Jüdisches Leben
in Bayern

Weimarschmieden Gemeinde

Bereits 1731 lebten Schutzjuden in Weimarschmieden. 1798 erteilte ein Naphtali Ottensoser in der Gemeinde Religionsunterricht und wirkte auch als Chasan und Schochet. Sein im Ort geborener Sohn Lazarus Ottensoser (1798-1876) wurde später selbst ein anerkannter Rabbiner. 1804 zählte die jüdische Gemeinde 66 Personen. 13 Jahre später lebten 17 Familien vor allem vom Handel mit Schnittwaren: Die Witwen Schwab und Schwarz, Joseph Levi Schwab, Moses Levi Schwab, Abraham Maier Mühlfelder, Samuel Salomon Nussbaum, Moses Salomon Nussbaum, Michel Moses Schmitt, Haium Hirsch Stuttgart, Heskel Löser Schnell, Maier David Stern, Rifke, Witwe von Levi Grünstein, Feibel Levi Ansbacher, Moses Abraham Goldschmidt, Nehm Moses Goldschmidt, Mendel Alexander Dessauer, Jacob Levi Schuster und Gudel.

Ein Beispiel für die Integration der Weimarschmiedener Juden in die nichtchristliche Gesellschaft aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liefert der Nachruf auf David Nußbaum, der am 27. Oktober 1875 in der Zeitschrift "Der Israelit" erschien. Laut dem Artikel war Nußbaum, der zwanzig Jahre als Kultusvorsteher der israelitischen Gemeinde wirkte, auch 24 Jahre Mitglied der Gemeindeverwaltung und zwölf Jahre Beigeordneter des Bürgermeisters. An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war vermutlich zeitweise (in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) ein eigener Lehrer angestellt, der zugleich als Chasan und Schochet tätig war, darunter der liberale und reformorientierte Simon Hecht (1825/28-1908). Später wurden die jüdischen Kinder der Gemeinde durch auswärtige Lehrer unterrichtet. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1840 bis 1892/93 zum Rabbinatsbezirk Gersfeld (Hessen), danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen.

Während des 19. Jahrhunderts nahm die jüdische Bevölkerung in Weimarschmieden kontinuierlich ab. Um die für den Gottesdienst nötigen zehn religionsmündigen Männern versammeln zu können, wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Juden aus dem benachbarten Willmars eingeladen. Beispielsweise wurde der 1886 in Willmars geborene Max Strauß als Schüler von seinem Lehrer Leopold Anfänger mit zwei oder drei Klassenkameraden zu hohen Feiertagen nach Weimarschmieden geschickt, um dort den Minjan zu ermöglichen. 1910 gehörten zur Weimarschmiedener Kultusgemeinde nur noch acht Personen. Sieben Jahre später, vor dem September 1917, verzogen die letzten jüdischen Weimarschmiedener Nathan Nußbaum und Sophie Nußbaum nach Mainstockheim. Den Unterhalt des Weimarschmiedener Judenfriedhofs regelte schließlich ein Kompromiss mit der jüdischen Kultusgemeinde Willmars. Bereits 1933 gaben die Parteiverantwortlichen der NSDAP bekannt, dass Weimarschmieden "judenfrei" sei. Während der Schoa kamen fünf in Weimarschmieden geborene oder wohnende Jüdinnen und Juden um: Regina Brandus geb. Grünstein, Regina Gutmann geb. Goldschmidt, Berta Nußbaum, Seli (Sali) Nußbaum und Emma Strauß geb. Nußbaum.


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Johannes Sander: Willmars mit Weimarschmieden und Friedhof Neustädtles. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 908-933.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 134.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 234.