Jüdisches Leben
in Bayern

Oettingen Synagoge

Quellen aus der Mitte des 17. Jh. übermitteln erstmals Adressen privater Wohnhäuser, in denen sich die Israeliten zum Gottesdienst trafen. Demnach versammelte sich die jüdische Gemeinde der katholischen Herrschaft Oettingen-Wallerstein in den Jahren 1655 und 1668 im Anwesen des Juden Manasse mit der Hausnummer C 2 (heute: Schlossstraße 48). Die zur evangelischen Herrschaft gehörigen Juden trafen sich 1670 und 1684 im Anwesen C 49 (Heute: Schlossstraße 47). 1680 wurde der Versuch unternommen, ein zentrales jüdisches Gemeindezentrum für beide Kultusgemeinden zu errichten. Auf einem hinter dem Rathaus gelegenen Grundstück, das man zuvor gemeinsam erworben hatte, wurde ein Stadel zu einer Synagoge umgebaut und daneben ein Haus für den Rabbiner und seine Familie errichtet. Über diese Synagoge gibt es keine weiteren Nachrichten.

1728 ließ der Grundherr Graf Franz Albrecht von Oettingen-Spielberg im Verlauf einer Auseinandersetzung mit der jüdischen Gemeinde über willkürlich erhöhte Schutzgeldforderungen die Synagoge schließen und die Gemeindevorsteher verhaften. Erst als diese zusagten, den Wünschen des Grafen entsprechen zu wollen, übernahm dieser wieder den zuvor aufgekündigten Judenschutz und ordnete die Öffnung der Synagoge an.

Mitte des 19. Jh. reichten die Räumlichkeiten in der alten Synagoge für die stark angewachsene Gemeinde nicht mehr aus. Eine zuerst ins Auge gefasste Erweiterung des alten Sakralbaus wurde 1852 verworfen, da sich herausstellte, dass ein Neubau nicht wesentlich teurer kommen würde, dabei aber viele Vorteile mit sich brächte. Auf dem Grundstück des alten Gotteshauses (C 6, Pl. Nr. 41 ½; heute: Schäfflergasse 1) in einer Gasse hinter dem Rathaus wurde dann nach Plänen des Architekten Anton von Braunmühl die neue Synagoge errichtet. Man platzierte sie direkt an der mittelalterlichen Stadtmauer. Das neue Rabbinerhaus hat man rechtwinklig dazu angebaut. Die feierliche Einweihung des neuen Gemeindezentrums erfolgte am 30. Dezember 1853. Das Festprogramm und eine Liste der gespendeten Ausstattungsstücke sind im Heimatmuseum Oettingen erhalten. Eine Renovierung des Gotteshauses erfolgte im Jahr 1901.

Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Innere der Synagoge völlig zerstört. Der damalige Propagandaleiter, zugleich Stadtkämmerer, animierte die Kinder der oberen Volksschulklassen, mit Beilen und Hämmern die gesamte Einrichtung zu zerschlagen und aus den Fenstern zu werfen. Das umstehende Volk legte Feuer, in dem Gebetsmäntel, Bücher, Torarollen, Altarteile und weiteres Inventar verbrannt wurden. Aufgefundene Wertgegenstände, Wertpapiere und Geld nahm die Stadtverwaltung an sich. 1939 musste Max Badmann als Vertreter der jüdischen Gemeinde das Gotteshaus pro forma an die Stadt verkaufen; eine Zahlung ging jedoch nie auf einem Konto der Kultusgemeinde ein.

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Sakralbau der Jewish Restitution Successor Organization zurückgegeben, die es an den Maschinenschlosser Otto Schlotter verkaufte. 1951 entstand anstelle des Rabbinerhauses ein Neubau. Der Betsaal wurde in eine Schmiede und Werkhalle umgebaut. Die Außenmauern der 1852/53 errichteten Synagoge sind zum Großteil noch in dem heutigen Wohngebäude vorhanden. Gut erhalten ist das kreisförmige Ostfenster, das einst vom Oettinger Tabakfabrikanten Seligmann Michelbacher gestiftet wurde. Weitere Relikte der einstigen Oettinger Synagoge verwahrt das städtische Heimatmuseum.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Hager, Angela / Berger-Dittscheid, Cornelia: Oettingen, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 522-529
  • Schönhagen, Benigna Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ..." Synagogen in Schwaben mit Beiträgen von Henry G. Brandt, Rolf Kießling, Ulrich Knufinke und Otto Lohr, München 2014, S. 20f.
  • Mordstein, Johannes: „daß wür ebenfahlß Eur Hochgräffliche Excellenz gehorsame unterthanen seint.“ Partizipation von Juden an der Legislationspraxis des frühmodernen Staates am Beispiel der Grafschaft Oettingen 1637- 1806, in: Rolf Kießling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Hg.) Räume und Wege Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800 (Colloquia Augustana Band 25), Berlin 2007, S. 79-105
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 3, S. 636-641