Jüdisches Leben
in Bayern

Steppach Gemeinde

Der früheste Nachweis einer jüdischen Familie in Steppach, welches zur Markgrafschaft Burgau gehörte, datiert von 1570: Ein jüdischer Bankier namens David aus Steppach forderte von Erzherzog Ferdinand die Beschlagnahmung von Liegenschaften beim Schlipsheimer Schloss als Sicherheit seiner Forderungen. Die Steppacher Ansiedelung ist möglicherweise als Folge der durch das Hochstift Augsburg erzwungenen Abwanderung aus Oberhausen erfolgt. Die jüdischen Familien hatten dabei ein "Sitzgeld" an die Ortsherrschaft, das Schutzgeld an den Markgrafen sowie weitere Geldablösungen zu bezahlen. Ein Pfarrprotokoll von 1622 berichtet von drei oder vier Häusern, die von jüdischen Familien bewohnt wurden und die getrennt von den christlichen lagen.

Zwischen 1646 und 1662 wird die Errichtung eines Ritualbads (Judendauch oder Judendeich) vermutet. Mit dem Herrschaftsübergang an die Grafen Arco 1686 wird die jüdische Gemeinde zahlenmäßig fassbarer. Um 1700 lebten siebzehn Familien in sechs Häusern, davon wohnten in einem Haus sieben Familien. Die Unmöglichkeit, weiteren Hausbesitz zu erwerben, führte zu gettoartigen Zuständen. Die meist zweistöckigen Häuser wurden durch verschiedene Wohnparteien immer mehr geteilt und als Kommun-Häuser bezeichnet. 1765 lebten bereits 23 Haushalte in den Häusern, die meist entlang der heutigen Alten Reichsstraße lagen. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnten die jüdischen Familien neue Häuser entlang der Ulmer Straße bauen. Eine Aufstellung aus den 1830er Jahren zeigt zum Teil noch Viertel-, Fünftel- und Achtel-Anteile an einzelnen Häusern. Um 1800 schätzte das Geographisch statistisch-topographische Lexikon die jüdische Gemeinde auf 80 Personen. Für Steppach und Pfersee war das Rabbinat Augsburg-Kriegshaber zuständig, wo auch die Verstorbenen aus Steppach beerdigt wurden.

Vor Ort gab es in Personalunion einen Vorsänger, Schächter und Gemeindeverpflichteten. 1826 wurde in Anwesenheit des Bezirksrabbiners Aaron Guggenheimer mit Stimmenmehrheit Abraham Kohn als Nachfolger seiner Vaters Isaak Löb Kohn gewählt.

Steppach besaß zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Volksschule für den gemeinsamen Unterricht von Christen und Juden. Der Pfarrer als Lokalschulinspektor urteilte 1828: "Durch die Vereinigung der beiden Schulen haben die Kinder sich aneinander so angewöhnt und leben in solcher Eintracht, daß man fast keinen Unterschied der Religion bemerkt". Die jüdische Seite befürwortete 1837 das Modell mit dem Argument, es sei eine "ganz zeitgemäße Anforderung der Israeliten, endlich einmal in staatsbürgerlicher Beziehung sich den Christen gleichgestellt zu sehen". Eine Trennung erfolgte erst 1847.

Die jüdische Gemeinde umfasste 1840 208 Mitglieder bei einer Gesamtbevölkerung des Ortes von 589 Personen. Aber bereits 1867 wohnten nur noch 95 Juden und 1885 noch neun Juden in Steppach bei einer gleichbleibenden Bevölkerung. 1873 wurde die Steppacher Gemeinde in die IKG Augsburg eingegliedert. Das Vermögen der sechzehn bestehenden Stiftungen in der Höge von 3295 Gulden, 3950 Gulden in Bar und das Synagogengebäude ging an die Augsburger Gemeinde.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Schlipsheim. In: Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 1: Aach – Groß-Bieberau. Gütersloh 2008, Sp. 183.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 40.
  • Peter Fassl (Hg.) / Doris Pfister (Bearb.): Dokumentation zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben, Bd. II. Hausbesitz um 1835/40. Augsburg 1993, S. 181-184.
  • Gerhard Hetzer: Anmerkungen zur Geschichte der Judensiedlungen in Steppach und Schlipsheim. In: Neusäß. Die Geschichte von acht Dörfern auf dem langen Weg zu einer Stadt. Neusäß 1988, S. 239-260.
  • Reinhard H. Seitz: Stetebach - Steppach 1150 - 1848. In: Gemeinde Steppach (Hg.): Steppach bei Augsburg. Beiträge zur Ortsgeschichte. Steppach 1978, S. 25-54, hier S. 40-43.
  • Reinhard H. Seitz: Die einstige jüdische Religionsgemeinde zu Steppach. In: Gemeinde Steppach (Hg.): Steppach bei Augsburg. Beiträge zur Ortsgeschichte. Steppach 1978, S. 107-112.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 214.