Die jüdische Gemeinde der katholischen Linie der Grafen zu Oettingen versammelte sich in den Jahren 1655 und 1668 im Anwesen C 2 des Juden Manasse (heute Schloßstraße 48). Die Schutzjuden der evangelischen Linie beteten von 1670 bis 1684 auf der anderen Straßenseite im Anwesen C 49 (heute Schloßstraße 47). Um 1680 wurde ein Stadel hinter dem Rathaus, das man zuvor gemeinsam erworben hatte, zu einer Synagoge umgebaut. Daneben errichteten beide Gemeinden ein Haus für den Rabbiner und seine Familie. Über die Ausstattung ist nichts bekannt, vielleicht wurde aber eine Wetterfahne mit den mosaischen Gesetzestafeln beim Neubau wiederverwendet.
Mitte des 19. Jahrhunderts reichten die Räumlichkeiten in der alten Synagoge für die stark angewachsene Gemeinde nicht mehr aus. Eine zuerst ins Auge gefasste Erweiterung des alten Sakralbaus wurde 1852 verworfen, da sich herausstellte, dass ein Neubau nicht wesentlich teurer kommen würde, dabei aber viele Vorteile mit sich brächte. Auf dem Grundstück des alten Gotteshauses (C 6, Pl. Nr. 41 ½; heute: Schäfflergasse 1) in einer Gasse hinter dem Rathaus wurde dann nach Plänen des Architekten Anton von Braunmühl (1820-1858) die neue Synagoge direkt an der mittelalterlichen Stadtmauer errichtet. Zusammen mit dem rechtwinkligen Anbau des neuen Rabbinerhaus bildete das Gemeindezentrum einen L-förmiges Grundriss.
Die feierliche Einweihung des neuen Gemeindezentrums erfolgte am 30. Dezember 1853. Das Festprogramm und eine Liste der gespendeten Ausstattungsstücke sind im Heimatmuseum Oettingen erhalten. Eine Renovierung des Gotteshauses wurde Jahr 1901 durchgenommen.
Während der Novemberpogrome 1938 wurde das Innere der Synagoge völlig zerstört. Der damalige Propagandaleiter, zugleich Stadtkämmerer, animierte die Kinder der oberen Volksschulklassen, mit Beilen und Hämmern die gesamte Einrichtung zu zerschlagen und aus den Fenstern zu werfen. Das umstehende Volk legte Feuer, in dem Gebetsmäntel, Bücher, Torarollen, Altarteile und weiteres Inventar verbrannt wurden. Aufgefundene Wertgegenstände, Wertpapiere und Geld nahm die Stadtverwaltung an sich. 1939 musste Max Badmann als Vertreter der jüdischen Gemeinde das Gotteshaus pro forma an die Stadt verkaufen; eine Zahlung ging jedoch nie auf einem Konto der Kultusgemeinde ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das ehemalige Gotteshaus an die JRSO übergeben, die es an den Maschinenschlosser Otto Schlotter verkaufte. Er lies anstelle der Rabbinerwohnung 1951 einen Neubau errichten und die Synagoge zum Wohnhaus umbauen. Die Außenmauern der 1852/53 errichteten Synagoge sind zum Großteil noch in dem heutigen Wohngebäude vorhanden. Gut erhalten ist auch das kreisförmige Ostfenster, das einst vom Oettinger Tabakfabrikanten Seligmann Michelbacher gestiftet wurde. Weitere Relikte der einstigen Oettinger Synagoge verwahrt das städtische Heimatmuseum.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Schäfflergasse 1, 86732 Oettingen in Bayern
Literatur
- Benigna Schönhagen (Hg.): "Ma tovu ... Wie schön sind deine Zelte, Jakob ...". Synagogen in Schwaben. München 2014, S. 20f.
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Oettingen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 522-529.
- Johannes Mordstein: „daß wür ebenfahlß Eur Hochgräffliche Excellenz gehorsame unterthanen seint.“ Partizipation von Juden an der Legislationspraxis des frühmodernen Staates am Beispiel der Grafschaft Oettingen 1637- 1806. In: Rolf Kießling, Peter Rauscher, Stefan Rohrbacher, Barbara Staudinger (Hg.): Räume und Wege Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800 (= Colloquia Augustana Band 25). Berlin 2007, S. 79-105.
- Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 636-641.
