Bereits vor 1785 existierte in Schwanfeld eine Synagoge, die in diesem Jahr laut einer Übersicht aus dem Jahr 1817 durch einen Neubau am selben Standort ersetzt wurde (Wipfelder Straße 17). Das Gebäude vereinte wie bei Landsynagogen üblich auch den Schulraum und eine Mikwe unter seinem Dach und lag am östlichen Ortsausgang. Pläne aus der Entstehungszeit sind nicht überliefert. Ursprünglich war die auf einem rund 13 Meter langen und etwa neun Meter breiten, rechteckigen Grundriss errichtete Synagoge von einem Halbwalmdach bedeckt. Über dem Portal erinnerte eine Tafel mit einer hebräischen Inschrift an die Baujahre 1785 und 1786. Zu den Ausstattungsstücken der Barockzeit gehörten ein silberner Kidduschbecher (Augsburg vor 1700) und ein Parochet aus weißem Seidendamast (18. Jahrhundert).
Während im Südteil des Gebäudes drei Fensterachsen das Tauchbad und die 30 Plätze umfassende Frauenempore im Obergeschoss erhellten, belichteten je drei Fenster von Westen und Norden den zweigeschossigen Betsaal der Männer. An der Ostwand des flach gedeckten Betsaals mit quadratischem Grundriss stand der Toraschrein, der in einen aus der Außenmauer hervorragenden Standerker eingelassen war. Seit 1840 gehörte Schwanfeld zum Distriktsrabbinat Niederwerrn, dessen neuer Rabbiner sich 1841 auch in Schwanfeld trauen ließ. Aus dem 19. Jahrhundert stammte das Vorlesepult. Anders als in orthodoxen Gemeinden üblich wr die Bima nicht in der Mitte des Betsaals, sondern vor dem Toraschrein aufgestellt. Die zwei Blöcke des ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gestühls mit 66 Sitzplätzen trennte ein Mittelgang. Der Beleuchtung des Betsaals dienten laut Theodor Harburger (1887-1949) ein Kronleuchter aus Messing und an den Wänden angebrachte Lampen. Zu den bemerkenswerten Stücken der Ausstattung gehörte ein rund ein Meter hoher und ein Meter breiter, spätklassizistischer Chanukkaleuchter mit einem Fußdurchmesser von rund 70 cm.
Laut einem Bericht des Schwanfelder Bürgermeisters Alois Jonas von 1947 war in der Synagoge auch ein Gedenkstein für die jüdischen Schwanfelder aufgestellt, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Am Nachmittag des 10. November 1938 demolierte eine Teil der 20 bis 40 SA-Leute, die zur Durchführung des Novemberpogroms nach Schwanfeld gekommen waren, die Synagoge. Die Inneinrichtung wurde völlig zerstört. Daran beteiligt war auch der Dorfschullehrer, der den Toraschrein zerschlug und anderen Schwanfeldern den Auftrag zum Abtransport eines Teils der Wertgegenstände auf einem Handwagen erteilte. Schächtmesser, eine Torarolle und zahlreiche Bücher versteckte der Kreisschulungsleiter in seinem Haus. Verloren gingen während des Schwanfelder Pogroms unter anderem sieben Torarollen, -mäntel und -kronen. Am 4. Juli 1939 wurde die Synagoge offiziell enteignet und diente im Zweiten Weltkrieg als Gefangenenlager.
1950 verkaufte die JRSO die an sie rückübertragene ehemalige Schwanfelder Synagoge für 3000 Mark an die Frau eines Schwanfelder Schreiners. Am 14. November 1950 lehnte die Gemeinde den von dem örtlichen Maurer Bernhard Ganzinger gezeichneten Plan für den Umbau der Synagoge in ein Lichtspielhaus ab. Dennoch wurde die Synagoge wohl zeitnah um rund vier Meter nach Süden verlängert, und im Obergeschoss des Anbaus wurde ein Kinovorführraum angebaut. Nachdem die Synagoge vermutlich bis in die 1970er Jahre als Kino gedient hatte, erwarb die Gemeinde in den 1990er Jahren das Gebäude und stellte im Obergeschoss Räume für einen Spielmannszug und die Reservistenkameradschaft bereit.
(Stefan W. Römmelt)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Wipfelder Straße 17, 97523 Schwanfeld
Literatur
- Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Schwanfeld mit Untereisenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu 2021. S. 1518-1553.
