Jüdisches Leben
in Bayern

Segnitz Gemeinde

Die Dorfherrschaft in Segnitz teilten sich die Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach als Rechtsnachfolgerin der säkularisierten Benediktinerabtei Auhausen und die reichsritterschaftliche Familie der Zobel von Giebelstadt, die das vom Hochstift Würzburg vergebene Lehen von den Herren von Ehenheim übernommen hatten. Bereits im 16. Jahrhundert lebten Juden in Segnitz. 1620 wird der Segnitzer Jude Haim erwähnt, als der Zobelsche Schultheiß vorschlägt, sich mit den Herren von Seinsheim und von Seckendorff, die über das benachbarte Marktbreit die Ortsherrschaft ausüben, darauf zu verständigen, Haims Waren zu denselben Bedingungen wie die Waren der in Marktbreit ansässigen Juden zu verzollen.

Auf die Präsenz von Juden in Segnitz im 18. Jahrhundert verweisen drei Muschelkalksäulen an den Ortsausgängen nach Sulzfeld, Zeubelried/Erlach und Frickenhausen. Im Original erhalten hat sich die auf 1784 datierte Säule Richtung Sulzfeld. Die in Segnitz als "Judenschranken" bezeichneten, wohl mit Eruvdrähten verbundenen Säulen, die Dorfmauer und der Main, sollten Segnitz symbolisch zu einem einheitlichen Anwesen verschmelzen und es den Juden ermöglichen, auch am Sabbat kleinere Lasten zu tragen, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. Im 18. Jahrhundert lebten in Segnitz deutlich mehr Zobelsche als markgräfliche und später preußische Schutzjuden in Marktbreit: Die Zahl der Zobelschen Schutzjuden stieg von 17 im Jahr 1769 auf 47 knapp dreißig Jahre später, während 1797 nur 19 preußische Schutzjuden in Segnitz lebten. 1848 leben 79 Juden in Segnitz, die hauptsächlich mit Wein handelten. Nach der Aufhebung des bayerischen Matrikelparagraphen nahm ihre Zahl schnell ab, so dass 1869 nur noch 25 Juden in Segnitz wohnten. Viele Juden zogen über den Main nach Marktbreit oder in andere größere Städte. 

Dass die jüdische Präsenz in Segnitz seit der Jahrhundertmitte für rund drei Jahrzehnte dennoch deutlich zunahm, geht auf das Wirken einer einzelnen Persönlichkeit zurück. 1830 stellte die Kultusgemeinde den Lehramtskandidaten Julius Brüssel als Lehrer an, der bis 1855 in Segnitz als Pädagoge wirkte und weit über die Grenzen der Region hinaus Beachtung fand. Das 1848 von ihm gegründete "Brüssel’sche Handelsinstitut", das gleichermaßen religiöse Bildung und praxisnahe Kenntnisse in den kaufmännischen Disziplinen, Sachfächern und Sprachen vermittelte, zog Schüler aus ganz Europa an. Das als "Cours" (frz. Hof) bezeichnete Stammgebäude des Handelsinstituts lag in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge und schloss mit dem Eckturm den Segnitzer Mainprospekt ab. Die zweigeschossige Schule steht auf einem hohen Bruchsteinsockel, um vor Hochwasser geschützt zu sein. Schulräume und Quartiere für Internatsschüler waren in mindestens fünf Häusern des Ortes untergebracht. Nach Brüssels Tod 1855 übernahm sein Schwiegersohn Dr. Simon Levi Eichenberg die Leitung des Instituts. Von 1882 bis 1885 gehörte Eichenberg dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Segnitz an und engagierte sich auch dafür, dass Segnitz und Marktbreit durch den Bau einer Brücke über den Main verbunden wurden.

1875 ging die Leitung des Instituts an Samuel Spier über, der bereits von 1862 bis 1864 in Segnitz unterrichtet hatte. Obwohl der überzeugte Sozialist sich vom liberal-religiösen und später freireligiösen Juden zum Atheisten entwickelt hatte, kam es nicht zu Konflikten mit seinen orthodoxen Kollegen im Institut. Spiers Reisen nach Österreich und Italien dienten dazu, Schüler für das Institut zu gewinnen. 1881 schloss Spier das "Brüssel’sche Handelsinstitut" und siedelte nach Frankfurt um, wo er bis zu seinem Tod 1903 lebte und weiter publizierte.

1870 lehrten und lernten in der Internatsschule 163 Juden, die das Ortsbild von Segnitz mit ihren Schülerkappen und Bändern belebten. Zu den Zöglingen, von denen ungefähr die Hälfte aus den Ländern der Habsburger Monarchie stammte, gehörte auch der aus Triest stammende Aaron Hector Schmitz (1861-1928), der unter dem Pseudonym "Italo Svevo" bekannt wurde und als bedeutendster italienischer Romanautor des 20. Jahrhunderts gilt. Svevos Verhältnis zu seinem Lehrer Spier, der ihn von 1874 bis 1878 in Segnitz unterrichtete, war bestimmt von großer Nähe. In Franken reifte Svevo in der Begegnung mit Shakespeare und den deutschen Klassikern zum Schriftsteller. Dort verliebte er sich auch in die attraktive Nichte Samuel Spiers. Zwei Bilder aus dem Jahr 1877, die Svevo in der Internatsuniform zeigen, sind die einzigen Fotos eines Segnitzer Zöglings in Schuluniform.  

Wichtige Anregungen für sein Lebenswerk empfing in Segnitz auch Otto Iwan Driesen (1875-1943), der Sohn eines Institutslehrers. Driesen setzte sich für die Anliegen der Reformpädagogik ein und wirkte in der Weimarer Republik als Leiter des Frankfurter "Philanthropin", einer 1804 gegründeten und 1942 von den Nationalsozialisten aufgelösten; renommierten jüdischen Schule in Frankfurt. 1943 wurde Driesen deportiert und starb während des Transports zum oder im Vernichtungslager Sobibor. Kurze Zeit nach der Auflösung des "Brüssel’schen Handelstinstituts" löste sich auch die Segnitzer jüdische Gemeinde 1882 faktisch auf und bestimmte Samuel Spier zum Treuhänder des Gemeindevermögens. Das Segnitzer Memorbuch, das an die Verstorbenen der Gemeinde erinnert, wurde an die Marktbreiter jüdische Gemeinde übergeben. 

Um 1900 zog die jüdische Familie Ettlinger nach Segnitz. Familienvater Jissachar Ettlinger starb 1923, und seine Tochter Thilde zog nach der Hochzeit mit dem Marktbreiter Lehrersohn Abraham Oppenheimer nach Leipzig. Thilde Ettlingers hatte vier Töchter, die die Schoa überlebten: Kela, die ein jüdisches Kinderheim bei Grenoble geleitet hatte, war mit ihren Schwestern Ester und Judith nach Palästina ausgewandert. Miriam überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und entschied sich, ihren Schwestern nach Palästina zu folgen. 2004 und 2014 verlegte der Künstler Gunter Demnig (*1947) Stolpersteine für die Segnitzer Opfer der Shoah.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1875

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Marktbreit mit Gnodstadt, Marktsteft, Obernbreit und Segnitz. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1158-1240.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 122.
  • K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 199.