Jüdisches Leben
in Bayern

Willmars Synagoge

Nachdem er den Sächsisch-Meiningen'schen Anteil von Willmars erworben hatte, ließ Freiherr Karl Ludwig Schenk zu Schweinsberg 1727 im Dorf eine Synagoge errichten, was unter anderem den Widerstand des protestantischen Pfarrers provozierte. Laut der Überlieferung bestand die Synagoge aus Holz und war vom Dorf über einen schmalen Fußweg erreichbar. Nachdem 1852 das alte Synagogengebäude erweitert worden war, gelangte man an der Nordseite über eine überdachte Freitreppe in den im Obergeschoss gelegenen Betsaal. Während der Männerbetsaal von einer gewölbten, bretterverschalten Decke abgeschlossen wurde, endete die Frauenabteilung nach rund zwei Metern auf der Höhe des Obergeschosses.

Nachdem 1852 das alte Synagogengebäude erweitert worden war, gelangte man an der Nordseite über eine überdachte Freitreppe in den im Obergeschoss gelegenen Betsaal. Während der Männerbetsaal von einer gewölbten, bretterverschalten Decke abgeschlossen wurde, endete die Frauenabteilung nach rund zwei Metern auf der Höhe des Obergeschosses. Da das Mehrzweckgebäude von 1852 baufällig geworden war, hatte sich die jüdische Kultusgemeinde Willmars bereits 1895 entschieden, ein neues Synagogen- und Schulhaus zu errichten, obwohl die Gemeinde im Lauf des 19. Jahrhunderts bereits deutlich geschrumpft war. 

Nachdem die Kultusgemeinde 1900 von der Dorfgemeinde ein Grundstück von der Dorfgemeinde erworben hatte, legte der Mellrichstädter Distrikttechniker Braun zwei Entwürfe vor, die nur in Details voneinander abwichen. Da der Distriktsrabbiner dagegen Einspruch erhoben hatte, dass über der Synagoge Wohnräume untergebracht werden sollten, kam schließlich ein dritter Entwurf Brauns zur Ausführung. Der zweigeschossige, rund 14 auf rund neun Meter messende zweigeschossige Bau aus roten Backsteinen fußt auf einem hohen Sockel aus Feldsteinen und wird von einem Satteldach abgeschlossen. Das Gebäude zeichnet sich durch eine architektonisch relativ schlichte Gestaltung aus, für die unter anderem die durch Ecklisenen gestaltete Gebäudekanten sorgen. Auf die religiöse Bestimmung des Gebäudes weist allein die beträchtliche Höhe des Obergeschosses hin. Während im Erdgeschoss die Lehrerwohnung mit fünf Wohnzimmern, einer Küche und einem Speiseraum untergebracht war, gelangte man über eine Treppe in das Obergeschoss. Dort waren das rund vier Meter auf rund drei Meter messende Schulzimmer und in der westlichen Haushälfte die rund vier Meter hohe Synagoge mit der rund sechs Meter auf rund rund sechs Meter messenden Männerabteilung und der auf einer schmalen Empore erhöht angebrachten Frauenabteilung untergebracht. Zum Bestand der Synagoge gehörten unter anderem auch ein Parochet von 1705 und aus Silber gefertigter Thoraschmuck aus den 1780er Jahren. Am 30. August 1901 fand die Einweihung der Synagoge statt, die mit einem Festzug vom Haus des Vorsitzenden der Kultusgemeinde zur Synagoge begann, vor der die Schlüsselübergabe erfolgte. Nach ihrer Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg stifteten acht jüdische Willmarser Soldaten für die Synagoge einen Kronleuchter. In den 1920er Jahren erfasste Kunsthistoriker Theodor Harburger die Ausstattung des Gotteshauses.

Schon vor der Reichspogromnacht verwüsteten am 8. Oktober 1938 Nationalsozialisten und SA-Leute aus Bad Neustadt die Willmarser Synagoge. Anschließend wurden die männlichen Juden gezwungen, den Thoraschrein und die Einrichtung der Synagoge abzubauen und sie mit den Ritualien auf der Straße aufzutürmen. Zuvor hatten einige Gemeindemitglieder neun Thorarollen, eine Thorakrone, zwei Thoraaufsätze, drei Lesefinger, zwei Thoraschilder und neun Thoramäntel aus der Synagoge in Sicherheit gebracht. Eine der Thorarollen übergab der Willmarser Max Strauß nach seiner Emigration in die USA seiner neuen Synagogengemeinde in New York. Die zweite Rolle verblieb im Besitz der Familie Strauß, da Strauß’ Eltern die Rolle der Gemeinde gestiftet hatten. Weitere Ritualien kamen nach Bad Kissingen, wo sie während des Novemberpogroms zerstört wurden. Die Mikwe wurde während des Zweiten Weltkriegs abgebrochen. 

Nachdem die Synagoge als Kranzbinderei, Zahnarztpraxis und Wohnung gedient hatte, beschloss die Gemeinde Willmars im Sommer 1950, das leerstehende Gebäude zu erwerben und dort Wohnungen einzurichten. Anfang der 1970er Jahre wurde die ehemalige Synagoge an Privatleute verkauft. Seit den 1980er Jahren erinnert eine Gedenktafel an die ursprüngliche Funktion des Hauses, das noch heute besteht.


(Stefan W. Römmelt)

Bilder

Adresse / Wegbeschreibung

Lappichstraße 31, 97647 Willmars

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Johannes Sander: Willmars mit Weimarschmieden und Friedhof Neustädtles. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 908-933.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 785.