Die Zahl jüdischer Familien, die in Oberthulba lebten, stieg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf acht Familien an. Aufgrund dieser Anzahl darf man davon ausgehen, dass die Gemeinde damals bereits gemeinsam Gottesdienste feierte. Eine Synagoge ist erstmals 1790 genannt. Sie soll sich, einer späteren Quelle zufolge, mit dem Schulraum und der Lehrerwohnung unter einem Dach befunden haben. Dabei handelte es sich vermutlich um das Anwesen des Schulmeisters Feibel /Feibelmann (Haus-Nr. 100), in dem auch das ältere jüdische Ritualbad eingebaut war.
Die jüdische Gemeinde erwarb 1867 von Nathan Schiff den zentral bei der katholischen Kirche gelegenen Massivbau Haus-Nr. 113 mit Holzhalle und Hof, bestimmte das vorhandene Haus zum Sitz der neuen Religionsschule und plante an dessen Südseite einen rechtwinkligen Anbau, in dem die neue Synagoge Platz finden sollte (Plan-Nr. 113, heute: Ledergasse 12). Mit Hilfe einer bayernweiten Kollekte und vielen Spenden konnte die Finanzierung des Bauvorhabens auf den Weg gebracht werden. Am 22. Februar 1872 erfolgte die feierliche Einweihung des jüdischen Sakralbaus durch den Kissinger Distriksrabbiner. Die neue Synagoge war ein schlichter, eingeschossiger Bau mit Satteldach auf rechteckigem Grundriss. Ihr Zugang erfolgte vom jüdischen Schulhaus aus über einen schmalen Flur. Der Betsaal mit Flachdecke bot Platz für 50 Männersitze; an der Westseite befand sich die Frauenempore mit 30 Plätzen. Die Ausstattung, die in den 1920er Jahren durch den Kunsthistoriker Theodor Harburger begutachtet wurde, war zweckmäßig und barg keine älteren Textilien oder Ritualien.
1929 stand eine Reparatur der Synagoge an, für die der VBIG einen Zuschuss und ein zinsloses Darlehen gewährte. 1931 erfolgte letztmalig eine Sanierung des jüdischen Gotteshauses. Nachdem bis 1938 einige Mitglieder der IKG Oberthulba emigriert oder in Großstädte umgezogen waren, kam der Minjan nicht mehr zustande. Man beschloss daher den Grundbesitz der Gemeinde mit Synagoge und Schulhaus an den VBIG zu übertragen. Dieses Vorhaben wurde noch im Oktober 1938 realisiert.
Während des Novemberpogroms 1938 fuhren SA-Leute, die von Hammelburg kamen, in die umliegenden Ortschaften, um dort die jüdische Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Mob kam auch nach Oberthulba und wütete hier am 10. November zwischen 20 und 22 Uhr. Bewaffnet mit Prügeln, Beilen und anderen Werkzeugen zogen die NS-Trupps durch den Ort. Sie zerstörten Fenster und Türen der jüdischen Wohnhäuser und Geschäfte, drangen in die Wohnungen ein, stahlen die Wertsachen, zerschlugen die Möbel und vernichteten den Hausrat, die Waren und die Vorräte. Auch die Synagoge blieb nicht verschont. Ein SA-Trupp schlug die Fenster ein und demolierte anschließend die gesamte Inneneinrichtung. Die Überreste wurden verbrannt. Zahlreiche Schaulustige beobachteten die Szenerie; manche beteiligten sich auch an den Zerstörungen. Da die Gebäude der jüdischen Gemeinde laut Grundbuch dem VBIG zugesprochen waren, konnte die politische Gemeinde sie nicht einfach vereinnahmen. Sie fielen 1941 in den förmlichen Besitz der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und wurden von der Marktgemeinde als Lager für Kriegsgefangene genutzt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnten Flüchtlingsfamilien in der ehemaligen jüdischen Religionsschule und der Synagoge. 1956 war die Gemeinde im Besitz des Anwesens. Nach einem Umbau wurde der einstige Betsaal als Gefrieranlage für die Bürger zur Verfügung gestellt. Sie konnten hier ihr Fleisch aus den Hausschlachtungen aufbewahren. Später zog das Bayerische Rote Kreuz ein, dem der Saal als Übungsraum diente. 1999 wurden in dem Raum Kindergartengruppen untergebracht. Heute dient der Bau als Wohnhaus. Aufgrund der mehrmaligen Umbauten ist der ehemalige Synagogenbau nur sehr rudimentär erhalten geblieben. Das baufällige Schulhaus hat man nach 1956 abgerissen.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Adresse / Wegbeschreibung
Ledergasse 12, 97723 Oberthulba
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Oberthulba. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 239-253.
