Jüdisches Leben
in Bayern

Buttenheim Gemeinde

Erste Hinweise auf die mögliche Anwesenheit von Juden in Buttenheim gibt es aus der Zeit um 1450. Den konkreten Beweis liefern dann zwei Dokumente, die 20 Jahre später datiert sind. 1525 vermerkte Pfarrer Johannes Grandinger in seinen Notizen, dass sich im Oberen Schloss, nachdem es im Bauernkrieg niedergebrannt war, einige jüdische Familien angesiedelt hatten. Das Gebäude gehörte zum Lehen der Reichsfreiherren von Stiebar. Als Quelle kann auch ein Schriftstück dienen, datiert am 30. März 1593, das ein Verbot für Juden, am Sonntag über den Kirchhof zu gehen, festlegt. Offensichtlich versuchte man mit dieser Bestimmung, ihre Handelsgeschäfte einzuschränken. Weitere Details zur jüdischen Geschichte in der frühen Neuzeit wurden bislang nicht erforscht.

Ab 1731 führte die jüdische Gemeinde ein Geburtsregister. Ende des 18. Jahrhunderts gehörten ihr rund 200 Mitglieder an. Sie standen teils unter dem Schutz der Markgrafen von Bayreuth, teils der Freiherrn von Seefried, oder des bambergischen Amtes Eggolsheim. Ein eigener Ortsrabbiner bestimmte das religöse Leben. Die Toten fanden bis 1819 ihre letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Zeckern, der rund 20 km entfernt lag. Anschließend entstand zusammen mit den benachbarten jüdischen Gemeinden von Gunzendorf und Hirschaid ein neuer Friedhof am nördlichen Ortsrand von Buttenheim. Das Zusammenleben zwischen Christen und Juden im Ort gestaltete sich anscheinend weitgehend friedlich. Abgesehen von Hänseleien zwischen Schülern ist nichts über größere Auseinandersetzungen nichts bekannt.

Aufgrund des bayerischen „Judenedikts“ im Jahr 1813 wurden der Gemeinde in den Matrikelaufstellungen der 1820er Jahre 36 Stellen zugeteilt. In Buttenheim lebte auch die Familie Strauss. Jacob Strauss studierte von 1817 bis 1822 an der berühmten Jeschiwa in Frankfurt am Main und hinterließ seine Korrespondenz mit dem Buttenheimer Religionslehrer Seligmann Isac Waldmann. Da ein Wohnortwechsel bis 1861 nur unter größten Schwierigkeiten möglich war, wanderten viele Juden in die USA aus. Unter ihnen waren Anfang der 1840er Jahre die Brüder Jonathan und Lippmann Strauss. 1848 folgte ihnen ihre verwitwete Stiefmutter Rebecca Strauss mit ihren jüngsten Kindern, darunter der am 26. Februar 1829 geborene Löb Strauss. Er legte sich in Amerika den Vornamen Levi zu, avancierte zu einem erfolgreichen Textilhändler, gründete 1853 in San Francisco die weltweit bekannte Firma Levi Strauss & Co. und gilt als Erfinder der Blue Jeans. Für den jüdischen Friedhof in seinem Heimatort spendete er noch zwei Jahre vor seinem Tod 1902 eine größere Geldsumme. Das Firmenarchiv in Kalifornien ging während des großen Erdbebens von 1906 verloren, sodass nur sehr wenige Abbildungen von Löb Strauss bekannt sind.

Mitte des 19. Jahrhunderts lebte der Großteil der jüdischen Bevölkerung Buttenheims in einfachen Verhältnissen. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie durch Pferde- und Viehhandel, als Handels- und Kaufleute und als Bauern. Es gab einen Metzger, einen Seifensieder und einen Schuster. Als den Juden in Bayern ab 1861 die freie Wohnorts- und Berufswahl zugestanden wurde, beschleunigte sich die Abwanderung gerade junger Generationen in die urbanen Wirtschaftszentren. Bereits 1867 hatte sich die Buttenheimer Kultusgemeinde auf 73 Personen reduziert. Der starke Mitgliederverlust aufgrund der Aus- und Binnenwanderung führte schließlich dazu, dass sich die jüdische Gemeinde im Jahr 1892 auflöste. Die übrigen Buttenheimer Jüdinnen und Juden schlossen sich der Gemeinde in Hirschaid an.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten vier alteingesessene jüdische Familien im Ort, die fest in das soziale Leben integriert waren.

Als im Jahr 1913 die ersten zehn Telefonnummern an die wichtigsten Andressen in Buttenheim vergeben wurden, erhielt das jüdische Kaufhaus Max Weissmann die Nummer 4 zugeteilt. Das "Waarenhaus L. Schulhöfers Erben - Max Weissmann" zog später in ein neues Gebäude an der Marktstraße, das sich noch heute durch sein städtisches Äußeres von der umliegenden Architektur abhebt. Eine Reklameaufschrift an der Ostfassade (Georg Förster vormals Max Weißmann Kaufhaus Versand) erinnert an den früheren Besitzer. Max Weissmann engagierte sich in mehreren Buttenheimer Vereinen und gehörte bis zu seinem Tod im Jahr 1929 zu den Honoratioren der Marktgemeinde.

Allerdings gab es bereits vor der NS-Diktatur antisemitische Ausschreitungen in Buttenheim. Mitglieder des 1923 gegründeten „Wehrtrupp des Deutschen Wandervereins im Bund Bayern und Reich“ agierten gegen die jüdischen Dorfbewohner, vor allem gegen den wohlhabenden Max Weißmann. Sie schlugen Fensterscheiben ein und verfassten Drohbriefe. In der Nacht auf den 21. Dezember 1931 wurde der jüdische Friedhof massiv geschändet, worauf die breite Öffentlichkeit aber noch mit ehrlichem Entsetzen reagierte. Als Täter konnten die Behörden den „Kleingütler Kaiser aus Seigendorf“ überführen, der mit dem Gedankengut der NSDAP sympathisierte. Zu den lokalen Parteigrößen gehörte bereits der Metallwarenfabrikant Eugen Strömsdörfer, später HAGO-Gauleiter in Bamberg und für seine antisemitischen Angriffe gegen jüdische Geschäftsinhaber berüchtigt. Im Einwohnerbuch von 1929 lancierten Weissmann und Strömsdörfer ihre repräsentativen Anzeigen - nur durch eine Seite voneinander getrennt.

1933 lebten 18 jüdische Personen in Buttenheim (2,3 % von insgesamt 775 Einwohnern). Das Forchheimer Tagblatt berichtete am 26. Januar 1934 mit offener Häme, dass tags zuvor der Gemeinderat in Buttenheim einem "Kaufmann Hecht aus Newyork" die Ehrenbürgerschaft wieder absprach, die sie ihm noch 1922 für seine großzügige finanzielle Unterstützung der alten Heimat verliehen hatte. Die genaue Identität lässt sich mit dem vorhandenen Wissensstand aktuell nicht feststellen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 warfen die Nazis an den wenigen Häusern, in denen in Buttenheim noch Juden wohnten, die Fensterscheiben ein. Wilhelm Habermann Senior und einer seiner Söhne waren seinerzeit die einzigen anwesenden Männer. Sie wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, aber nach über einer Woche wieder freigelassen. Die vierköpfige Familie Habermann im sogenannten Lichtenhof war auch der letzte jüdische Haushalt im Ort. Als sie 1939 zuerst nach England und von dort in die USA emigrierten, endete die rund 500jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde Buttenheim.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der jüdische Friedhof renoviert die Marktgemeinde hatte ihn 1944 erworben, um die vorhandenen Steine als Baumaterial zu nutzen. Heute sind das Taharahaus und rund 280 jüdische Grabsteine erhalten.

An die Familie Habermann erinnert seit 2003 eine Gedenktafel gegenüber ihrem einstigen Wohnhaus, die von Willi Habermann Jr. aus New York gestiftet wurde. Das Reliefmotiv basiert auf einer Fotografie aus den frühen 1930er Jahren und zeigt seine Mutter mit einer typischen Butte beim Wasserholen.

Im Jahr 2000 öffnete in Löb Strauss' denkmalsanierten Geburts- und Wohnhaus das Levi Strauss Museum (Haus Nr. 83, heute Marktstr. 33). Das Unternehmen Levi Strauss & Co. beteiligte sich mit einer namhaften Spende und betreibt im Neubau des Museums einen repräsentativen Flagshipstore. Das Ausstellungskonzept wurde 2001 mit dem "Roten Punkt für Designqualität" (Red Dot) und dem Preis für das "Europäische Museum des Jahres" (European Museum of the Year Award) ausgezeichnet. Zum 20jährigen Bestehen stiftete der Förderverein Levi Strauss Geburtshaus e.V. eine lebensgroße Bronzestatue, die vom Künstler Rainer Kurka angefertigt und vor dem Museumsensemble aufgestellt wurde. Ein Schild an der Autobahn A 73 verweist auf Löb Strauss' Geburtsort, und das lokale St. GeorgenBräu ehrt Buttenheims prominentesten Sohn mit einem besonderen "Levi Urstoff". Das ehem. Kaufhaus Weissmann wurde von der Gemeinde Buttenheim an einen Geschäftsmann verkauft, der es derzeit entkernt und umfassend renoviert.


Persönlicher Dank geht an Bernhard Bickel, Buttenheim, für seine freundliche Unterstützung.

(Christine Riedl-Valder und Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Barbara Eberhardt / Hans-Christof Haas: Buttenheim. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 112-117.
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken (gff digital, Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4), Nürnberg 2017.
  • Tanja Roppelt: Levi Strauss – Eine bayerisch-amerikanische Erfolgsstory. In: Haus der bayerischen Geschichte / Margot Hamm u.a. (Hg.): Good Bye Bayern, Grüß Gott America. Auswanderung aus Bayern nach Amerika seit 1683. Katalog zur Landesausstellung 2004. Augsburg 2004 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 48), S. 128f u. 302f.
  • Bernhard Bickel: Buttenheim in alten Ansichten. Zaltbommel 1998, Nr. 5, 8, 17, 19 u. 20.
  • Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 128-135.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 138.
  • Jakob Straus[s]: "Ikh ḳlage miṭ ṿorṭen". Aufzeichnungen und Briefe als Jeschiwaschüler in Frankfurt am Main. Korrespondenz von Seligmann Isac Waldmann, Lehrer in Buttenheim. [Frankfurt am Main] 1817-1822. BSB Cod. hebr. 541.