Jüdisches Leben
in Bayern

Obbach Synagoge

Laut der um 1850 erfolgten Kataster-Uraufnahme lag die erste, 1764 erbaute Obbacher Synagoge in der Nähe des Schlossguts. Dort wirkte Mendel Simon mehrere Jahrzehnte als Vorsänger und konnte 1829 auf 57 Dienstjahre zurückblicken.

Da die alte Synagoge renovierungsbedürftig war, teilte die Obbacher Kultusgemeinde Anfang 1860 dem zuständigen Landgericht Werneck mit, dass sie plane, eine neue Synagoge zu bauen. Zuerst stand das Landgericht dem Bauvorhaben kritisch gegenüber, da die jüdische Gemeinde nur „mittelmäßig begütert“ sei.

Nach einem von einem Zimmerermeister angefertigten Baugutachten, das auf die Baumängel der Synagoge hingewiesen hatte, und mit Blick auf das von der jüdische Gemeinde angesparte Kapitel für das Bauvorhaben in Höhe von 2000 Gulden fiel die Stellungnahme des Landgerichts im Herbst 1860 deutlich positiver aus. Erwähnt wurde auch der Standort der neuen Synagoge, die anders als die abgelegene alte Synagoge an einem „würdigeren Platz“ errichtet werden sollte. Um den Neubau finanzieren zu können, veranstaltete die Obbacher Gemeinde außerdem eine von den Behörden genehmigte Kollekte in allen jüdischen Gemeinden Bayerns. Insgesamt gingen an Spenden rund 750 Gulden ein. Davon brachten allein die Obbacher Juden rund 130 Gulden – und damit annähernd ein Drittel der unterfränkischen Spenden in Höhe von rund 375 Gulden – auf. Das Spendenaufkommen der Gemeinden aus den Nachbarorten fiel je nach Größe der jüdischen Gemeinde unterschiedlich aus: Während Euerbach elf Gulden beisteuerte, gingen aus Niederwerrn 53 Gulden ein. Größere Beträge spendeten die mittelfränkischen Gemeinden in Höhe von rund 140 Euro und die oberfränkischen Juden mit rund 80 Euro.

Von 1863 bis 1865 wurde am Ortsrand von Obbach die neue Synagoge, deren Aussehen zwei Fotos aus der Zeit um 1915 und nach dem Novemberpogrom 1938 und einige Zeichnungen überliefern, im Bereich des Schlossguts errichtet. Zeitgenössische Baupläne und der Name des Architekten sind nicht überliefert. Den zweigeschossigen, aus Sandsteinquadern bestehenden Massivbau, dessen genaue Maße nicht eindeutig überliefert sind – die Quellen schwanken zwischen einer Länge von rund 16 bzw. rund 20 Metern und einer Breite von elf Metern bzw. zwölf Metern – schloss ein Satteldach ab. Die exakt versetzten Quader der Außenwände deuten darauf hin, dass das Gebäude wohl von vorneherein auf Steinsichtigkeit angelegt war. Die schlichte, aber sorgfältig ausgeführte Fassade gliederte nur ein schmales Gebälk unterhalb des Mauerkranzes.

In einer flachen, von einem kleeblattförmigen Abschluss umfangenen Nische saßen im Erdgeschoss der Ostseite das Eingangsportal und im Obergeschoss ein Doppelfenster auf. Wie das Doppelfenster waren auch die übrigen Fenster hufeisenförmig, laut Theodor Harburger „in maurischem Stil“ angelegt und setzten in der Architektur des Dorfes einen markanten Akzent. Auf der Giebelspitze der Ostseite waren die zwei Gebotstafeln angebracht.

Möglicherweise war die orientalisierende, für eine Landsynagoge untypische Architektur des Gebäudes eine Folge der Einflussnahme von Beamten der königlich-bayerischen Bauverwaltung, vielleicht sogar des Baukunstausschusses der in München angesiedelten Obersten Baubehörde.

Das Vorbild für die Obbacher Synagoge ist wohl in der Pfalz zu suchen: 1830 errichtete Friedrich von Gärtner eine typologisch und stilistisch vergleichbare Synagoge in Ingenheim.

Über den an der westlichen Schmalseite liegenden Haupteingang der Obbacher Synagoge gelangte man in einen quadratischen Vorraum. Der Betsaal mit fast quadratischem Grundriss, an dessen Ostseite der Toraschrein stand, reichte über zwei Stockwerke: Laut einem Bestuhlungsplan fanden im Erdgeschoss 122 männliche Beter Platz, während die Frauenempore auf der West-, Nord- und Südseite der Synagoge 68 Sitzplätze für die weiblichen Gemeindemitglieder bot. Mangels Quellen lassen sich bisher keine gesicherten Aussagen über die Innenausstattung treffen. Theodor Harburgers Notizen erwähnen lediglich „Silberschmuck“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Nachdem die neue Synagoge fertiggestellt worden war, verkaufte die Obbacher jüdische Gemeinde die alte Synagoge 1866 an den Gutsherrn Ernst Albert Eisfeld. Mehr als 30 Jahre später wurde das ehemalige Gotteshaus 1899 abgerissen.

Am Vormittag des 10. November 1938 steckten fünf Schweinfurter SS-Männer die Obbacher Synagoge in Brand, nachdem sie die Inneneinrichtung zertrümmert hatten. Bis zum späten Nachmittag brannte das Gebäude aus, da die SS-Männer der örtlichen Feuerwehr verboten hatte, den Brand zu löschen.

Ein halbes Jahr später, am 12. Juni 1939, erwarb das Schweinfurter Unternehmen „Erste automatische Gussstahlkugelfabrik“, die spätere Firma „Kugelfischer Georg Schäfer & Co“, die Synagogenruine von der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Nachdem das Gebäude vor Kriegsende wegen Einsturzgefahr abgerissen worden war, dienten die Steine als Baumaterial für die Mauern des Gutshofs und des Schlossparks.

Kurz vor der Deportation 1942 übergab Gerhard Bildstein im Auftrag von Kultusvorsteher Isaak Bravmann die Ritualgegenstände der Synagoge dem Obbacher Bürgermeister Vitus Baum zur Verwahrung.

Nach Kriegsende übergab Vitus Baum die Ritualgegenstände an Siegfried Ramsfelder, der die erste Würzburger Deportation überlebt hatte.

Seit 1986 erinnert eine Gedenktafel an die ehemalige Obbacher Synagoge, die 2001 in eine Gedenk- und Informationsstätte integriert wurde.


(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Gronauer, Gerhard / Sander, Johannes: Obbach mit Euerbach, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1444-1465

Weiterführende Links