Jüdisches Leben
in Bayern

Unsleben Synagoge

Vermutlich in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurde außerhalb des Schlosshofs am Rand des Dorfs die erste Unslebener Synagoge eingerichtet. Die barocke Synagoge wurde als eingeschossiger, rund elf Meter langer und rund fünf Meter breiter Fachwerkbau errichtet. Eine Beschwerde des katholischen Ortspfarrers berichtet wahrscheinlich über den festlichen Umzug, in dem die Torarollen aus dem Betsaal im Schloss in die neue Synagoge übertragen wurden. 1753 wurde das wahrscheinlich kleine Bethaus renoviert und 1757 gegen den Widerstand des katholischen Dorfpfarrers und der Verwaltung des Hochstifts vergrößert. Seit dieser Zeit erschloss eine Außentreppe die Frauenempore.

Als sich 1850 massive Schäden an der alten, für die rund 200 jüdischen Unslebener zu kleinen Synagoge zeigten, entschloss sich die Kultusgemeinde zu einem Neubau. Nach der Durchführung einer bayernweiten Kollekte zugunsten des Synagogenneubaus im Jahr 1850, die rund 120 Gulden erbrachte, vergab die Gemeinde die Bauarbeiten im Oktober 1851. Wahrscheinlich im Jahr 1853 waren die Arbeiten an dem rund zwölf Meter breiten und rund 17 Meter langen, auf einem Sockel aus grauem Haustein errichteten, massiv gemauerten Satteldachbau abgeschlossen. An der Ost- und Nordfassade, die auch das Hauptportal enthielt, waren je drei Fensterachsen angeordnet. Im Bereich des Toraschreins befand sich an der Ostwand ein Relief mit der Doppeltafel der zehn Gebote, das den monumentalen Bau als Synagoge kennzeichnete. Von einer rund zwei Meter breiten Vorhalle gelangte man in den von einer aufwändig konstruierten Flachdecke abgeschlossenen Betsaal, der für 76 Männer Platz bot. An dessen Ostwand bildeten Toraschrein und Almemor eine Einheit. Drei der vier Wände des Betsaals umlief die Frauenempore, die auf zwölf Säulen ruhte. 1865 kam es zu einer in den jüdischen Medien geführten Auseinandersetzung um die Ausstattung der Frauenempore, die angeblich der Würzburger Distriktsrabbiner Seligmann Bär Bamberger während der Vakanz des Bad Kissinger Rabbinats hatte vergittern lassen. Nachdem die neue Synagoge fertiggestellt war, wurde das alte Gotteshaus am 22. Januar 1853 für 200 Gulden an einen Privatmann verkauft und 1923 wegen Baufälligkeit abgebrochen.1860/1861 errichtet die jüdische Kultusgemeinde eine neue Mikwe.

Während des Novemberpogroms 1938 wurde die Unslebener Synagoge wegen der engen Bebauung nicht in Brand gesteckt. Zahlreiche Ritualgegenstände wie die Torarollen waren bereits zuvor von jüdischen Gemeindemitgliedern versteckt worden und gelangten später in die USA. Nachdem die Kommune das Gebäude als Holzlager und zur Aufbewahrung der Feuerlöschgeräte genutzt hatte, diente es seit September 1943 als Lagerraum eines Bad Neustädter Unternehmens. 1939 ging die Mikwe in den Besitz der Reichsvereinigung der Juden über.

1950 erwarb die Gemeinde Unsleben die ehemalige Synagoge von der JRSO für 8.400 DM und richtete dort das „Haus der Bäuerin“ ein. Ein Jahr später, 1951, kaufte Peter Geis das Mikwehäuschen mit dem dazugehörigen Grundstück und brach das Gebäude wegen Baufälligkeit ab. Seit 1989/1990 dient die ehemalige Synagoge mit der vormaligen Fruchtscheune unter dem Namen „Dorfscheuer“ als Kulturzentrum. 2007 wurde in der Nähe der ehemaligen Synagoge ein Mahnmal errichtet, das die Namen von 17 jüdischen Unslebenern nennt, die Opfer der Shoa wurden. Im September 2020 wurde in Zusammenarbeit mit dem DenkOrt Deportationen Würzburg ein Mahnmal in Form eines Gepäckstücks enthüllt. Ein identisches Gegenstück ergänzt den Denkort auf dem Würzburger Bahnhofsplatz.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Schlossgasse 10, 97618 Unsleben

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Cornelia Berger-Dittscheid: Unsleben. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 875-907.