Im Hochmittelalter existierte eine kleine jüdische Gemeinde in Vilsbiburg. Ihr Siedlungszentrum innerhalb der planmäßig angelegten Wittelsbacher Stadtgründung lag im Süden, wo noch im Jahr 1804 ein kurzer Weg zwischen dem Unteren Tor und der Ringmauer als "Judengasse" bezeichnet wurde (heute Parkplatz Löchl). In dieser Gasse stand laut einer Verkaufsurkunde von 1486 ein Anwesen mit dem Hausnamen "Judenhaus", bei dem es sich vielleicht um das ehemalige Gemeinde- und Schulhaus handelte. Bislang belegt jedoch nur eine bekannte Urkunde die Existenz der Gemeinde: Am 19. August 1337 sandte der Regensburger Bischof Nikolaus von Ybbs (1313-1340) seinem Vilsbiburger Pfarrer eine Anklage gegen die örtlichen Juden ("Judeis"), weil sie angeblich Vermögen des Hochstifts geraubt hatten. Obwohl es sich dabei um eingezogene Pfänder des Ulrich von Pinkhofen handelte, bestand Bischof Nikolaus auf die Herausgabe. Sollte der Pfarrer in diesem Auftrag scheitern drohte ihm der Kirchenbann, über den Ausgang des Streits ist jedoch nichts bekannt. Die mittelalterliche Gemeinde wurde laut dem Nürnberger Memorbuch im Jahr 1338 durch ein Pogrom vernichtet, das als Nachläufer der Armleder-Verfolgung von Deggendorf ausging. Von 1551/53 bis zum Bayerischen Judenedikt 1813 war es Juden in ganz Altbayern verboten, sich niederzulassen oder ein Geschäft zu betreiben. Nachweislich in den Jahren 1824/25, 1831 und 1835/36, aber wohl auch später besuchten jüdische Händler als "Fieranten" (Wanderhändler) tageweise die Märkte in Vilsbiburg. Erst ab dem späten 19. Jahrhundert leben wieder vereinzelt jüdische Personen in der Stadt, eine Gemeindestruktur entstand jedoch nicht mehr. (Patrick Charell)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 347.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 69.
- Marianne Popp (Bearb.): Das Handbuch der Kanzlei des Bischofs Nikolaus von Regensburg (1313-1340). In: Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaft (Hg.): Quellen zur Erörterung zur bayerischen Geschichte. Neue Folge, Bd. XXV. München 1972, S. 234 / Urkunden Nummer 162. // Signatur: Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Hochstift Literale, Regensburg 2, fol. 95 (19.08.1337).
- Archiv des Heimatvereins Vilsbiburg, Markt F03 1062 (09.01.1831).
