Das Nürnberger Memorbuch nennt Oettinger Juden als Opfer des Rintfleischpogroms 1298. Anfang des 14. Jahrhundert wird ein Oettinger Jude aktenkundig, weil er in Geschäftsbeziehung zu einem Kanonikus aus Wassertrüdingen stand. Ein Hinweis auf die Existenz jüdischen Lebens im Ort ist auch die Tatsache, dass die Oettinger Grafen im Jahr 1317 das Judenschutzregal besaßen. Kaiser Ludwig der Bayer (reg. 1314-1347) verpfändete ihnen dieses Recht ab 1331 erneut und genehmigte zugleich die Aufnahme weiterer Schutzjuden. Das Pestpogrom 1348 erfasste auch Oettingen und forderte Todesopfer. Kaiser Karl IV. (reg. 1346-1378) übereignete dem Haus Oettingen anschließend Besitztümer und Schuldbriefe der ansässigen Juden.
Seit 1414 waren die Stadt und die Bürger von Oettingen in zwei parallele Ortsherrschaften aufgeteilt: in die Linie Oettingen-Oettingen und die Linie Oettingen-Wallerstein. Es gab zwei Residenzen und zwei voneinander unabhängige Verwaltungen. Auch die Juden, die sich seit Anfang des 15. Jahrhunderts wieder zaghaft in Oettingen ansiedelten, unterstanden getrennt dem Schutz beider Linien. Daraus entwickelten sich zwei selbständige Kultusgemeinden mit jeweils eigenen Einrichtungen und eigenem Rabbiner. Die Herrschaft Oettingen-Wallerstein erwies sich insgesamt als toleranter, sie nahm z.B. in den Jahren 1506/07 vertriebene Juden aus Nördlingen auf, im Gegensatz zur Herrschaft Oettingen-Oettingen, die dies verweigerte. 1457 ist eine Judengasse in der Stadt genannt. Die Toten der jüdischen Gemeinden wurden auf dem Nördlinger Friedhof begraben. Zwischen Nördlinger und Oettinger Juden gab darüber hinaus enge Geschäftsbeziehungen. Als im 16. Jahrhundert die Reformation das Heilige Römische Reich spaltete, blieb die Linie Oettingen-Wallerstein mit ihren Untertanen katholisch, die Linie Oettingen-Oettingen nahm jedoch den evangelischen Glauben an. Das vertiefte noch die Spaltung der Stadt.
Im 17. Jahrhundert wuchs die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden in Oettingen stetig an, von fünf Haushalten in den Jahren 1612/14 auf 84 Familien im Jahr 1642. Viele von ihnen hatte es im Dreißigjährigen Krieg hierher verschlagen. Ab 1671 kamen noch jüdische Flüchtlinge aus dem Kurfürstentum Pfalz-Neuburg nach Oettingen, die durch ein Ausweisungsedikt ihre Heimat verloren hatten.
1785 lebten insgesamt 385 jüdische Personen in der Residenzstadt. Offensichtlich waren die Vorstände der beiden Gemeinden ab dem Jahr 1676 bestrebt, über die Herrschaftsgrenzen hinweg eine einzige jüdische Kultusgemeinde zu bilden. Zu diesem Zweck erwarben beide Vorstände gemeinsam ein Anwesen hinter dem Rathaus auf der katholischen Stadtseite, und erbauten im Jahr 1680 ein Gemeindezentrum mit Synagoge und Rabbinerwohnung. In diesem Jahr folgte wohl auch ein informeller Zusammenschluss, denn in den Steuerbüchern der beiden Herrschaften ist künftig von der "gemeinen Judenschaft" die Rede; offiziell soll die Vereinigung der beiden jüdischen Gemeinden jedoch erst in den 1740er Jahren erfolgt sein. 1728 ließ der Grundherr Graf Franz Albrecht von Oettingen-Spielberg im Verlauf einer Auseinandersetzung mit der jüdischen Gemeinde über willkürlich erhöhte Schutzgeldforderungen die Synagoge schließen und die Gemeindevorsteher verhaften. Erst als diese zusagten, den Wünschen des Grafen entsprechen zu wollen, übernahm dieser wieder den zuvor aufgekündigten Judenschutz und ordnete die Öffnung der Synagoge an. 1740/41 übernahm die Linie Oettingen-Spielberg die alleinige Herrschaft über die Residenzstadt.
Die Residenzstadt Oettingen fiel 1806 an das neu gegründete Königreich Bayern. Mit dem Bayerischen Judenedikt gewährte die Krone den neuen jüdischen Staatsbürgern zwar gewisse Grundrechte, limitierte jedoch auch nach Möglichkeit die Ansiedelung von Juden. Umfasste die Kultusgemeinde im Jahr 1801 noch 90 Familien, so reduzierte sich ihre Anzahl bis 1821 auf 67 Haushalte. 1837 gehörten ihr 430 Personen an, 13,4 % der Gesamtbevölkerung.
Von 1824 bis 1930 unterhielt die Gemeinde eine eigene Volksschule mit Lehrerwohnung in der Judengasse (heute: Ringgasse 5). Zuvor hatten die jüdischen Kinder den Unterricht in der evangelischen Schule oder bei Privatlehrern besucht. Bis 1851 wurden die Verstorbenen nicht mehr wie früher nach Nördlingen, sondern nach Wallerstein überführt, dann konnte die Kultusgemeinde ihren eigenen Friedhof mit Taharahaus und Armenwohnung am Ortsende in Richtung Lehmingen anlegen. Eine Mikwe existierte ab 1830 in der Lederergasse, in der Mittleren Vorstadt gab es bereits seit 1795 eine Judenherberge.
Oettingen war bis 1857 Sitz eines Distritksrabbinats; 1861/62 erfolgte die Zusammenlegung der beiden Bezirke Oettingen und Wallerstein zum Rabbinat Oettingen-Wallerstein. 1888 schlossen sich die Gemeinden dieses Bezirks – mit Ausnahme von Hainsfarth, das dem Rabbinatsbezirk Schwabach beitrat – dem Distrikt Ichenhausen an.
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Kultusgemeinde viele Mitglieder durch die allgemeine große Auswanderungswelle, die ab 1861 mit dem Recht auf freie Wohnorts- und Berufswahl noch einmal verstärkt wurde. 1871 lebten rund 200 Jüdinnen und Juden in Oettingen, im Jahr 1900 waren es nurmehr 141 Personen (knapp 5 Prozent der Einwohner). Auch die Anzahl der jüdischen Kinder ging rapide zurück. Die IKG Oettingen leisteten dennoch einen bedeutenden Beitrag zum Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Stadt, engagierte sich im Vereinsleben und der Wohlfahrt. Vor allem jüdische Textilwarenhändler und Tuchmacher gehörten der wohlhabenden Bürgerschicht an.
Von 1923 bis 1930 besuchten zusätzlich jüdische Kinder aus Hainsfarth die Oettinger Schule. Insgesamt erhielten 1932 noch sieben Kinder jüdischen Religionsunterricht. Da die IKG Oettingen schon während der Weimarer Republik wiederholt Opfer antisemitischer Ausschreitungen geworden war, gründete sie 1920 eine Ortsgruppe des "Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens".
Bei der NS-Machtübernahme im Jahr 1933 lebten noch 66 jüdische Mitbürger in Oettingen. Sie erlitten ab dieser Zeit zunehmend Verachtung und Hass bis hin zu Misshandlungen und dem Ausschluss aus dem Wirtschafts- und Gesellschaftsleben (u.a. Boykottaufruf 1934, Nürnberger Rassegesetzte 1935). Während der Novemberpogrome 1938 wurde der Innenraum der Synagoge verwüstet, die Einrichtung verbrannt und die vorhandenen Wertgegenstände, Wertpapiere und Geld geraubt. Viele der männlichen Juden der Stadt wurden verhaftet und malträtiert. Damals kamen auch die Archivbestände der jüdischen Gemeinde, der Israelitischen Volksschule sowie die Bibliothek des Landesrabbiners abhanden. Das Vermögen der jüdischen Gemeinden Hainsfarth und Oettingen wurde beschlagnahmt. 1939 fielen die Synagoge und das Schulgebäude zwangsweise an die Kommune, die den jüdischen Friedhof zur Geflügel- und Hasenzucht freigab.
Bis 1941 verließen rund 50 jüdische Personen ihre Heimatstadt Oettingen, die sich weigerte eine Heimat zu bleiben. Acht der verbliebenen Juden mussten ihre Wohnungen übereignen und wurden am 1. April 1942 in einem Sammeltransport abtransportiert. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt, wahrscheinlich starben sie in den Todeslagern. Die anderen Jüdinnen und Juden wurden nach Hainsfarth in eines der beiden dortigen "Judenhäuser" umgesiedelt. Einige mussten als Zwangsarbeiter im Kreidewerk Fritz Schulz jun. AG in Neuburg an der Donau dienen. Ihre Deportation erfolgte noch 1943, anschließenden meldete sich der gleichgeschaltete Landkreis Nördlingen als "judenfrei".
1965 ließ die Stadt Oettingen an der Mauer des sanierten jüdischen Friedhofs ein Mahnmal "zur Sühne und Ehre" anbringen. An die einstigen jüdischen Mitbürger von Oettingen erinnert seit 2005 auch eine Gedenktafel an der einstigen, jetzt völlig umgebauten Synagoge. Sie wurde von dem Lehminger Bildhauer Fred Jansen entworfen und zeigt zwei bewegliche Messingwalzen, auf denen die Namen von 78 jüdischen Oettingern verzeichnet sind. Das ehemalige jüdische Gemeindezentrum ist Teil der historischen Stadtführung (Station 17), die auch als Audioguide von der Stadt Oettingen i. Bay. angeboten wird. Die ehemalige Gemeinde ist auch Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Oettingen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 522-529.
- Johannes Mordstein: „daß wür ebenfahlß Eur Hochgräffliche Excellenz gehorsame unterthanen seint.“ Partizipation von Juden an der Legislationspraxis des frühmodernen Staates am Beispiel der Grafschaft Oettingen 1637- 1806. In: Rolf Kießling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Hg.) Räume und Wege Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800. Berlin 2007 (= Colloquia Augustana 25), S. 79-105.
- Petra Ostenrieder: Zur Geschichte der Juden in Oettingen in der Frühen Neuzeit. In: Peter Fassl (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II. Neuere Forschungen und Zeitzeugenberichte. Stuttgart 2000 (= Irseer Schriften 5), S. 121-136.
- Manfred Hörner: Bemmel, ein Geldverleiher und Viehhändler aus dem schwäbisch- fränkischen Grenzgebiet. In: Haus der Bayerischen geschichte / Manfred Treml / Wolf Weigand (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 31-36.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 274.
