Weil das Nürnberger Memorbuch für die Pestverfolgungen 1348/49 auch Opfer aus Burghausen erwähnt, muss zu dieser Zeit eine kleine Gemeinschaft (hebr. Jischuw) bestanden haben. Weitere Angaben oder Nachweise fehlen bislang. In den Jahren 1364 bis 1366 liehen sich drei Bürger aus Burghausen Geld vom jüdischen Bankier Feivel in Landshut. Für 1423 ist "Thomas der Jude" als Kastner in Weilhart nachweisbar, der seinen Amtssitz auf der Burg hatte. "Weil er hoher bayerischer Beamter war, ist allerdings von einem getauften Juden auszugehen" (Johann Dorner). In derselben Zeit wird "Abraham der Jud, gesessen zu Burghausen" aktenkundig. Als 1450 alle Juden das Herzogtum Niederbayern verlassen mussten, unterzeichnete auch ein "Jakob [...] aus Burghausen" die Urfehde.
Durch die bayerische Landesvereinigung 1506, einer Verstaatlichung des Salzhandels im 17. Jahrhundert und den Verlust Innbayerns an Habsburg-Österreich im Jahr 1779 war die wirtschaftliche Bedeutung von Burghausen stark zurückgegangen. Abgesehen davon blieb das Niederlassungs- und Handelsverbot für Juden bis 1813 in Kraft. Später betrieb der jüdische Kaufmann Joseph Muhr aus Kriegshaber einen Handel mit Uhren sowie Gold- und Silberarbeiten. Noch im Jahr 1840 war er Zeitungsannoncen zufolge in Burghausen ansässig (Werbeanzeigen im "Kourier an der Donau" vom 2. Mai 1840). Sein Sohn Adolph Muhr (ca. 1819–1891) betrieb in den 1870er Jahren ebenfalls ein "Verkaufslokal" (Werbeanzeige im "Burghauser Wochenblatt" vom 12. März 1871). Grundlegend änderte sich jedoch nichts an der Situation: Im Jahr 1890 lebte erneut keine einzige Person jüdischen Glaubens in Burghausen.
Während des Ersten Weltkriegs wurde der jüdische Chemiker Dr. Eugen Gottfried Galitzenstein (1882–1947) von seinem Frontdienst als Leutnant abberufen, und nach Burghausen in das neue Wacker-Chemiewerk für die kriegswichtige Herstellung von Aceton (Kunstgummi) geschickt. Im Jahr 1918 zog auch seine Frau Auguste Helene geb. Grün mit den gemeinsamen drei Kindern von Nürnberg nach Burghausen. Die Familie wohnte zunächst auf der Burg und zog später am Ludwigsberg in ein Haus mit großem Garten, die sogenannte "Villa Galitzenstein".
Nach der NS-Machtübernahme 1933 begann die gezielte Drangsalierung der Familie. Sohn Walter wanderte in die USA aus, doch Dr. Galitzenstein blieb vorerst Laborleiter. Im Novemberpogrom 1938 kam es in der Nacht auf den zehnten November vor Villa Galitzenstein zu Tumulten, am nächsten Tag wurde das Familienoberhaupt nach Dachau verschleppt. Durch den Einfluss von Johannes Hess, dem Geschäftsführer der Wacker-Werke, kam Dr. Eugen Galitzenstein nach sechs Wochen wieder frei und wanderte am 10. Juni 1939 mit Frau und Töchtern nach Großbritannien aus. Dort baute sich die Familie eine neue Existenz auf.
Das ehemalige Haus Galitzenstein auf dem Ludwigsberg diente zunächst den Wacker-Werken als Werksleiterhaus, dann als Firmenarchiv. Nach einer Neugestaltung zum Botanischen Garten steht das Gelände seit 2010 der Allgemeinheit zur Verfügung. Hier ist eine Gedenkstätte den Ermordeten der "Freiheitsaktion Bayern" gewidmet, einer Burghauser Wiederstandsgruppe. Etwa 1.000 Beteiligte führten am 27. und 28 April 1945 insgesamt 78 Aktionen durch. Durch eigene Porträts werden Jakob Scheipel, Ludwig Schön und Josef Stegmaier besonders geehrt. Sie waren allesamt Arbeiter bei Wacker, die sowohl politisch wie auch in ihrer Kirchengemeinde St. Konrad gegen die NS-Diktatur aufbegehrten.
Vor dem Eingang des Botanischen Gartens errichtete die Stadt Burghausen eine bebilderte Informationstafel mit biografischen Angaben zu Dr. Eugen Gottfried Galitzenstein. Im Botanischen Garten selbst finden sich fünf Stolpersteine des Künstlers Gunther Demnig (*1947). Auch sie erinnern seit 2012 an das Schicksal von Eugen, Auguste, Charlotte, Irene und Walter Galitzenstein. Zu den Mahnmalen in Burghausen zählt auch der KZ-Friedhof und Gedenkstätte am Pulverturm.
Persönlicher Dank geht an Christian Porzelt, Jüdisches Museum Augsburg Schwaben, für die freundliche Unterstützung.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Elisabeth Noichl: Späte Blüte – oder warum wurde das Burghauser Stadtrecht von 1307 erst im 19. Jahrhundert "wirksam"?. In: Archiv für Diplomatik. Schriftgeschichte. Siegel- und Wappenkunde 59 (2013), S. 165-207.
- Johann Dorner: Burghauser Juden im Mittelalter. In: Burghauser Anzeiger (11.02.2005), Digitalisat im Stadtarchiv Burghausen, BA-2005/34.
- Adolf Altmann: Geschichte der Juden in Stadt und Land Salzburg. Zweiter Abschnitt: Die Judenfrage im weltlichen Staate Salzburg bis zur Niederlassung des ersten Juden (1803-1867). In: Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft XVII (1926), S. 1-56 u. S. 12. (Hinweis auf eine Supplik von Joseph Muhr aus dem Jahr 1811).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 7.
- Bayerisches Statistisches Bureau (Hg.): Gemeinde-Verzeichnis für das Königreich Bayern. Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1890. München 1892 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 58), S. 6.
- Johannes Georg Bonifaz Huber (Bearb.): Geschichte der Stadt Burghausen in Oberbayern. Burghausen 1862, hier S. 53 (Reg. IX. p. 110).
- Schuldbrief des Burghauser Bürgers Heinrich Gradler, der sich 5 Pfund Regensburger Pfennige vom jüdischen Bankier Feivel zu Landshut für den Zinssatz von wöchentlich 3 Pfennigen pro Pfund entleiht, dat. 16.02.1365. Stadtarchiv Burghausen, KurbU-18610.
