Biografien
Menschen aus Bayern

Lazarus (Elieser) Ottensoser Rabbiner, Gründer der Isr. Präparandenschule Höchberg

geboren: 1798, Weimarschmieden
gestorben: 1876, Höchberg

Wirkungsort: Höchberg

Lazarus (hebr. Elieser) Ottensoser entstammte einer Rabbinerfamilie. Während des Übergangs von der klassischen, orthodoxen jüdischen Bildung hin zum staatlich kontrollierten und formalisierten Unterrichtswesen lernte Ottensoser bei seinem Vater und besuchte anschließend die Jeschiwa in Fürth. Nach ersten Stationen in Scheinfeld und Aub musste sich Ottensoser der königlichen Prüfungskommission stellen, ehe er eine Lehrbefugnis durch den Landesrabbiner Abraham Bing erhielt. Als Ortsrabbiner in Höchberg gründete er 1849 eine eigene Jeschiwa, die wegen ihres qualitätsvollen Unterrichts 1861 zur international bedeutenden Präparandenschule für angehende jüdische Lehrer und Rabbiner umgewandelt wurde. Rabbiner Lazarus Ottensoser leitete die Schule bis zu seinem Lebensende; sein persönliches Ansehen sicherte der Schule großzügige Stiftungen. Erst 1931 wurde sie mit der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg zusammengelegt und 1938 geschlossen.

Lazarus (Eliser) war der Sohn des Rabbiners Naphtali Ottensoser, der in Weimarschmieden lehrte und später mitsamt Frau und Kindern nach Kleineibstadt zog, um dort den Cheder (Religionsschule) zu übernehmen. Daher wird in der Literatur zuweilen Kleineibstadt als Geburtsort von Lazarus Ottensoser angenommen. Lazarus erhielt wohl bei seinem eigenen Vater eine orthodoxe Schulbildung, denn die neuen Vorgaben zum Unterrichtswesen im Bayerischen Judenedikt 1813 wurden erst eingeführt, als Lazarus bereits das Mannesalter erreicht hatte. Nach dem Cheder besuchte er die angesehene Jeschiwa in Fürth, um die Familientradition fortzuführen und sich dem Tora- und Talmudstudium zu widmen. Er begann sein Wirken als Melamed (Religionslehrer) in Scheinfeld, dann wurde er von 1821 bis 1828 Dajan (Unterrabbiner) in Aub. Als die IKG Höchberg die Stelle eines besoldeten Ortsrabbiners einrichtete, besetzte sie die Stelle mit Lazarus Ottensoser. Nun griffen die neuen staatlichen Vorgaben, und Lazarus Ottensoser musste sich einer königlich-bayerischen Prüfungskommission stellen. Erst danach bestätigte ihm der orthodox-konservative fränkische Landesrabbiner Abraham Bär Bing (1752-1841) die wissenschaftliche Qualifikation als Rabbiner, und Ottensoser konnte im Jahr 1849 seine eigene Jeschiwa gründen.

Da die Jeschiwa von Rabbiner Lazarus Ottensoser bald einen hervorragenden Ruf weit über Bayern hinaus genoss, hatte sie schon nach nach wenigen Jahren ständig 20 bis 25 junge Studenten. Die Einrichtung lebte übrigens ganz von Spenden; die Schüler hatten keine Gelder für Unterkunft, Verpflegung oder Studium zu bezahlen. Im Jahr 1861 wurde die Jeschiwa auf Anregung von Rabbiner Seligmann Bär Bamberger in eine "Israelitische Lehrerbildungs-Vorbereitungsanstalt" für angehende (Religions-)Lehrer und Rabbiner umgewandelt. Mit der Billigung der Regierung von Unterfranken konnte die Präparandenschule 1863 erste Anstaltsstatuten und einen staatlich geprüften Lehrplan vorlegen. Die erfolgreich abschließenden Schüler wurden seit 1864 in die bayerische Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg beziehungsweise je nach Herkunft in andere Lehrerseminare zugelassen. Bereits 1865 konnte Lazarus Ottensoser mit der Unterstützung des Kaufmanns Samuel Eldod ein neues Schulgebäude einweihen, in dem seine Schüler lebten und lernten (Sonnemannstraße 15). Auch während der preußischen Besatzung im Deutschen Bruderkrieg 1866 ging der Lehrbetrieb trotz aller Widrigkeiten weiter. In Ottensosers letzten Lebensjahren wurde die Schule von fast 40 Schülern besucht. Es unterrichteten drei fest angestellte Lehrer in unterschiedlichen Fächern. Nach seinem Tod übernahmen die nachfolgenden Rabbiner von Höchberg auch die Leitung der Präparandenschule. In den 1920er- und 1930er-Jahren besuchten bis zu 60-70 Schüler die Schule, unterrichtet von bis zu 6 bis 7 Lehrern. Die Schule war dadurch attraktiver geworden, da für angehende Kaufleute auch eine fundierte Ausbildung in der Handelslehre möglich war, verbunden mit einer Ausbildung in den Traditionen des Judentums. Die Schule bestand in Höchberg bis 1931, wurde in diesem Jahr nach Würzburg verlegt und mit der ILBA verbunden. Trägerin der Präparandenschule blieb jedoch die Lazarus-Ottensoser Stiftung. Die Nationalsozialisten schlossen diese Institution im Jahr 1938, der letzte Seminardirektor Jakob Stoll musste ins Ausland fliehen.

Heute ist das denkmalgerecht renovierte Gebäude der ehem. Präparandenschule in Höchberg ein kommunales Dokumentationszentrum mit einer kleinen Dauerausstellung.


(Patrick Charell)

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1879


"Höchberg. Es sind schon über 2 ½ Jahre verflossen, seitdem Ihr geschätztes Blatt von der hiesigen Talmud-Tora-Schule berichtete. Da sich aber unter den verehrlichen Lesern dieses Blattes gar Manche befinden, die sich für diese vom weltberühmten [sic] Rabbi Elieser – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen – begründete Anstalt interessieren dürften, erlaube ich mir im Folgenden Einiges über dieselbe zu berichten. Die Anstalt – von der hohen Königlichen Regierung den übrigen Präparandenschule des Landes gleichgestellt – wird gegenwärtig von 39 Jünglingen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands besucht.

Der Unterricht derselben umfasst in den Religionsgegenständen, Schriften, Propheten, Pentateuch mit Raschi, Grammatik, Gemara, Mischna, Chai Adam, in den profanen Fächern alle Diejenigen, welche für eine bayerische Präparandenschule vorgeschrieben sind. Derselbe wurde bisher von 2 ständigen Lehrern und einem Hilfslehrern erteilt. Da sich jedoch in den letzten Jahren sowohl die Schülerzahl als auch der Unterrichtsstoff vermehrte, so zeigte sich das Bedürfnis eines dritten ständigen Lehrers und ist es nun dem geehrten Vorstande gelungen, für diesen Posten einen bewährten Lehrer in der Person des Herrn Eldod in Kleinerdlingen zu gewinnen. Während die jüngste Jahresprüfung – wie in den Vorjahren – ein recht gutes Resultat ergab, traten mit Beginn des jüngsten Semesters 6 Zöglinge in die israelitische Lehrerbildungsanstalt zu Würzburg über. Für die Leistungen der Anstalt mag folgende Tatsache sprechen, dass sämtliche jüdischen Lehrer, die seit dem Jahre 1872 die Austrittsprüfung am königlichen Schullehrerseminare zu Würzburg mit der Hauptnote I bestanden, an hiesiger Anstalt ihre Vorbereitung erhielten.

Seit ihrem Bestehen erhalten sämtliche Zöglinge unentgeltlichen Unterricht, ebenso auch freie Beheizung und Beleuchtung, wie auch teilweise unentgeltliches Logis und freie Bücherbenützung, wogegen die ärmeren Zöglinge eine monatliche Unterstützung von Mark 200 aus der Anstaltskasse erhalten. Seit seiner Gründung sind dem Beit HaMidrasch schon über 100 Stiftungen teils zu 100, 200 und 500 Gulden zugewandt worden, wogegen es die Verpflichtung übernommen, am 'Jahrzeitstage' der Stifter Schiur, Kaddisch etc. zu besorgen. Auch wurde der Anstalt in den jüngsten Jahren eine reichhaltige Bibliothek zugewandt und besitzt sie nun eine sehr große Büchersammlung jüdischer, wie auch eine angehende profane Literatur. Auch Lehrmittel für Naturgeschichte und Geographie, als Skelette, Abbildungen, Globen, Tellurium etc. sind zahlreich vorhanden.

Am 29. Januar dieses Jahres unterwarf der königliche Seminarinspektor und Kreisscholarch, Herr J. N. Huber, die Anstalt einer außerordentlichen Visitation, wohnte dem Unterrichte während zweier Stunden bei und sprach sich infolge seiner Wahrnehmungen dahin aus, dass die Anstalt in Höchberg allen Anforderungen entspricht, welche an eine bayerische Präparandenschule gestellt werden."


GND: 129708151