Die kleine jüdische Gemeinde von Schlipsheim wohnte seit Beginn des 18. Jahrhunderts im sogenannten "Judenhaus" (heute Schlipsheimer Straße 124, 126, 128). In diesem langgestreckten Reihenhaus, das im 18. Jahrhundert zunächst der Familie Rehlingen und später dem Heilig Kreuz-Kloster gehörte, mussten die Schutzjuden für sich und ihre Familien ihren Wohnraum anmieten. Seit 1735 ist ein Synagoge mit Gebetsständen und ein Ritualbad bekannt. Zumindest zeitweise unterhielt die Gemeinde einen Schulmeister und einen Vorsänger in Personalunion.
Im Geographischen Statistisch-Topographischen Lexikon von Schwaben wurde 1801 vermerkt: "Hier sind auch Juden, die eine Synagoge haben." Damit war der Raum im sogenannten "Judenhaus" gemeint. Schlipsheim war 1820 "hinsichtlich der Predigtanhörung" als Teil der Gemeinde Steppach in das Rabbinat Augsburg-Kriegshaber eingegliedert, wo sie auch ihre Verstorbenen bestattete. Der Rabbiner war allerdings nur verpflichtet, die Synagogen von Kriegshaber, Pfersee und Steppach zu besuchen. Die Situation 1831 beschreibt das Handbuch für den Oberdonau-Kreis: "Schlipsheim , im k. Landgerichte Göggingen gelegen und gleichfalls zum Distrikts - Rabbinat Kriegshaber gehörig , besitzt keine eigene Synagoge, sondern die dortigen Israeliten benützen zur Abhaltung ihres Gottesdienstes ein in ihrem eigenen Wohnhause hiezu eingerichtetes Zimmer . Die schulpflichtigen Kinder sind der Schule zu Steppach einverleibt." Auch 1833 ist in Schlipsheim von 350 Einwohnern und einer Synagoge die Rede. Die immer wieder genannte Synagoge war ein nicht näher beschriebener Betsaal im "Judenhaus", wobei die einzelnen Wohnungseigentümer das Recht auf einen Synagogenstand hatten. In der Gebäudebeschreibung von 1835/40 ist allerdings kein Gebäudeteil als Gotteshaus ausgewiesen.
Die jüdische Gemeinde, also die Familien, die im "Judenhaus" wohnten, konnten 1805 dieses Gebäude vom Staat ankaufen. In den folgenden Jahren kam es jedoch zum Niedergang der Gemeinde. Daran waren sicher auch die prekären Wohnverhältnisse schuld, denn nachweisbar gab es in Schlipsheim nur ein einziges weiters jüdisches Wohnhaus. 1847 verkaufte man einen Gebäudeteil, indem die Synagoge vermutet wird. 1852 lebten im Haus noch 18 jüdische Bewohner, aber bereits 22 Christen. 1865 wurden die beiden noch vorhandenen Torarollen in München zum Verkauf angeboten. Zu dieser Zeit dürfte die Schlipsheimer Gemeinde längst Teil der jüdische Gemeinde Steppach gewesen sein, die sich selbst 1873 Augsburg anschloss.
Adresse / Wegbeschreibung
Schlipsheimer Straße 124, 126, 128, 86356 Neusäß
Literatur
- Schlipsheim. In: Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 1: Aach – Groß-Bieberau. Gütersloh 2008, Sp. 183.
- Peter Fassl (Hg.): Dokumentation zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. II. Hausbesitz um 1835/40, bearbeitet von Doris Pfister. Augsburg 1993, S. 173f.
- Gerhard Hetzer: Anmerkungen zur Geschichte der Judensiedlungen in Steppach und Schlipsheim. In: Neusäß. Die Geschichte von acht Dörfern auf dem langen Weg zu einer Stadt. Neusäß 1988. S. 239-260.
- Reinhard H. Seitz: Die einstige jüdische Religionsgemeinde zu Steppach. In: Gemeinde Steppach (Hg.): Steppach bei Augsburg. Beiträge zur Ortsgeschichte. Steppach 1978, S. 107-112.
- Karl Friedrich Hohn: Beschreibung des Königreichs Bayern nach den neuesten Bestimmungen. München 1833, hier S. 171.
