuen Rechtsstreit kam es 1795: Sollte in Zukunft der Erthaler Distriktsvorgänger Hirsch Nihm oder der Gochsheimer Reichsschultheiß die innerjüdischen Streitigkeiten schlichten? Als Druckmittel setzte Hirsch, der den Zoll gepachtet hatte, die Verweigerung des für den Handel notwendigen "Leibzollzeichens" ein. Obwohl Hirsch diese Vergabe aus Sicht der Würzburger Regierung generell auch zustand, entschied sie im konkreten Streitfall, dass die Gochsheimer Händler ausnahmsweise das Leibzollzeichen nicht erwerben und den Leibzoll auch in bar entrichten konnten. Vier Jahre später verlangte Hirsch für die im Reichsdorf stattfindende Hochzeit eines auswärtigen jüdischen Brautpaars von der Gochsheimer Gemeinschaft "Kopulationsgebühren" und drohte erneut mit der Verweigerung der Leibzollzeichen.
Um 1800 wurde in Gochsheim Abraham Joseph Reis geboren, der 1862 in Baltimore starb: Nach dem Talmudstudium in Fürth und Würzburg emigrierte Reis in die USA und nahm dort den Nachnamen Rice an. Er war der erste in den USA ordinierte Rabbiner und vertrat eine streng orthodoxe Ausrichtung. Dies führte zu zahlreichen Konflikten mit liberal eingestellten Juden.
Im Jahr 1802 standen in Gochsheim 14 jüdische Haushalte mit 59 Personen unter dem Schutz des Reichdorfs. Die Zahl der ritterschaftlichen Schutzjuden ist bisher nicht bekannt. Mehr als zehn Jahre später wohnten 1813 insgesamt 160 Juden im Dorf. Sie gehörten zu insgesamt 33 jüdischen Haushalten, die nach dem Ende des Großherzogtums Würzburg und der Einverleibung durch das Königreich Bayern im Jahr 1814 teils dem königlichen Landgericht Schweinfurt, und teils dem sachsen-weimar-eisenach'schen Patrimonialgericht unterstanden. Ihren Lebensunterhalt verdienten die Familien vorwiegend mit Vieh-, Schnittwaren- und Galanteriehandel und Schmusen.
1824 wurde in Gochsheim eine jüdische Elementarschule eröffnet. Das Schulhaus im Judnehof bestand laut den Erinnerungen des ehemaligen Gochsheimers Alfred Straus von 1959 aus Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche. Weil die Lehrerstelle nur unzureichend dotiert war, musste die Kultusgemeinde auch Lehrer ohne staatliches Examen einstellen. Seit 1853 unterrichtete der Gochsheimer Lehrer Joseph Silbermann auch in Schwebheim, mit dem Gochsheim einen Schulverband gebildet hatte. Die Gemeinde wurde dem Bezirksrabbinat in Schweinfurt zugeteilt. Die Verstorbenen wurden in Gerolzhofen und Schwanfeld beigesetzt.
1833 lebten die Gochsheimer Juden laut dem Urkataster in zehn Kleinhäusern, die Großteils in zwei Einheiten unterteilt waren. Wie in Schwebheim lagen die dicht aneinander gebauten Häuser in einer Gasse und konnten ohne Probleme durch Schranken zu einem Eruv gemacht werden. Nachdem die jüdische Gemeinde Gochsheim 1839 mit 170 Personen ihren Höchststand erreicht hatte, schrumpfte die Kultusgemeinde rasch. Um 1850 lebten im "Judenhof" noch 18 jüdische Familien. Spätestens seit 1854, als die dritte Synagoge in Gochsheim errichtet wurde, gehörte auch das daran angrenzende Schulhaus zum Gemeindekomplex. Warum der Gochsheimer Lehrer Max Reinhold 1875 ohne Angabe von Gründen suspendiert wurde, ist bisher unklar. Trotzdem bekleidete wohl dieselbe Person von 1877 bis 1904 in Gochsheim das Amt eines Kultusvorstehers. In der Folgezeit wechselten die Gochsheimer Lehrer häufig. Nach der Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 verlor die IKG Gochsheim bis 1900 zwei Drittel ihrer Gemeindeglieder, vor allem an das nahe gelegene und deutlich urbanere Schweinfurt. Dort hatte sich eine neue, wachsende jüdische Gemeinde gebildet.
Da Gochsheim zu den ärmsten jüdischen Gemeinden in Unterfranken gehörte, gewährte die Kreisregierung in Würzburg 1910 und 1912-1917 jährlich eine finanzielle Zuwendung zwischen 50 und 100 Mark. Im Ersten Weltkrieg fielen die jüdischen Gochsheimer Max Heldmann und Justus Selig, die auf dem Denkmal im Gochsheimer "Kriegerhain" verzeichnet wurden. In den 1920er Jahren unterhielten einzelne Christen und Juden ein gutes Verhältnis. So berichtete beispielsweise der 1919 geborene Josef Ehrlitzer, dass er am Sabbat für die jüdischen Familie Selig, die als Mieter in seinem Elternhaus lebten, das Feuer und die Lampe am Sabbat anzünden musste ("Schabbesgoj"). Gelegentlich war er auch zum Essen bei Seligs eingeladen, wenn seine Eltern nicht zuhause waren.
Bereits am 12. September 1923 wurde ein Gochsheimer Jude Opfer eines von einem Nationalsozialisten verübten Überfalls, bei dem er schwer verletzt wurde. Kolportiert wurde im Ort auch weiterhin das Gerücht, dass um 1870 ein Gochsheimer Junge angeblich Opfer eines Ritualmords geworden war. Dass die Mehrheit im Ort bereits vor 1933 nationalsozialistisch eingestellt war, belegt das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl vom 13. März 1932, als auf Hitler 1020 der 1742 im Dorf abgegebenen Stimmen entfielen.
1933 lebten nur noch 16 Juden in Gochsheim, ein Minjan kam nicht mehr zustande. Ende März 1937 wurde die Kultusgemeinde offiziell aufgelöst. Eineinhalb Jahre später wurden die jüdischen Familien Strauß und Rosenbusch am Abend des 10. November 1938 Opfer gewalttätiger Ausschreitungen. Daran waren nicht nur Erwachsene wie der Gochsheimer SA-Scharführer Otto Röhrig, sondern auch Mitglieder der Hitlerjugend beteiligt. Rund 100 Schaulustige verfolgten das Geschehen, ohne einzugreifen. 1942 lebten in Gochsheim noch vier Juden, von denen Emma Strauß am 25. April 1942 in das Durchgangslager Krasniczyn und ihre Schwester Betty am 10. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Wann die Schwestern starben, ist bisher unbekannt. Der Shoa fielen 1942 auch die in Gochsheim geborenen Klara, Clothilde und Amalie Selig zum Opfer, die nach der Aufgabe ihres Gochsheimer Lebensmittelgeschäfts nach Regensburg verzogen waren. Sie gehörten zu den 21 aus Gochsheim stammenden Juden, die der Shoah zum Opfer fielen.
Bei einem 1949 vor dem Landgericht Schweinfurt stattfindenden Prozess wurde der ehemalige Gochsheimer SA-Scharführer Otto Röhrig zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein ebenfalls an den Ausschreitungen am 10. November 1938 beteiligter Schreiner erhielt eine Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten, während die anderen Angeklagten freigesprochen wurden.
Seit 1996 erinnert eine Bronzetafel an der Rückseite des Kantoratsgebäudes an die 1933 in Gochsheim lebenden Juden. Im selben Jahr wurden auch acht Gebäude des ehemaligen Judenhofs unter Denkmalschutz gestellt.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Gochsheim mit Schwebheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1365-1389.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 241.
- Joseph Isaak: Authentische Berechnung, was eine Judengemeinde von 26 Haushaltungen (im Reichsdorfe Gochsheim) jährlich zum Unterhalt ihrer bettelnden Glaubensgenossen beytragen muß. In: Journal von und für Franken, Bd. 1 Heft 1 (1790), S. 435-446.
