Jüdisches Leben
in Bayern

Altenstadt-Illereichen Gemeinde

Die Grafen von Rechberg erlaubten in ihrem Territorium lange Zeit weder die Ansiedlung von Juden, noch den Handel mit ihnen. Zweimal, 1551 und 1623, ersuchten sie beim Kaiser sogar um besondere Privilegien, um gegen Juden auf ihrem Territorium vorgehen zu können. Erst Graf Kaspar Bernhard von Rechberg stellte 1650 fünf jüdischen Familien unter seiner Schutzherrschaft. Er wollte so die seit dem Dreißigjährigen Krieg darniederliegende Wirtschaft fördern. Die kleine jüdische Siedlung nahe der Burg löste sich wahrscheinlich wieder auf, als 1660/62 drei der fünf Familienväter wegen der allzu harten finanziellen Ausbeutung den Ort verließen. Ab 1677 übernahmen die Reichsgrafen von Limburg-Styrum die Ortsherrschaft und nahmen im folgenden Jahr wieder vier jüdische Familien auf.

Gegen den Willen der Bevölkerung erhielten 1719 fünf weitere jüdische Familien, die man aus Thannhausen vertrieben hatte, durch Reichsgraf Maximilian Wilhelm von Limburg-Stirum (1653-1728) ein Niederlassungsrecht in Altenstadt. Im Schutzbrief wird zusätzlich die Errichtung einer Synagoge und eines Friedhofs, sowie kostenloses Bauholz gewährt. Schulmeister und Rabbiner, die beide eine Wohnung in der Synagoge erhalten sollten, mussten kein Schutzgeld bezahlen. Der zugesagte Beerdigungsplatz entstand 1719 am Berghang südlich von Illereichen. 1721 erkauften sich die Schutzjuden im Ort von ihrer Obrigkeit für 100 Gulden das Recht, "die Strittigkeiten Jud contra Juden selbst zu schlichten" - ein Privileg, das ihnen von Rechts wegen eigentlich schon seit dem 16. Jahrhundert zustand.

Im Jahr 1722 erteilte die reichsgräfliche Vogtei die Baugenehmigung für das Grundstück an der Westseite der Landstraße. Im gleichen Jahr ließ der Ortsherr am Fuß des Schlosshügels im heutigen Altenstadt, welches damals außerhalb des eigentlichen Siedlungskerns mit der Burg in Illereichen lag, neue Häuser für die Schutzjuden errichten. Aus ihnen entstand der heutige Ortskern mit dem Geschäftszentrum an der B 19. Die "Judensiedlung" umfasste wohl die Anwesen 39, 40, 43, 44 und 51-56 (Uraufnahme 1835). Zusammen mit der Synagoge, die wohl ursprünglich ebenfalls die Längsseite der Straße zukehrte, bildeten sie eine Baugruppe, die in ihrer "schlichten Harmonie" (Hans Böhm) noch heute die einheitliche Planung erkennen lässt. Von nun an bildete das Rabbinat Altenstadt/Illereichen einen abgeschlossenen jüdischen Siedlungsbereich (Eruv), während Illereichen ausschließlich von Christen bewohnt war. Wegen der allzu hohen Schutzgeldforderungen der Reichsgrafen von Limburg-Stirum sahen sich jüdische Familien immer wieder gezwungen, aus Altenstadt wegzuziehen. Trotzdem erhöhte sich ihre Anzahl zwischen 1732 und 1789 von 35 auf 51 Familien. Fürst Johann Nepomuk von Schwarzenberg (1774-1795), der die Ortsherrschaft 1788 erwarb, zwang die Juden zum Ankauf der vorher gemieteten Wohnhäuser, wenn sie ihren Schutzbrief behalten wollten. Dadurch ersparte er sich die notwendige Renovierung der Gebäude. Künftig erhielt jede jüdische Familie ihren eigenen Schutzbrief, die Anzahl der Haushalte blieb auf 51 begrenzt.

Neben der Synagoge errichtete die jüdische Kultusgemeinde im Jahr 1804 ein Armen- und Gemeindehaus mit einer Mikwe. Die jüdische Gemeinde umfasste im Jahr 1807 mit 355 Mitgliedern mehr als die Hälfte der Ortsbevölkerung. Ab 1815 fand im Gemeindehaus auch der religiöse Schulunterricht statt, der seit 1680 durch recht ärmlich entlohnte "Judenschulmaister" in der Synagoge erfolgt war. Dieses Gemeindehaus wurde zwanzig Jahre später durch ein Gebäude für die neu gegründete Israelitische Volksschule ersetzt (Memminger Straße 49), die Mikwe hat man damals in den Garten in einen kleinen Einzelbau ausgelagert. Hinter dem Schulhaus wiederum entstand ein neues Armenhaus. Die verbesserten Lebensbedingungen im Königreich Bayern wurden begeistert aufgenommen und sorgten für eine Welle des Patriotismus; sämtliche Festivitäten des Königshauses wurden mit eigenen Feiern in der Synagoge begleitet, und bei seiner Fahrt durch Altenstadt am 17. Juli 1833 bereiteten die jüdischen Einwohner ihrem König Ludwig I. (reg. 1825-1848) einen enthusiastischen Empfang. Bis 1834 erhöhte sich die Zahl der jüdischen Gemeinde auf 403 Personen, danach setzte auch in Altenstadt (im Zuge der allgemeinen Abwanderungswelle) ein drastischer Rückgang ein. Die Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 förderte diese rückläufige Tendenz, denn sie löste vermehrte Umzüge in größere Städte aus. Daher wurde das Rabbinat Altenstadt nach dem Tod des Rabbiners Emanuel Schwab 1869 aufgelöst und die Gemeinde dem Distriktsabbinat Augsburg unterstellt. 1880 gehörten der Gemeinde nur noch knapp 140 Mitglieder an. Die geschrumpfte jüdische Bevölkerung von Altenstadt lebte dennoch in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts lockerte sich die strenge Trennung von Christen und Juden in den Wohngebieten, und man engagierte sich ab dieser Zeit vermehrt gemeinsam im Kulturleben des Ortes.

Der Ortsteil Altenstadt verfügte inzwischen längst über mehr wirtschaftliche Potenz und eine bessere Infrastruktur als Illereichen. Eine Folge davon war, dass Rathaus und Verwaltung des Doppelortes 1912 nach Altenstadt verlegt wurden und sich die Kommune von nun an offiziell Altenstadt(-Illereichen) nannte. Ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg bezahlten drei der 17 Juden aus Altenstadt mit dem Leben. Für sie wurde 1925 eine Erinnerungstafel in der Vorhalle der Synagoge angebracht, die sich heute auf dem jüdischen Friedhof befindet. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert führte wachsendes Konkurrenzdenken und die allgemeine Stresssituation der Gesellschaft, hervorgerufen durch Wirtschaftskrisen und politisches Chaos, erneut zu Feindseligkeiten zwischen den Konfessionen. Der wachsende Antisemitismus zeigte sich 1922 in einer mutwilligen Beschädigung der Synagoge. Da die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde seit der Jahrhundertwende weiter kontinuierlich abgenommen hatte, musste 1924 die Israelitische Volksschule wegen Schülermangels schließen. In die Räume zog nun die kommunale Volksschule ein. Bereits ein Jahrzehnt vor der NS-Machtübernahme stand die Altenstadter Kultusgemeinde, wie sich Hans Böhm 1965 ausdrückte, "auf dem Aussterbeetat": Kinder gab es nur noch in zwei Familien, die mittlere Generation war Großteils, soweit es eben finanziell möglich war, ab- oder ausgewandert.

Im Jahr 1933 lebten noch etwa 50 Juden in Altenstadt. Sie sahen sich zunehmenden Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt. Im Novemberpogrom 1938 wurden sechs Juden und eine Jüdin verhaftet und die NSDAP-Ortsgruppe veranstaltete eine Kundgebung mit Hetzreden vor der Synagoge. Später fiel ein SS-Trupp aus Vöhringen in den Ort ein, zertrümmerten die Inneneinrichtung der Synagoge und besetzten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Bereits Ende März 1938 war das jüdische Schulhaus an die politische Gemeinde verkauft worden; im Sommer 1939 ging auch das Synagogengebäude an sie über. Der Friedhof blieb im Besitz der Kultusgemeinde.

Einige der jüdischen Altenstädter, die das Novemberpogrom überstanden hatten, konnten in den folgenden Monaten noch ausreisen. Die Übrigen wurden gezwungen, ihr Eigentum weit unter Wert zu verkaufen und in die ehemalige koschere Schlachterei Neuburger (heute Memminger Straße 32) umzuziehen, das die Machthaber als "Judenhaus" bestimmten. Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1942 wurden alle verbliebenen Jüdinnen und Juden in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet:

Wegzug "31.3.1942 München / evakuiert"


Freimark Lina, ledig, geb. 12.08.1879 in Homburg Krs. Marktheidenfeld

Freimark Gida, geb. Mezger, geb. 02.06.1883 in Berlichingen Krs. Künzelsau (Witwe des Wäschefabrikanten Karl Friedmann)

Heß Jeanette, geb. Heß, geb. 18.02.1876 in Reichenberg Krs. Würzburg, Bäckermeisterswitwe

Löw Babette, ledig, geb. 30.06.1891 in Altenstadt

Maier Hedwig, geb. Einstein, verw. Feissel, geb. 7.1.1881 in Altenstadt, Kaufmannswitwe

Marx Karolina, ledig, geb. 07.05.1893 in Altenstadt

Rose Ida, geb. Freimark, geb. 01.12.1877 in Homburg, Krs. Marktheidenfeld (Witwe des "Judenlehrers" Herman Rose)

Strauß Julius, Metzger, geb. 25.11.1886 in Altenstadt

Strauß Babette, geb. Hamburger, geb. 14.2.1890 in Hörstein, Krs. Alzenau

Strauß Elsa, geb. 15.07.1926 in Altenstadt (Tochter von Julius und Babette Strauß)

Strauß Flora, geb. 07.09.1928 in Altenstadt (Schwester von Elsa)

Strauß Hilda, geb. 26.08.1930 in Altenstadt (Schwester v. Elsa und Flora)

Strauß Sofie, ledig, geb. 09.01.1889 in Altenstadt (Schwester von Julius)


Wegzug "4.7.1942 Theresienstadt b. Prag"

Erlanger Fanny, ledig, geb. 20.07.1871 in Altenstadt

Löw Mina, geb. Kahn, geb. 20.11.1869 in Mitwey, Nordamerika (beide Eltern aus Altenstadt), Witwe des Metzgermeisters Moritz Löw

Löw Frieda, ledig, geb. 20.11.1905 in Altenstadt (Tochter von Moritz und Minna Löw)

Löwenstein Fanny, ledig, geb. 11.04.1874 in Altenstadt

Neuburger Isidor, geb. 13.08.1863 in Altenstadt, Metzgermeister

Schwarz Emanuel Max, geb. 08.03.1863 in Osterberg, Viehhändler

Wassermann Josef, geb. 20.03.1875 in Kempten (beide Eltern aus Altenstadt)


Im Konzentrationslager verstorben

Strauß Samuel, geb. 23.02.1890 in Altenstadt, Sohn des Viehhändlers Leopold Strauß, Kaufmann. Eingeäschert laut Mitteilung an den Altenstadter Gendarmerie-Posten am 04.04.1942.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges richteten die US-Armee und die UNRRA ein DP-Lager in ehemaligen Wehrmachtsbaracken ein, wo überwiegend baltische "Displaced Persons" (DPs) aus Estland, Lettland und Litauen unterkamen. Diese waren vor der drohenden Sowjetischen Besatzung geflohen. Nach Informationen des United States Holocaust Memorial Museum waren zumindest ein Teil der Bewohner jüdisch, Angaben zu einem Gemeindeleben liegen aber nicht vor.

Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 hat das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion in Mittelschwaben angelegt. Die Route beginnt in Augsburg und erschließt neun jüdische Landgemeinden (Fischach-Thannhausen-Krumbach-Fellheim-Illereichen-Altenstadt-Ichenhausen-Binswangen-Buttenwiesen). An die einstige israelitische Kultusgemeinde von Altenstadt erinnern heute unter anderem noch der jüdische Friedhof, auf dem seit 1992 eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger steht, das ehemalige jüdische Schulhaus (Memminger Str. 49) und das ehemalige Schächter- und Judenhaus (Memminger Str. 32). Es bestehen seit längerem Pläne, in einem ehemaligen jüdischen Wohnhaus ein Heimatmuseum einzurichten, das die Geschichte der Juden in Illereichen und Altenstadt erzählen soll. Seit 1984 erinnert eine Gedenktafel an die einstige Synagoge. Steinsäulen und eine Informationsstele markieren seit 1998 ihren Grundriss, gegenüber ist der "Hermann-Rose-Platz" dem Heimatforscher und Schullehrer Hermann Rose (1870-1936) gewidmet. Die ehemalige Gemeinde ist auch Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.


(Christine Riedl-Valder | Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Altenstadt. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 387-396.
  • Hans Böhm: Die Altenstadter Juden. In: Anton H. Konrad (Hg.): Illereichen-Altenstadt. Beiträge zur Geschichte der Marktgemeinde. Weißenhorn 1965, S. 52-62.
  • Hermann Rose: Geschichtliches der Israelitischen Kultusgemeinde Altenstadt. Altenstadt 1931.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 255.