Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Vestenbergsgreuth ist seit dem 18. Jahrhundert belegt, wobei der erste Nachweis (eine Vereinbarung zur Nutzung des Verbundfriedhofs in Schornweisach) aus dem Jahr 1712 stammt. Seit 1761 wurden die verstorbenen in Aschbach bestattet. Seit 1756 war die Nürnberger Patrizierfamilie Holzschuher im Besitz des Ritterguts und stellte Schutzbriefe nachweisbar seit 1774 aus. Das Geographische Statistisch-Topographische Lexikon von Franken (1804) erwähnte die Farbenfabrik von Peter August Kunzmann, "woran sowohl Christen als dasig wohnende Juden ihren Unterhalt finden". 1812 lebten 60 jüdische Personen im Ort. Ebenfalls 1812 wurde der "abwesende Kantonist" Hirsch Elias aus Vestenbergsgreuth aufgefordert, sich bei den Behörden zu melden.
Die Matrikelaufstellungen der 1820er Jahre umfassen zwanzig Stellen. Die jüdische Gemeinde dürfte also zu dieser Zeit etwa 80 Personen umfasst haben. Als Erwerbstätigkeiten sind angegeben: Handel mit Schnittwaren, Hausierhandel mit Schnittwaren, Handel mit Schnittwaren in offenem Laden, Landarbeit, Handel mit alten Kleidern, Eisenwarenhandel, Ökonomie und Spezereiwarenhandel in offenem Laden. Eine Matrikelstelle besass auch der 1778 geborene Moses Abraham Kuhn, der als Erwerbstätigkeit den Hausierhandel mit Schnittwaren angegeben hatte.1824 eröffnete das Freiherrlich von Holzschuherische Patrimonialgericht das Konkursverfahren über ihn. Bemerkenswert ist, dass es im Ort mit David Loew Buxbaum (geb. 1767, Schutzbrief 1800) und Michael Loeb Lehmann (geb. 1763, Schutzbrief 1786) zwei Händler mit optischen Waren und zwei weitere Optiker gab. Der 1754 geborenen Abraham Ascher hatte seit 1801 einen Schutzbrief im Ort. In der Matrikelaufstellung wird seine Erwerbtätigkeit als optischer Warenhandel angegeben. In einer Werbeanzeige im Königlich Bayerisches privilegirtes Intelligenz-Blatt für den Ober-Mainkreis warb Ascher, der sich als "Opticus" bezeichnete, beim Adel und Bürgertum für sein Augen-Gläser. Ascher bereiste bereiste die größeren Städte und annoncierte seinen jeweiligen Aufenthalt, wie hier in Bayreuth, in den überregionalen Blättern.
Ein weiterer Optiker aus Vestenbergsgreuth, J. Haselbacher, hatte auf der Nürnberger Messe auf dem Hauptmarkt einen eigenen Stand. Er warb in einer Nürnberger Zeitung 1826 mit seinen geschliffenen zylindrischen Augengläser, wobei er vorher mit einem mathematischen Augenmesser die erforderliche Linsenstärke messen würde. Er war möglicherweise verwandt mit Isaak David Hasselbacher (geboren 1792), der seit 1822 eine Schutzstelle besaß und hier als Erwerbszweig Ökonomie angab. 1829 wurde über Isaak Hasselbacher ein Konkursverfahren eröffnet. Der Bericht des Unterstützungsvereins für israelitische Ackerbau- und Handwerkslehrlinge in Bayern führte für das gesamte Landgericht Höchstädt für 1843/1844 80 Handwerker auf. Davon entfielen auf Vestenbergsgreuth acht Handwerker, dazu auch zwei Optiker. Diese könnten mit Ascher und Haselstein identisch sein. 1827 betrug die Einwohnerzahl von Vestenbergsgreuth 325 Einwohner, wobei in der Geographisch-statistische Beschreibung des Ober-Mainkreises als Besonderheit neben dem Schloss auch die Synagoge genannt wurde.
1830 bestand die jüdische Gemeinde aus 70 Personen bei einer Einwohnerzahl von 475 Personen, wie ein zeitgenössisches Lexikon mitteilte. Die Gemeinde bestattete ihre Toten nun auf dem jüdischen Friedhof in Burghaslach. Bei der Errichtung des Rabbinatsbezirks Adelsdorf 1825 erhob die jüdische Gemeinde in Vestenbergsgreuth Einwendungen bei der Regierung des Obermainkreises. Diese Beschwerde wurde vom Innenministerium zurückgewiesen, da ansonsten die zumutbaren Entfernung zu groß und die Zahl der einzelnen Gemeinde unverhältnismäßig sei. Im Jahr 1847 versuchte die in Vestenbergsgreuth geborene Zirla Heimann von dem ledigen Büttnergesellen Ignaz Lippmann, dem Vater ihres unehelich geborenen Kindes Salomon, Unterhaltszahlungen über das Kreis- und Stadtgericht Würzburg einzufordern. Die Frau war möglicherweise verwandt mit Elias Haium Heimann und lebte zu dieser Zeit in Würzburg. 1854 wurde in der Neuen Münchener Zeitung das Auswanderungsgesuch der ledigen Rebekka Kohn aus Vestenbergsgreuth nach Nordamerika veröffentlicht. Vor einer Bewilligung sollten eventuelle Gläubiger ihre Ansprüche geltend machen können. In diesen Jahren dürfte sich die Zahl der Gemeindemitglieder durch Wegzug oder Auswanderung stark verkleinert haben. 1868 soll die Zahl der Gemeindemitglieder gemäß der Ausgabe von Bavaria noch 47 Personen bei einer Gesamteinwohnerzahl von 340 Personen betragen haben. Diese Angabe erscheint allerdings viel zu hoch gegriffen. In den Jahrbüchern des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes der 1880er Jahre wird Vestenbergsgreuth nicht mehr aufgeführt. Dies macht eine Auflösung der Gemeinde in den 1870 Jahren wahrscheinlich. Von den in Vestenbergsgreuth geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen ist Emanuel Himmelreich (geb. 1883 in Vestenbergsgreuth), später in Frankfurt wohnhaft, 1942 deportiert und ermordet worden.
(Wolfgang Jahn)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital: (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 150.
