Jüdisches Leben
in Bayern

Cham Gemeinde

Spätestens seit dem Beginn des 14. Jahrhundert gibt es gesicherte Hinweise auf jüdisches Leben. So sind 1336/37 Geldgeschäfte eines jüdischen Bankiers im Ort bezeugt. Auch waren Chamer Juden von den Verfolgungen der Armleder-Bewegung 1336/38 betroffen, wie ein Eintrag im Nürnberger Memorbuch ausweist. Nach einer aktiven Förderung der jüdischen Gemeinde unter Kurfürst Ruprecht I. (reg. 1329-1390) folgte nach dessen Tod eine Vertreibungswelle. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren wieder Neuansiedelungen möglich, bis 1491 lebten in Cham fünf jüdische Familien. Kurfürst Ottheinrich (reg. 1556-1590) befahl im ersten Regierungsjahr ein Niederlassungs- und Aufenthaltsverbot für Juden auch in der Oberpfalz, die jüdisches Leben bis in das 19. Jahrhundert unmöglich machte.

Erst mit der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung der Juden in Bayern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war wieder jüdisches Leben in Cham möglich. 1863 eröffnete Isaak Lazarus Boscowitz aus Floß ein Tuchgeschäft, 1885 lebten neun jüdische Familien in Cham. 1886 konstituierte sich die jüdische Kultusgemeinde Cham. 1886 wurde auch ein Anschluss der jüdischen Familien Chams zur israelitischen Gemeinde im tschechischen Domazlice geprüft, allerdings von der Regierung nicht genehmigt. In den kommenden Jahrzehnten fusionierte die IKG Cham mit der nächstgrößeren jüdischen Ansiedelung von Furth im Wald eine Doppelgemeinde bildete. 1910 zählte sie 80 Mitglieder, also 1,8 % der Gesamtbevölkerung.

Zum Bezirksrabbinat Cham gehörten auch die verstreut in einer weiteren Umgebung (insbesondere im Kreis Cham) lebenden jüdischen Personen. 1924 waren es zusammen 42 Personen in Furth i.W., Kötzting, Neukirchen, Balbini, Neuburg, Roding, Tiefenbach und Waldmünchen. 1928 wurde das Gebiet der israelitischen Gemeinde Cham auf die Finanzamtsbezirke Cham, Neunburg v.d. Wald, Walderbach, Waldmünchen, Kötzting und Viechtach festgelegt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann ein Exodus vieler jüdischer Familien, Geschäfte schlossen aufgrund von Repressionen und Gewalttätigkeiten. 1938 wohnten nur noch 24 Juden in Cham. Am 10. November 1938 wurden 17 Gemeindemitglieder verhaftet, die Männer wurden für einige Wochen in das Konzentrationslager Dachau überstellt. 1942 lebten nurmehr zwei Personen jüdischen Glaubens in Cham.

Mindestens 33 Jüdinnen und Juden, die um 1933 in Cham geboren waren oder dort gelebt hatten, verloren in der Shoah ihr Leben. Bei der Räumung des Konzentrationslagers Flossenbürg und seiner Außenlager erreichten die „Todesmärsche“ Ende April 1945 den Landkreis Cham. Hier befreite die US-Armee etwa 7000 Häftlinge.

Nach Befreiung der Konzentrationslager kamen bereit im Frühsommer 1945 die ersten jüdischen DPs nach Cham und wurden von der US-Armee in beschlagnahmten Wohnungen untergebracht. Bis November waren es 250 Menschen, die sich als DP-Gemeinde größtenteils selbst verwalteten. Die Leitung übernahm ein gewähltes Komitee, dem Ernst Nebel und Abraham Zendel vorstanden. Ein Auffanglager (Zeltstadt) für bis zu 5.000 Personen bestand von August bis Oktober 1946 im Ortsteil Michelsdorf. Die meisten der erwachsenen Camp-Bewohner wurden nach Wetzlar, die Kinder nach Rosenheim oder Dornstadt übergesiedelt.

Bereits am 3. Januar 1946 wurde die IKG Cham wieder gegründet und knüpfte an die historische Tradition der Vorgängerorganisation an. Die Größe der DP-Gemeinde erreichte mit 266 im September 1947 ihren Höhepunkt, weil auch die DPs aus Falkenstein eingegliedert wurden. Danach nahm die Zahl durch die Auswanderung vieler DPs nach Israel und Amerika rasch ab. In der Probsteistraße 2 lag der Verwaltungssitz direkt neben der früheren, jetzt wieder benutzten Betstube (Probsteistraße 4). Es gab eine Religionsschule und eine von der UNRAA belieferte koscheren Küche. Sie übernahm auch die medizinische Versorgung durch ein jüdisches Hospital, das wahrscheinlich im Studienheim St. Josef untergebracht war. Im Jahr 1948 lebten etwa 200 Juden in Cham, zur Gemeinde gehörten nun auch die DPs in Falkenstein und Roding gehörten. Nach Gründung des Staates Israel wanderten die meisten aus, und die Gemeinde löste sich im Laufe des Jahres auf.

Die jüdische Gemeinde Cham existierte stark geschrumpft weiter, allerdings kam ab 1975 kein Minjan mehr zustande. Der Betsaal wurde nicht mehr genutzt, die Kultusgemeinde erlosch. Die heute in Cham lebenden Jüdinnen und Juden werden von der IKG Amberg betreut. Im Gebäude mit dem Betsaal zog eine eine Realschule, die den ehemaligen Betsaal als Aula nutzt. 1991 wurde im Eingangsbereich des Gebäudes eine Tafel für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft angebracht. 2019 errichtete die Kommune ein Denkmal im Stadtpark. Der massive Findling erinnert an die Geschichte jüdischen Lebens in Cham.


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Cham. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 237-243.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 143.
  • Siegfried Wittmer: Juden in der Oberpfalz von 1919-1993, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensberg 133 (1993), S. 125-156
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 283-285.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 107.