Jüdisches Leben
in Bayern

Wiesenfeld Gemeinde

Erstmals berichtet ein Protokoll des Dorfgerichts aus dem Jahr 1630 über einen Juden namens Aaron und dessen Sohn Isaac. 1655 verzeichnete das Amt Karlstadt vier jüdische Haushalte mit 20 Personen im Ort. Dabei handelte es sich um einen Vieh- und Kramhändler mit Familie sowie drei vermögenslose Haushalte, von denen zwei Schutzgelder an die Voit zu Rieneck zahlten. 1675 wurden nur noch zwei jüdische Familien erfasst, die unter dem Schutz der Freiherren von Hutten zu Steinbach standen. Sie wohnten im Huttischen Schloss in Wiesenfeld, mussten aber auch an das Hochstift Würzburg Abgaben leisten. Beide Haushalte bestritten ihren Lebensunterhalt durch Hausieren.

Bis 1700 hatte sich die jüdische Bevölkerung auf 14 Familien mit rund 60 Mitgliedern vergrößert. Sie unterstanden den verschiedenen Grundherren des Ortes: Dem Hochstift Würzburg, den Freiherren von Hutten, den Gopp von Moritzeck und dem Würzburger Juliusspital. 1740 wurden 16 jüdische Familien als Hutten´sche Schutzjuden im Dorf verzeichnet. Unter dem Schutz des Hochstifts standen im 18. Jahrhundert ein bis zwei jüdische Haushalte.

Das königlich-bayerische Distriktskommissariat Karlstadt registrierte 1814 in Wiesenfelden 22 jüdische Familien mit insgesamt 110 Personen. Da ihnen der Kauf von Immobilien verboten war, wohnten sie weiterhin zur Miete in den "Judenhäusern", die den Freiherren von Hutten gehörten. 1817 wurden für den Ort 25 Matrikelstellen festgelegt. Diese Anzahl von 25/26 jüdischen Familien blieb bis über die Jahrhundertmitte konstant. Die meisten israelitischen Haushalte verdienten sich damals ihren Lebensunterhalt mit Vieh- und Textilhandel; daneben gab es noch vier Schlächter, einen Landwirt, je einen Spezerei- und Kramwarenhändler, sowie einen Lumpensammler und einen Geldverleiher. Die IKG Wiesenfeld gehörte dem Rabbinatsbezirk Würzburg an und bestatte seine Toten auf dem Verbandsfriedhof in Laudenbach.

Das Patrimonalgericht Steinbach beurteilte 1817 die Finanzlage der Kultusgemeinde Wiesenfeld als zu unvermögend, um das Gehalt für einen staatlich geprüften Lehrer aufzubringen. Deshalb wurde erlaubt, dass ein ungeprüfter Religionslehrer, der zugleich als Vorsänger und Schächter angestellt war, die Kinder unterrichtete und für die Judenschaft arbeitete. Den Elementarunterricht besuchten die jüdischen Jugendlichen in der katholischen Volksschule Wiesenfeld.

Um den staatlichen Vorschriften zu genügen, hat man 1828 auf dem Grundstück Haus-Nummer 135 (heute Kirchberg 3) ein kleines quadratisches Häuschen mit Satteldach erbaut, in dem sich eine neue Mikwe mit Heizkessel und Wasserpumpe befand. 1841 wurde nördlich des Ritualbades ein älteres Haus angekauft, um es künftig für den Religionsunterricht und als Lehrerwohnung zu nutzen. Nachdem 1867 die Decke des Unterrichtsraumes eingestürzt war, plante die Kultusgemeinde die Renovierung und eventuelle Erweiterung dieses Hauses zu einer Israelitischen Elementarschule. Da die Darlehensschulden für den 1863 abgeschlossenen Synagogen-Neubau jedoch noch nicht abgetragen waren, gestaltete sich die Finanzierung dieses Vorhabens als schwierig und konnte erst 1873 zufriedenstellend gelöst werden. Durch einen kleinen Anbau bot das Haus nun Platz für bis zu 36 Schüler und zusätzliche Aborte. Es diente weiterhin ausschließlich als Religionsschule. 

Differenzen mit der christlichen Einwohnerschaft, v.a. die zugesprochene Teilhabe an den Gemeinderechten (etwa der Bezug von Holz aus dem Gemeindewald) und auch persönliche Streitigkeiten führten in den Jahren 1863, 1865, 1866 und 1880 wiederholt zu antisemitischen Anschlägen. Dabei kam es zu zahlreichen Beschädigungen jüdisches Eigentums und zu tätlichen Übergriffen. Das zuständige Bezirksamt verstärkte den Polizeischutz und forderte eine konsequente Verfolgung der Täter, so dass diese Tumulte letztlich beigelegt werden konnten. Nach Aufhebung des Matrikel-Paragraphen im Judenedikt 1861 und der zehn Jahre später erfolgten Gleichberechtigung durch die neue Reichsverfassung siedelten immer mehr Jüdinnen und Juden aus Wiesenfeld in die Großstädte um. Dort bot das Leben für sie mehr Komfort und größere berufliche Chancen. Bis zum Jahr 1900 reduzierte sich daher die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde um rund die Hälfte auf 66 Personen.

Aus der Kultusgemeinde wurden 16 Juden im Ersten Weltkrieg einberufen. Neun von ihnen hat man mit einer Auszeichnung bedacht; ein jüdischer Soldat musste sein Leben lassen. Die politische Gemeinde ehrte 1930 den 1860 in Wiesenfeld geborenen Textilgroßhändlers Josef Schloßmann mit einer Tafel an seinem Elternhaus (Haus-Nr. 72, 1978 abgerissen; heute Schlossmannsgasse 5) und der Benennung der Straße nach ihm. Schlossmann wurde 1943 im Ghetto Theresienstadt ermordet.

Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 lebten 55 Jüdinnen und Juden in Wiesenfeld. Noch ein halbes Jahr vor dem Novemberpogrom konnte die Kultusgemeinde am 27. Februar 1938 das 75-jährige Bestehen ihrer Synagoge feiern.

Am Morgen des 10. November 1938 trafen SA-Männer des Lohrer Reservesturms im Dorf ein. Da der Bürgermeister und der Gemeindeschreiber schon zuvor telefonisch durch den SA-Hauptsturmführer aus Lohr informiert worden waren, dass "eine Aktion gegen die Juden vorzunehmen und alles zu zertrümmern" wäre, hielten sie sich auf Dienstgängen außerhalb des Ortes auf und waren nicht anzutreffen. Der SA-Trupp musste daher Einheimische um Auskunft bitten, wo die jüdischen Häuser lagen. Dann brachen sie zwölf Häuser auf, stahlen Wertgegenstände, zerstörten die Einrichtungen, vernichteten alle Vorräte und malträtierten die Bewohner. Auf der Straße versammelten sich einheimische Zuschauer, von denen aber niemand den Mut aufbrachte, um einzugreifen. Auch die Handelswaren der jüdischen Kaufleuten wurden entweder entwendet oder kaputt geschlagen. Am Nachmittag drangen die SA-Leute in die Synagoge ein und verwüsteten sie vollständig. Auch das Ritualbad und die Religionsschule wurden demoliert. Am Abend wurden alle jüdischen Männer verhaftet und in das Karlstadter Gerichtsgefängnis gefahren. Einige von ihnen hat man von dort in das Konzentrationslager Dachau überführt und erst Wochen später wieder entlassen. In den Monaten vor und nach dem Novemberpogrom gelang es noch einigen jüdischen Wiesenfeldern ins sichere Ausland zu fliehen.

Von 1939 bis Januar 1942 lebten rund 25 Jüdinnen und Juden im Dorf. Sie alle wurden bis Ende September 1942 in die Vernichtungslager im Osten deportiert und 22 von ihnen dort grausam ermordet. Insgesamt starben 44 ehemalige jüdische Mitbürger aus Wiesenfeld in der Shoah.

1951 wurde am Landgericht Aschaffenburg die Hauptverhandlung gegen die Täter der Ereignisse des Novemberpogroms in Wiesenfeld und Lohr eröffnet. Drei der Angeklagten hat man zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und acht Monaten verurteilt; zehn der Angeklagten aufgrund des 1949 erlassenen Amnestiegesetzes freigesprochen.

Das einstige jüdische Schulhaus, das Ritualbad (heute Garage) und auch die zum Kulturzentrum umgewandelte ehemalige Synagoge sind bis heute erhalten. 2010 wurden, initiiert vom Arbeitskreis „Stolpersteine“ der Volkshochschule Karlstadt, im Dorf 22 von Paten gestiftete Gedenksteine im Pflaster vor den einstigen Häusern jüdischer Bewohner verlegt. Sie erinnern damit an die im Holocaust ermordeten Wiesenfelder Mitbürger. Die Kommune Wiesenfeld beteiligte sich an der Initiative DenkOrt Deportationen und stellte als Mahnmal die Skulptur eines Koffers auf, der an die deportierten Opfer der Shoah erinnert. Ein Gegenstück erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Wiesenfeld. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 359-380.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 223.