Der erste Hinweis auf jüdische Einwohner in Reckendorf findet sich in Gerichtsakten aus dem Jahr 1501, wonach einem "Juden zu Reckendorf etliche hab und gueter gestohlen worden sind". Der zweitälteste Beleg stammt aus dem Lehenbuch der Adelsfamilie von Wiesenthau, in dem zwischen 1607 und 1610 die beiden Reckendorfer Juden Lazarus und Salomon erscheinen. Im nachfolgenden Dreißigjährigen Krieg wurde die Bevölkerung von Reckendorf schwer dezimiert. 1644 ließ sich der ledige Jude Izickle Winsch im menschenleeren (!) Ort nieder. Ihm folgten Israeliten aus Kirchlauter, Zeckendorf und Recheldorf mit ihren Familien. Sie standen zum Teil unter dem Schutz des Hochstifts Bamberg, zum Teil waren sie den Freiherren von Wiesenthau, von Rotenhan und später den Adelsfamilien von Greiffenklau und von Hirsch verpflichtet.
Im Jahr 1665 sind fünf jüdische Familien in Reckendorf nachgewiesen. Von Bamberg ausgehend erfasste eine antijüdische Verfolgungswelle im Jahr 1699 auch den Ritterkanton Baunach; dabei kam es in Reckendorf zu Gewalttätigkeiten. Der Verwalter im benachbarten Burgpreppach berichtete am 14. Mai 1699, dass eine etwa 600 Mann starke Horde in der vergangenen Nacht alle Judenhäuser in (Unter-)merzbach, Memmelsdorf, Kaltenbronn und Reckendorf ausgeplündert habe.
Im Jahr 1746 wäre es fast zu einer schlimmen Hetzjagd auf die jüdischen Mitbürger im Ort gekommen, als der achtjährige Sohn des Metzgers Josef Kaiser tagelang vermisst wurde und sich das Gerücht verbreitete, er wäre ein Opfer der Juden geworden. Kurz bevor die Stimmung kippte, wurde der Kopf des Jungen in der Schneidmühle gefunden und es stand damit fest, dass er durch einen Unfall gestorben war.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Kultusgemeinde stark an; 1793 lebten bereits 63 Familien im Dorf. Aufgrund der hohen Mitgliederzahl hatten die Reckendorfer schon seit 1762 einen eigenen Rabbiner. Ihre Toten bestatteten sie auf dem Friedhof in Ebern. Doch aufgrund der beschwerlichen Überführung der Verstorbenen in den Nachbarort bemühte man sich darum, in Reckendorf selbst einen Bestattungsplatz anzulegen. Der Antrag, einen Acker neben der Synagoge als Friedhof zu benützen, wurde von der Regierung abgelehnt. Daher erwarb die IKG zu diesem Zweck einen Weinberg am Ortsrand. Die erste Bestattung erfolgte im Jahre 1798.
1814 wohnten über 300 Juden in Reckendorf; das war fast ein Drittel der Dorfbevölkerung. Damit gehörte diese Kultusgemeinde zu den größeren jüdischen Landgemeinden in Bayern. Die meisten Hausväter arbeiteten als Kaufleute und als Viehhändler. Später gab es auch zunehmend mehr Handwerker in ihren Reihen. Nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht durch die bayerische Regierung besuchten die jüdischen Kinder ab 1819 die christliche Schule. 1829 gründete die Kultusgemeinde eine eigene jüdische Elementarschule und ließ 1835 gegenüber der Synagoge ein Schulhaus mit Lehrerwohnung bauen (heute Ahornweg 6). Zur Erledigung gemeindlicher Aufgaben war ein Melamed angestellt, der neben dem Religionsunterricht für die Kinder auch als Chasan und Schochet amtierte. Angesichts der Gemeindegröße teilten sich diese Verrichtungen zeitweise auch zwei Angestellte. Das Schulgebäude wurde 1887 um ein Stockwerk erhöht. Für die Reckendorfer Jüdinnen richtete man 1821 eine Mikwe im Keller eines Hauses in der Nähe des Rathauses ein. Die Mikwe ist heute erhalten, aber nicht zugänglich. Zuvor hatten die Frauen für ihre rituellen Waschungen Zisternen in den Kellergewölben benutzt, oder sie badeten - auch im Winter - in der Baunach. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer größeren Abwanderung der jüdischen Dorfbewohner nach Übersee, vor allem in die USA. Ihre Zahl ging in relativ kurzer Zeit um mehr als die Hälfte zurück. 1875 verfügte die Gemeinde noch über 138 Mitglieder.
Im Jahr 1900 lebten nur mehr 55 jüdische Gemeindemitglieder im Ort. Aufgrund dieser Entwicklung verlor die Kultusgemeinde Reckendorf ihr eigenes Rabbinat und wurde um das Jahr 1880 dem Bezirksrabbinat Burgpreppach angegliedert. 1910 musste die jüdische Elementarschule wegen Schülermangels schließen, danach bestand nur noch eine jüdische Religionsschule. Den Konfessionsunterricht erteilten in den folgenden Jahren angesichts der geringen Anzahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder meist auswärtige Lehrer. Der in New York lebende jüdische Händler Emanuel Walter stiftete 1905 seiner Heimatgemeinde das einstige Anwesen seiner Eltern in Reckendorf, damit dort ein Heim für jüdische und christliche Kinder entstehen konnte. Diese Walter`sche Kinderheimstiftung existiert bis heute.
Unter dem NS-Regime lebten nur noch wenige jüdische Familien im Dorf; 1933 hat man 20 jüdische Einwohner gezählt. Während des Novemberpogrom 1938 wurden neben den Aktionen gegen die Synagoge (siehe „Synagoge“) auch jüdischen Wohnungen durch Bamberger SS-Leute verwüstet und Wertgegenstände beschlagnahmt. Zwei Familienväter kamen in „Schutzhaft“, wurden im KZ Dachau interniert und erst nach mehreren Wochen wieder freigelassen. 1939 lebten noch 10 jüdische Bürger und Bürgerinnen im Dorf. Bis 1941 emigrierten zwei Familien in die USA. Die dreiköpfige Familie Schmidt, die noch in Reckendorf lebte, wurde am 22. April 1942 über Würzburg nach Lublin deportiert und ermordet.
Im Februar 2001 kaufte die Gemeinde Reckendorf die ehemalige Synagoge mit dem Ziel, das Gebäude der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Von staatlicher Seite wurden im Oktober 2002 rund 91.000 Euro für die Instandsetzung der ehemaligen Synagoge bewilligt. Andere Zuschüsse kamen dazu. Nach einer mehrjährigen Sanierung konnte die ehemalige Synagoge Reckendorf 2005 als "Haus der Kultur" der Allgemeinheit übergeben werden. Bei den Umbauarbeiten wurde eine große Genisa entdeckt mit Tausenden von Fundstücke: Textil- und Lederreste, Tora-Wimpel aus dem 17. Jahrhundert, literarische Funde (darunter ein Pergament aus dem 15. Jahrhundert) u.a.m. Die Funde wurden archiviert und werden - zumindest in einer Auswahl - in Vitrinen der neuen Dauerausstellung in der Synagoge gezeigt. Ein Teil ist bereits längere Zeit im Jüdischen Museum Fürth und im Fränkische-Schweiz-Museum Tüchersfeld ausgestellt.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager / Hans-Christof Haas: Reckendorf. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 201-208.
- Adelheid Waschka: Reckendorf. Kultur und Kultus in einer fränkischen Landgemeinde. Reckendorf 2007.
- Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 282-289.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 213.
