Die erste Rothenburger Synagoge war ein romanischer, rechteckiger Saalbau mit Satteldach, der vermutlich im späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert am Milchmarkt (heute Kapellenplatz) errichtet wurde. Licht kam durch Rundbogenfenster und Ochsenaugen. Auf der Nordseite lag der Eingang, daneben war eine hölzerne Frauenabteilung mit Sehschlitzen angesetzt. 1404 wurde die Synagoge mitsamt dem Tanzhaus und einem angrenzenden Grundstück von der Gemeinde an das Ratsmitglied Peter Kreglinger d.Ä. verkauft. Dieser ließ sie 1406/07 zu einer Marienkapelle umbauen und stiftete eine Ewigmesse. Ferner finanzierte er die Ausstattung und den Unterhalt des ehemaligen jüdischen Tanzhauses als Seel- oder Armenhaus mit dreißig Betten.
Gleichzeitig mit der Umwandlung zur Marienkapelle entstand ein neues, kleineres Gotteshaus im Norden der Stadt, gleich am jüdischen Friedhof. Die Synagoge hatte nur jeweils ein Paar Rundbogenfenster im Norden und Süden, im Westen beleuchteten ovale Ochsenaugenfenster die Vorhalle und die Frauenempore. Gaubenfenster im Dach lassen auf einen Lagerraum oder ähnliches schließen. Über das Innere ist nichts weiter bekannt. Bei Restaurierungsarbeiten wurde in dem 1409 erbauten Haus Judengasse 10 eine Miwke aus dem frühen 15. Jahrhundert entdeckt. Bereits am 8. Januar 1520, noch vor der erzwungenen Abwanderung der letzten jüdischen Familien, plünderte ein Mob die Synagoge. Das Gebäude wurde zu einer christlichen Wallfahrtskapelle umgebaut, wobei Stadtpfarrer Teuschlein (der auch die Menge zur Plünderung angestiftet hatte) den Abriss und einen Neubau bevorzugt hätte. Die „Kapelle zur reinen Maria“ scheint bereits im Bauernkrieg 1525 einigen Schäden erlitten zu haben. Die Steine der 1560 endgültig niedergerissenen Kapelle fanden als Baumaterial für die neue Friedhofskirche vor dem Rödertor Verwendung.
Die 1875 neu gegründete Kultusgemeinde feierte ihre Gottesdienste anfangs wohl in einem privaten „neu[en] wohleingerichtete[n] Betsaal“, der am Neujahrsfest 1876 bezogen wurde. Als Ausdruck ihrer orthodoxen Ausrichtung gab die Gemeinde auch eine Mikwe in Auftrag – Ritualbäder galten in den Augen der Progressiven nämlich als rückständig und wurden andernorts aufgegeben.
Anfang des Jahres 1888 hatte die Kultusgemeinde das Grundstück Herrnmarkt 50 (heute Herrngasse 21) erworben und richtete in den historischen Räumen ein Gemeindezentrum mit Synagoge, Schule sowie Beratungszimmern ein. Das L-förmige Anwesen mit drei Stockwerken und zwei Dachgeschossen liegt mit der Giebelseite zur Herrngasse. Die neue Nutzung machte aufwendige Umbauten notwendig. Das Treppenhaus wurde in den Hof versetzt, gleich neben der Einfahrt entstand ein beheizbares Ritualbad. Das gesamte Erdgeschoss des Hauptgebäudes blieb der Synagoge vorbehalten. Dem neuen Eingang an der Längsfassade schloss sich eine Vorhalle an, von der separate Zugänge in die Männer- und Frauenabteilung führten. Der eigentliche Betsaal spiegelte die drangvolle Enge des Gebäudes wider: An der Ostwand wurde der Toraschrein vor dem ehemaligen, vermauerten Hauseingang installiert. Nach kam 50 cm Abstand folgte bereits die
Bima, beides sehr schlicht in Holz gefertigt. Rechts und links standen Bankreihen „für Knaben“, denen sich nach Westen hin die 40 Plätze der Männer anschlossen. Zuletzt kam eine Brüstung mit hohem Sichtschutzgitter, hinter dem sich die Frauenabteilung mit nochmals 40 Plätzen befand. Zwei massive steinerne Rundpfeiler aus dem Mittelalter stützten einen nicht minder wuchtigen Deckenbalken, der die gesamten oberen Stockwerke schulterte.
Am 26. Oktober 1938 musste Josef Wimpfheimer das Gebäude für 4.380 Reichsmark an die Schreinermeister Peter Weiß und Hans Lassauer verkaufen. Anschließend wurde es in ein Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Die Inneneinrichtung und alle Ritualien gingen nach derzeitigem Kenntnisstand vollständig verloren. Nach einer umfassenden Renovierung 1999/2000 ist der ehemalige Betsaal heute ein Ladengeschäft, in die übrigen Räume zog ein Hotel ein.
Im Zuge der Neugestaltung des Kapellenplatzes brachten archäologische Grabungen die Fundamente der 1805 endgültig abgerissenen, ehemaligen romanischen Synagoge zu Tage. "Die freigelegten Fundamente stimmen in Bauweise, Ausrichtung und Lage des Haupteingangs bis ins Detail mit den beiden bekannten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert überein" (BLfD), wiewohl das Gotteshaus eigentlich an anderer Stelle vermutet wurde.
(Patrick Charell)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Herrngasse 21, 91541 Rothenburg ob der Tauber
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Rothenburg ob der Tauber. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Kartin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 542-562.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittac, Bd. 3. Fürth 1998, S. 675f.
